taz.de -- EMtaz: Kolumne Ost-Schau: Scharfe Trennlinien

Wenn Fußballfans in der Republik Moldau ein Team unterstĂŒtzen, ist das oft ein politisches Credo. Die Frage lautet auch: FĂŒr oder gegen Russland?

Bild: Freundschaftsspiel zwischen Schweden und der Republik Moldau am 3. Juni 2016 in Lugano. Zu einer EM-Teilnahme reichte es fĂŒr Moldau bisher nicht

Tatort: Der Platz vor der Oper am Boulevard Ștefan cel Mare im Zentrum der moldauischen Hauptstadt Chișinău. Trotz Nieselregens haben sich hier am Sonntagabend etwa 1.000 Fans eingefunden, um sich das Spiel Deutschland gegen die Ukraine anzusehen. Die ukrainischen Fans sind merklich in Überzahl, aber es gibt auch einige versprengte Gestalten, die T-Shirts mit den Namen von Schweinsteiger, Özil und Boateng tragen.

Auch Mariana Galben (der Nachname ist rumĂ€nisch und bedeutet „gelb“) hat sich unter die Neugierigen gemischt. Nach dem Spiel sagt sie: „Ich dachte, dass Deutschland die Ukraine mit 5:0 in Grund und Boden spielen wĂŒrde. Doch offenbar haben die Deutschen ihren Gegner geschont.“

Die 29-jĂ€hrige Journalistin ist seit frĂŒhester Jugend fußballverrĂŒckt – fĂŒr Frauen in Moldau eher eine seltene Vorliebe, was zwangslĂ€ufig zum Public Viewing mit mĂ€nnlicher Dominanz fĂŒhrt.

Doch an der heimischen Front gibt es nur wenig Anlass zur Freunde. Der Drei-Millionen-Einwohner-Staat zwischen RumĂ€nien und der Ukraine, der seit 1991 unabhĂ€ngig ist, hat zwar immerhin eine eigene Mannschaft, hat sich aber noch nie fĂŒr eine WM oder EM qualifizieren können.

Schuften im Westen oder in Russland

Auch jenseits des Sports fĂŒhrt das LĂ€ndchen ein Schattendasein. Trotz eines Assozierungsabkommens mit der EU ist die wirtschaftliche Lage desolat. Deswegen schuftet ein Großteil der erwerbstĂ€tigen Bevölkerung sowohl im westlichen Ausland als auch in Russland.

Genau zwischen diesen beiden Polen verlĂ€uft auch eine Trennlinie mitten durch die Gesellschaft. Eine HĂ€lfte sucht ihr Heil in einer AnnĂ€herung an den Westen, die andere HĂ€lfte in einer Hinwendung zum Reich von Wladimir Putin. Hinzu kommt ein seit den 90er Jahren eingefrorener Konflikt mit der abtrĂŒnnigen Region Transnistrien, die ebenfalls in Richtung Moskau schielt.

Kurz gesagt: In Moldau ist alles ein wenig unĂŒbersichtlich und vertrackt. Und genau deshalb ist Fußball eben nicht nur ein Spiel, sondern eine Art politisches Credo. So werden Teams aus LĂ€ndern unterstĂŒtzt, von wo arbeitende Verwandte Geld schicken.

Wer mit Russland nichts am Hut hat, wird der Sbornaja wĂŒnschen, dass sie so schnell wie möglich ausscheidet. Und er/sie wird natĂŒrlich aus SolidaritĂ€t fĂŒr die Ukraine grölen, die sich seit 2014 mit dem Nachbarn in einem unerklĂ€rten Krieg befindet.

Patriotische Pflicht

Und last but not least wird er/sie die rumĂ€nische Nationalmannschaft unterstĂŒtzen – ein Land, dem sich ein Teil qua Kultur, Sprache und jetzt auch eines rumĂ€nischen Reisepasses verbunden fĂŒhlt.

„Die RumĂ€nen spielen leider nicht so gut, aber immerhin haben sie sich gegen Frankreich nicht blamiert“, sagt Mariana. Und: „Diese Mannschaft zu unterstĂŒtzen ist fĂŒr mich eine patriotische Pflicht.“

Doch Patriotismus hin oder her: Mariana schreit sich auch fĂŒr die Deutschen die Kehle aus dem Hals, die sie fĂŒr einen AnwĂ€rter auf den Turniersieg hĂ€lt. „Der Schuss von Schweini“, sagt sie, „war einfach super!“

13 Jun 2016

AUTOREN

Barbara Oertel

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