taz.de -- Tunesiens Ministerpräsident in Berlin: Merkel hat es eilig

Youssef Chahed muss über die Rücknahme von rund 1.500 ausreisepflichtigen Landsleuten verhandeln, die in Deutschland kein Asyl erhalten haben.

Bild: Warten – hinterm Zaun in einer Flüchtlingsunterkunft

Berlin taz | Geld statt staatĺicher Härte – so in etwa kann man das umschreiben, worauf sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Tunesiens Ministerpräsident Youssef Chahed verständigt haben. Bei der gemeinsamen Pressekonferenz im Bundeskanzleramt mit Chahed, der Berlin seit Dienstag besucht, machte Merkel klar, dass sie in die Rückführungspolitik deutlich mehr Tempo bringen möchte.

Aktuell halten sich laut Merkel etwa 1.500 ausreisepflichtige tunesische Bürger in Deutschland auf. Im vergangenen Jahr seien nur 116 von ihnen tatsächlich ausgereist. „Da müssen wir schneller werden“, sagte die Kanzlerin.

Die Bundesregierung will abgelehnten tunesischen AsylbewerberInnen die freiwillige Rückkehr schmackhaft machen. Denkbar seien laut Merkel Bildungsangebote und Hilfen bei Unternehmensgründungen. Über Details wollen Chahed und Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) an diesem Mittwoch reden.

Der Ministerpräsident zeigte sich einverstanden. Er betonte aber auch, dass vor jeder Rückführung die Identität der Betroffenen zweifelsfrei feststehen müsse. Bislang sind Abschiebungen abgelehnter Asylbewerber in Maghrebstaaten auch deshalb schwierig, weil die Herkunftsländer Sammelabschiebungen ablehnen.

Der tunesische Premier äußerte vor den JournalistInnen die Erwartung, dass sein Land vom sogenannten Marshallplan für Afrika profitiert, den Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) angekündigt hat. Zum Thema Auffanglager sagte Merkel, dieses Wort sei nicht Teil ihres Sprachschatzes. Stattdessen redete sie von „bestimmten Einrichtungen“ in Nordafrika, mit denen Flüchtlinge von der Fahrt über das Mittelmeer abgehalten werden sollten.

Im vergangenen Jahr kamen auf See 4.600 Menschen ums Leben. Der Gedanke, das Leben der Flüchtlinge zu retten, habe sie auch beim Abkommen mit der Türkei geleitet, sagte sie. „Ähnliches wollen wir im Blick auf nordafrikanische Länder tun.“ Merkel kündigte an, bald nach Tunesien zu reisen. Anfang März soll es so weit sein.

14 Feb 2017

AUTOREN

Anja Maier

TAGS

Schwerpunkt Flucht

Tunesien

Staatsbesuch

Schwerpunkt Angela Merkel

Rückführung

Schwerpunkt Flucht

Nordafrika

Schwerpunkt Flucht

Tunesien

Maghreb

Schwerpunkt Flucht

Bootsflüchtlinge

Schwerpunkt Anschlag auf Berliner Weihnachtsmarkt

Terrorismus

ARTIKEL ZUM THEMA

Kritik an Österreichs Flüchtlingspolitik: Gabriel erklärt die Welt

Der Außenminister reist nach Österreich. Und erklärt seinem Amtskollegen, wie europäische Flüchtlingspolitik funktioniert – eher undiplomatisch.

Flüchtlingspolitik in Nordafrika: Gabriel gegen Auffanglager

Merkel will mehr Geflüchtete schneller zurück nach Nordafrika schicken. Außenminister Gabriel hält die Idee hingegen für „nicht durchdacht“.

Auffanglager in Tunesien: Der Premier im Zangengriff

In Tunesien demonstrieren Tausende: gegen aus dem Irak oder Syrien zurückkehrende Dschihadisten und Auffanglager für Flüchtlinge.

Menschenrechtsverletzungen in Tunesien: Opposition kritisiert Abschiebungen

Im Kampf gegen den Terror dringt die Bundesregierung auf mehr Zusammenarbeit mit Tunesien. Doch laut Amnesty werden dort Menschenrechte verletzt.

Abschiebung abgelehnter Asylsuchender: Mehr Maghreb, weniger Afghanistan

Die Zahl der Abschiebungen in den Maghreb steigt. Bei Ausweisungen nach Afghanistan aber zögern immer mehr Bundesländer. Der Grund: die Sicherheitslage.

Kritik an SPD-Forderung zu Flüchtlingen: Gegenwind aus den eigenen Reihen

Der Vorstoß Oppermanns, Flüchtlinge vom Mittelmeer nach Nordafrika zurückzuweisen, trifft auf Widerspruch. Ein Vorwurf: Skrupellosigkeit.

SPD-Fraktionschef über Bootsflüchtlinge: Nach Nordafrika zurückbringen

Thomas Oppermann plädiert für eine Rückführung geretteter Mittelmeerflüchtlinge. Deutschland müsse stärker Fluchtursachen bekämpfen.

NRW streitet um Fall Amri: Wurde Berlin-Attentäter unterschätzt?

Haben die Behörden die Terrorgefahr von Anis Amri unterschätzt? Die Opposition beklagt Fehler und Ungereimtheiten.

Tunesien und seine Jugendlichen: Die Heimat der Heimatlosen

Hoffnungsträger des Arabischen Frühlings und Brutstätte des Terrors: Warum kommen so viele Dschihadisten gerade aus Tunesien?