taz.de -- Amoklauf im Kino von Aurora: Mörder bekommt lebenslange Haft
Die Geschworenen konnten sich im Mordprozess um das Attentat im Kino von Aurora nicht auf das Todesurteil einigen. Der Täter soll lebenslang ins Gefängnis.
Bild: Nahm ungerührt das Strafmaß entgegen: Mörder James Holmes (Archivbild vom Juni 2015).
Centennial dpa | Drei Jahre nach seinem Amoklauf in einem Kino in der US-Stadt Aurora entgeht James Holmes der Todesstrafe und soll stattdessen für den Rest seines Lebens hinter Gitter. Richter Carlos Samour verkündete am Freitagabend (Ortszeit) in Centennial bei Denver die Entscheidung der zwölf Geschworenen, ihn zu einer lebenslangen Haftstrafe ohne Chance auf vorzeitige Haftentlassung zur Bewährung zu verurteilen. Nach mehr als sechsstündigen Beratungen über zwei Tage hatten sie sich nicht auf eine Strafe für Holmes einigen können. Um die im Bundesstaat Colorado kaum noch angewendete Todesstrafe zu verhängen, wäre eine einstimmige Entscheidung der zwölf Geschworenen notwendig gewesen.
Holmes hatte im Juli 2012 zwölf Menschen in dem Kino erschossen und 70 zum Teil schwer verletzt. Er nahm das Strafmaß ohne Regung zur Kenntnis. Nach Verlesung der Entscheidung stand er mit Händen in den Hosentaschen zwischen seinen Verteidigern und blickte zu Boden. Im Gerichtssaal war während der Verlesung des Strafmaßes mehrfach kurzes Schluchzen zu hören, Angehörige neigten ihre Köpfe und weinten. Auch Holmes‘ Verteidiger trockneten sich mit Taschentüchern die Augen. Ein Mann sprang bei Verlesung der Strafe [1][laut einem Bericht] der Denver Post von seinem Platz auf und stürmte aus dem Saal – Richter Samour hatte darum gebeten, bei emotionalen Ausbrüchen vor die Tür zu gehen. Auch ein Polizist weinte dem Bericht zufolge.
Holmes war auch der „Batman-Mörder“ genannt worden, weil er bei der Premiere eines „Batman“-Filmes in die Menge geschossen hatte. Er war zunächst unbewaffnet in das Kino gekommen, dann während des Films herausgeschlichen und mit militärischer Ausrüstung wie Helm und Schutzkleidung zurückgekommen. Einige Zuschauer hielten ihn für einen Fan mit Kostüm. Dann schoss er erst mit einer Schrotflinte, dann einem Sturmgewehr und schließlich einer Pistole in die Menge. Das jüngste Opfer war eine Sechsjährige, ihre Mutter ist seit dem Attentat fast völlig gelähmt und hatte einige Tage nach dem Amoklauf eine Fehlgeburt erlitten.
Die Verteidigung hatte gefordert, Holmes in eine Psychiatrie einzuweisen. Die Staatsanwaltschaft strebte dagegen die Todesstrafe an und klagte Holmes 165 Mal an: Für jeden der zwölf Toten war Holmes des Mordes und des Totschlags angeklagt, für jeden der 70 Verletzten des versuchten Totschlags und versuchten Mordes – ergibt 164 Fälle. Der letzte und 165. Fall bezog sich auf die Sprengsätze, mit der er seine Wohnung versehen hatte.
Mildernde Umstände geprüft
Vor drei Wochen war Holmes in allen Punkten schuldig gesprochen worden. Es folgte eine zweite Phase des Prozesses, in der mildernde Umstände geprüft wurden. Die Geschworenen hätten dann die Todesstrafe ausschließen können und Holmes hätte automatisch eine lebenslange Haftstrafe ohne Chance auf eine vorzeitige Haftentlassung zur Bewährung bekommen.
Amokläufe kommen in den USA häufiger vor: Fast wöchentlich gibt es Berichte über sogenannte „active shooter“ – an Schulen, Universitäten, in Kinos, auf Parkplätzen oder vor und an militärischen Einrichtungen – teils entpuppen sie sich als Fehlalarm oder als Schüsse ohne Verletzte.
Das Kinomassaker in Colorado war der schwerwiegendste Vorfall seit dem Amoklauf eines Militärpsychologen auf dem Stützpunkt Fort Hood in Texas mit 13 Toten und 32 Verletzten im November 2009. Fünf Monate nach Holmes‘ Tat starben bei einem Amoklauf an einer Grundschule in Newtown im Bundesstaat Connecticut 27 Menschen, darunter 20 Kinder.
8 Aug 2015
LINKS
TAGS
ARTIKEL ZUM THEMA
Amoklauf an US-College: Zehn Tote nach Schießerei in Oregon
Bei einem Attentat im College von Roseburg starben mindestens zehn Menschen – auch der Schütze selbst. Obama reagiert resigniert: „Die USA stumpfen ab.“
Amoklauf in US-Kino: Er steht auf und schießt
Erneut kommt es in einem US-Kino zu Schüssen. Rund drei Jahre nach dem Amoklauf in Colorado feuert ein Mann in Louisiana um sich. Dann tötet er sich selbst.
Bluttat von Aurora: Psychiaterin warnte Polizei
James Holmes tötete 12 Menschen in einem US-Kino. Seine Psychiaterin hatte die Polizei zuvor über Mordabsichten ihres Klienten informiert, wie jetzt erst bekannt wurde.
Kino-Massaker von Colorado: Batman-Schütze fühlt sich „schuldig“
Der Mann, der bei der Kinopremiere des „Batman“-Films zwölf Menschen erschossen haben soll, will sich schuldig bekennen. Dann droht ihm nur noch lebenslange Haft.
Video der Woche: God bless guns
Todeszahlen, eine US-Flagge, Schüsse: Was nach dem Amoklauf in Newtown wie eine aktuelle Anti-Waffen-Kampagne anmutet, ist doch viel älter.
Amoklauf bei Batman-Premiere: Angeklagter soll psychisch krank sein
Psychisch krank soll er sein, der mutmaßliche Amokläufer James H. – sagen seine Verteidiger. Ihm wird vorgeworfen, bei der Premiere von „Batman“ zwölf Menschen getötet zu haben.