taz.de -- Verein hält an Sponsor Wiesenhof fest: Werder ist Sexismus Wurst
Nach einem Bratwurst-Clip mit Anspielungen auf Gina-Lisa Lohfink distanziert sich Werder Bremen zwar von dem Video, nicht aber von Wiesenhof.
Bild: Keinen Bock auf 'nen Schlachter auf dem Trikot: Werder-Fans gegen Wiesenhof.
Hamburg taz | Seit 2012 prangt auf dem grünen Trikot des Fußballvereins SV Werder Bremen in dicken roten Buchstaben das Logo des umstrittenen Geflügelproduzenten Wiesenhof – trotz aller Kritik von Fans und Tierschützern. Jetzt hat sich der Verein von seinem Hauptsponsor distanziert. Grund ist ein sexistischer Wiesenhof-Werbespot.
Der Comedian Atze Schröder preist darin mit machohaftem Altherrenhumor seine Wurst an: „Wer lang hat, legt lang auf den Grill.“ Oder: „Sagenhafte, nicht enden wollende 20 Zentimeter.“ Er zielt in dem Video auch auf das Model Gina-Lisa Lohfink ab, die sich gerade vor Gericht gegen den Vorwurf wehrt, zwei Männer zu Unrecht der Vergewaltigung beschuldigt zu haben. Die Männer hatten ein Sexvideo veröffentlicht, in dem Lohfink deutlich „hör auf“ sagt.
In dem Wiesenhof-Spot nimmt Schröder auf das Model Bezug. [1][„Danach müssen Gina und Lisa erstmal in die Traumatherapie“], sagt er mit typischer Lockenperücke und getönter Brille in die Kamera und grinst. Mittlerweile hat sich Schröder für das Video entschuldigt. „Der Werbespot wurde vor einem Jahr gedreht und hätte niemals veröffentlicht werden dürfen“, [2][schreibt er auf Facebook.] Er sei „ausnahmslos gegen jede Form sexueller Gewalt“. Zudem engagiere er sich „öffentlich und finanziell“ für den Verein [3][Roterkeil.net], der sich gegen Kinderprostitution einsetze.
Auch Wiesenhof hat sich inzwischen entschuldigt. Vor dem Hintergrund der Berichterstattung über Lohfink hätte der Spot nicht veröffentlicht werden dürfen, sagte ein Unternehmenssprecher. Bleibt die Frage, unter welchen Umständen das Video geschmackvoller gewesen wäre.
„Ich kotz im Strahl“ schreibt Jan Delay
Das sehen auch viele Fußballfans so und kritisieren im Netz neben dem Geflügelproduzenten auch den SV Werder Bremen für die Zusammenarbeit. „Werder sollte sich langsam einen neuen Sponsor suchen“, fordert ein Twitter-Nutzer. Vorne mit dabei ist auch der Musiker Jan Delay. Der drohte sogar an, sein Amt als Werder-Botschafter vorübergehend niederzulegen. „Boah, das ist echt so unfassbar ekelig. Ich kotz im Strahl“, [4][schrieb er auf Twitter]. Werder müsse auf den Clip reagieren.
Der Verein äußerte sich auf Nachfrage nicht, veröffentlichte aber ebenfalls [5][ein Statement auf Twitter]: „Wiesenhof – dieser Spot war voll daneben! Fehlereingeständnis und Entschuldigung waren dringend geboten.“ Das sind ungewöhnlich deutliche Worte gegen den eigenen Hauptsponsor. Unmittelbare Konsequenzen werden daraus aber wohl nicht folgen. Der Vertrag läuft noch bis 2017.
„Klar sexistischer Werbespot“, heißt es aus dem Fanprojekt
Thomas Hafke arbeitet beim [6][Fanprojekt Bremen], das vom Deutschen Fußballbund, der Stadt Bremen und Werder Bremen finanziert wird, findet es trotzdem gut, dass sich der Verein distanziert hat. „Das war ein klar sexistischer Werbespot. Und das geht überhaupt nicht.“
Im Weserstadion habe er in den vergangenen Jahren nicht von Vorfällen sexueller Gewalt gehört, es sei aber wichtig, sich klar dagegen zu positionieren.
