taz.de -- Von Flüchtlingen besetzte Schule in Berlin: Bezirk klagt gegen die Bewohner

Friedrichshain-Kreuzberg will die Geflüchteten aus der ehemaligen Schule klagen. Die Verhandlungen seien gescheitert, sagt die Bezirksbürgermeisterin.

Bild: Ende 2014 sitzen Geflüchtete und Unterstützer vor der ehemaligen Gerhart-Hauptmann-Schule

Berlin taz | Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg startet einen neuen Anlauf, um die verbliebenen Bewohner der ehemaligen Gerhart-Hauptmann-Schule in Kreuzberg loszuwerden. Nach taz-Informationen hat das Bezirksamt eine zivilrechtliche Räumungsklage beim Amtsgericht Tempelhof-Kreuzberg eingereicht. Nun muss die Klage den 24 Bewohnern beziehungsweise ihrer Rechtsvertretung zugestellt werden – ob dies bereits geschehen ist, war am Mittwochnachmittag unklar.

Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) bestätigte im Gespräch mit der taz die Klage. Sie zeigte sich enttäuscht, dass dieser Weg nun nötig geworden sei: „Den Bewohnern sind sehr weitgehende Angebote gemacht worden. Am Ende haben sie alles, alles abgelehnt“, sagte Herrmann.

Ihr zufolge verharren die zwölf im Haus verbliebenen Männer, sowie zwölf weitere Betroffene, die sich einst erfolgreich gegen eine Räumung gewehrt hatten, auf ihrer Forderung, einen rechtlichen Status als Flüchtlinge zu erlangen. Dieser Lösung stehe allerdings die Senatsverwaltung des Inneren um Senator Frank Henkel (CDU) im Weg. Die Männer seien allesamt ohne Duldung oder gar Aufenthaltserlaubnis.

Henkel selbst reagierte am Nachmittag: „Es ist ein kleines Wunder, dass sich Frau Herrmann endlich dazu durchringt, Recht und Ordnung in der Gerhart-Hauptmann-Schule wiederherzustellen.‎ Das begrüße ich sehr“, sagt er und fügte hinzu: „Es wäre wichtig, zu einem ‎juristischen Erfolg gegen die Besetzer zu kommen. Ich hoffe, dass Herrmanns lange Tatenlosigkeit die Chancen vor Gericht nicht verschlechtert hat.“

Herrmann betonte, dass an Lösungen alles diskutiert wurde, „was die Phantasie hergibt“. Auch sei es den Bewohnern und ihren Unterstützern nicht gelungen, einen Träger für ein von ihnen selbst verwaltetes Flüchtlingszentrum zu finden. Eine Integration in den so genannten „Campus Ohlauer“, der derzeit vom Bezirk auf dem Gelände errichtet wird, ist damit vom Tisch. In einem Neubau auf dem Schulgelände sollen Wohnungen für sozial Schwache, Studierende, Geflüchtete und von Obdachlosigkeit betroffene Frauen errichtet werden, dazu eine Fahrradtiefgarage und eine Bibliothek.

Zeithorizont unklar

Der Nordflügel des Schulgebäudes ist bereits renoviert und soll Platz für 110 Geflüchtete bieten. Abgetrennt von dem Projekt ist der besetzte Südflügel. Wie viel Zeit bis zu einer Gerichtsentscheidung und einer eventuellen Räumung der Bewohner vergehen werde, konnte Herrmann nicht sagen. Ebenso wenig, wie es um die Erfolgschancen in dem Prozess bestellt ist.

Was mögliche Reaktionen betrifft, zeigte sich die Herrmann gelassen, auch wenn die Unterstützung für die Geflüchteten insbesondere aus der linken Szene in der Vergangenheit enorm war. „Das ist kein unangenehmes Thema für mich, sondern für das Land Berlin. Wir als Bezirk haben bis zur Grenze des Möglichen getan, was wir konnten“, so Herrmann. Die Grüne will auch nach der Wahl weiter als Bezirksbürgermeisterin arbeiten.

Die ehemalige Hauptmann-Schule in der Ohlauer Straße war im Dezember 2012 von Flüchtlingen besetzt worden. Zeitweilig lebten dort bis zu 200 Menschen. Im Sommer 2014 endete ein Räumungsversuch nach tagelangen Protesten mit der Unterzeichnung eines Einigungspapier, das mehreren Dutzend Bewohnern den Verbleib zusicherte.

Ein Jahr später wollte der Bezirk diesen Zustand juristisch beenden, scheiterte aber am Einspruch von 24 Bewohnern vor dem Verwaltungsgericht. Dieses argumentierte, es müsse geprüft werden, ob die Betroffenen ein Wohnrecht erworben hätten. Besondere Gründe für eine Räumung, etwa eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit, verneinte das Gericht.