Alltäglichen Sexismus gebe es in der männerdominierten Fanwelt aber schon. „Dann heißt es, der spielt wie ein Mädchen“, sagt Hafke. Frauen, die eine Meinung zu Fußball hätten, würden nicht immer ernst genommen. „Die Ultragruppen versuchen aber, Sexismus zu vermeiden.“ Die Antidiskriminierungs-AG organisierte eine Choreografie im Weserstadion unter dem Motto „Football has no gender“.
Dass sich Werder nur von dem Video distanziert, nicht aber den Sponsor wechselt, wie es viele Fans fordern, findet Hafke in Ordnung. „Wir als Fanprojekt mischen uns bei der Sponsorensuche nicht ein.“
27 Jun 2016
LINKS
[1] https://www.youtube.com/watch?v=UD5Vsxr75ps
[2] https://www.facebook.com/atzesrevolution/posts/10154962684837785:0
[4] https://twitter.com/jan_delay
[5] https://twitter.com/werderbremen?lang=de
[6] http://www.fanprojektbremen.de/
AUTOREN
TAGS
ARTIKEL ZUM THEMA
Sponsoren-Rochade bei Werder Bremen: Häuser statt Hühner
Das Bauunternehmen Matthäi wird neuer Hauptsponsor von Werder Bremen. Elf Jahre lang war das der umstrittene Geflügelkonzern Wiesenhof.
Sexualisierte Gewalt im Fußball: Es muss sich mehr tun
Praktische Maßnahmen gegen sexualisierte Gewalt im Fußball sind noch rar. Immerhin scheint das Bewusstsein zu wachsen, dass es ein Problem gibt.
Nabu in Niedersachsen bekommt Recht: Wiesenhof muss kürzer treten
Der Fleisch-Riese Wiesenhof muss in Sachen Grundwasserförderung für seinen Schlachthof bei Lohne kürzer treten. Er hat bereits einen neuen Antrag gestellt
Sexismus im tschechischen Fußball: Über die rote Linie
Zwei Fußballprofis von Sparta Prag beleidigten eine Schiedsrichterin. Jetzt dürfen sie mit dem Frauenteam trainieren.
Erster Sieg in der Bundesliga-Saison: Werder trifft
Werder Bremen hat ein Fußball-Spiel gewonnen. Mit einem knappen 2:1 gegen VfL Wolfsburg holte sich der Verein den ersten Sieg der Saison in letzter Minute.
Prozess um angebliche Vergewaltigung: Niederlage für Gina-Lisa Lohfink
Das Gericht verurteilt das 29-jährige Model wegen falscher Verdächtigung. Sie muss 20.000 Euro zahlen. Der Sex sei einvernehmlich gewesen, heißt es.
Prozess gegen Gina-Lisa Lohfink: Offenbar keine K.-o.-Tropfen im Spiel
Das Model sei in der umstrittenen Nacht wach und orientiert gewesen, sagt ein Medikamentenexperte. Er schließt den Einsatz von K.-o.-Tropfen aus.
Sexismus auf Kulturfestivals: Ermittlungen gegen Grapscher
Bei der Breminale ist es zu sexuellen Übergriffen gekommen. Auch beim Maschseefest in Hannover bereiten sich die Veranstalter auf Grapscher vor.
Kommentar Gina-Lisa Lohfink vor Gericht: Nur eine von vielen
Der Fall Gina-Lisa Lohfink zeigt, wie überfällig eine Verschärfung des Sexualstrafrechts ist. Aber das macht sie nicht zu einer Vorkämpferin.
Fragen und Antworten zum Verfahren: Worum geht es beim Lohfink-Prozess?
Hat das Verfahren gegen Lohfink rechtspolitische Bedeutung? Das hängt davon ab, wie das Gericht das Tatgeschehen interpretiert.
Kommentar Wiesenhof-Werbespot: Armes Würstchen
Atze Schröder betont in einem Clip mit Pimmel-Witzen, wie lang die Wurst ist. Dann ganz beiläufig: ein Rekurs auf „Gina und Lisa“. Das ist verstörend.
Der Fall Gina-Lisa Lohfink: #TeamGinaLisa ist ein Erfolg
Feministinnen solidarisieren sich mit dem Model Gina-Lisa Lohfink. Das hat für Verwirrung gesorgt. Dabei ist die Reaktion nur folgerichtig.