Ende September 2015 wurde dieses Urteil in zweiter Instanz vor dem Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg bestätigt. Die Eigentümerrechte müssten vor einem Zivilgericht eingeklagt werden, hieß es damals. Diesen Weg geht der Bezirk nun.

3 Aug 2016

AUTOREN

Erik Peter

TAGS

Gerhart-Hauptmann-Schule

Friedrichshain-Kreuzberg

Monika Herrmann

Flüchtlinge

Ohlauer Straße

Gerhart-Hauptmann-Schule

Andreas Geisel

Görlitzer Park

Grüne Berlin

Gerhart-Hauptmann-Schule

Schwerpunkt Flucht

Gerhart-Hauptmann-Schule

Flüchtlinge

Gerhart-Hauptmann-Schule

Gerhart-Hauptmann-Schule

Flüchtlingscamp Oranienplatz

Flüchtlinge

Berlin

ARTIKEL ZUM THEMA

Besetzte Flüchtlingsschule in Berlin: Landgericht erlaubt Räumung

Die in der Hauptmann-Schule verbliebenen Flüchtlinge dürfen geräumt werden. Eine Auseinandersetzung mit der linken Szene droht.

Räumungsklage gegen Flüchtlinge: Malen nach Zahlen

Friedrichshain-Kreuzberg will die Bewohner aus der Schule in der Ohlauer Straße klagen. Doch der Bezirk weiß nicht, welche Räume sie nutzen.

Flüchtlinge in Berlin: Oranienplatz, letzte Runde

Gegen die verbliebenen Flüchtlinge der besetzten Schule wird geklagt. Derweil such der Innensenator nach Bleibeperspektiven.

Grüne in Kreuzberg: Einzelkämpfer tritt ab

In Friedrichshain-Kreuzberg wird ein neues Bezirksamt gewählt. Ihren alten Baustadtrat Hans Panhoff wollen die Grünen nicht mehr dabeihaben. Eine Bilanz.

Grüne in Friedrichshain-Kreuzberg: Gutmensch steht zur Wahl

Es wird spannend: Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann will zum ersten Mal gewählt werden. Sie steht hart in der Kritik.

Unterbringung von Flüchtlingen: Neues Kreuzberger Modell

Seit Monaten steht in einer ehemaligen Schule eine fertige Flüchtlingsunterkunft leer. Nun bietet der Bezirk dem Land das Gebäude sogar mietfrei an.

Kommentar besetzte Schule in Kreuzberg: Grüne Wahlkampfsymbolik

Der Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg will die Geflüchteten erneut aus der ehemaligen Schule klagen. Gleichzeitig beginnt der Wahlkampf.

Flüchtlingsschule in Berlin-Kreuzberg: Nicht mal die Post kommt durch

Über die Räumung der einstigen Hauptmann-Schule wird wohl nicht mehr vor der Wahl entschieden. Bisher kennen die Bewohner die Nachricht nur aus der Zeitung.

Abschiebungen in Europa: Menschen weg, Menschen her

Die Dublin-Regeln werden wieder strikter angewendet, Flüchtlinge in ihr Erst-Aufnahmeland überstellt. Nach Deutschland kommen mehr Menschen als gehen müssen.

Baupläne für besetzte Schule in Berlin: Echter Kreuzberger Mikrokosmos

Trotz Quotierung für alles Mögliche stoßen die Pläne für das Wohnprojekt in der Hauptmann-Schule auf Kritik. Eine Bürgerbeteiligung wird nachgeholt.

Besetzte Flüchtlings-Schule in Kreuzberg: Von der Sehnsucht, gehört zu werden

Kurz bevor Flüchtlinge in einem anderen Flügel der Hauptsmann-Schule einziehen, appellieren die verbliebenen Besetzer an den Bezirk, mit ihnen zu reden.

Gerhart-Hauptmann-Schule: Dieses Haus soll noch bunter werden

In der einstmals besetzten Gerhart-Hauptmann-Schule tut sich was: Ende Januar öffnet dort eine neue Flüchtlingsunterkunft.

Flüchtlinge: Notunterkunft versus Refugee Center

Der Bezirk will in der besetzten Gerhart-Hauptmann-Schule in Kreuzberg eine Notunterkunft einrichten.

Besetzte Flüchtlingsschule in Berlin: Kampf hinter verschlossenen Türen

Noch immer harren 24 Geflüchtete in der Gerhart-Hauptmann-Schule in Kreuzberg aus. Der Bezirk würde sie gern loswerden. Doch das müsste nicht sein.

Was bleibt vom Flüchtlingsprotest?: Der Glaube an den Widerstand

Im Frühling 2014 wurde das Zeltlager auf dem Berliner Oranienplatz geräumt. Der Kampf der Flüchtlinge aber geht weiter.