taz.de -- Expirat Lauer über Indymedia-Verbot: „Die Seite wird woanders auftauchen“

Das Verbot der Webseite ist richtig, sagt Ex-Pirat und jetzt SPD-Genosse Christopher Lauer. Aber es sei falsch begründet und so nicht umsetzbar.

Bild: „Für viele Beamte ist Indymedia die einzige Quelle, um sich über die linke Szene zu informieren“: Christopher Lauer

taz: Herr Lauer, CDU-Bundesinnenminister Thomas de Maizière [1][hat linksunten.indymedia verboten]. Wie finden Sie das?

Christopher Lauer: Ich halte das für richtig, aber in der Form, wie das geschehen ist, für nicht umsetzbar.

Wieso nicht?

Das Bundesinnenministerium hat Indymedia einfach zum Verein erklärt und diesen Verein dann verboten. Da könnte man auch Facebook zum Verein erklären und verbieten.

Warum halten Sie ein Verbot dennoch für richtig?

In meiner Zeit als innenpolitischer Sprecher der Piratenfraktion habe ich beim Senat zu dem Thema eine Anfrage gestellt: Ob bekannt ist, dass Mitarbeiter der Sicherheitsbehörden selbst Beiträge auf linken Internetseiten wie Indymedia verfassen?

Polizisten und Verfassungsschutzmitarbeiter also?

Auch Beamte vom Staatsschutz, verdeckte Ermittler beziehungsweise V-Personen. Zu letzteren beiden wurde mir natürlich nicht öffentlich geantwortet. Ansonsten konnte der Senat das nicht ausschließen. Mir ist kein Fall bekannt, aber es hat mich einfach interessiert.

Warum sollten sich Polizisten bei Indymedia austoben?

Indymedia rühmt sich, nicht wissen zu wollen, wer da was postet. Das ist die ideale Plattform nicht nur für Sicherheitskräfte, sondern für jedermann.

Klingt ein bisschen nach Verschwörungstheorie.

Dass beim Berliner Verfassungsschutz NSU-Akten geschreddert werden, klingt auch nach Verschwörungstheorie, ist aber so passiert.

Dann erläutern Sie bitte noch mal Ihre Theorie.

Die Schwierigkeit bei Ermittlungen, zum Beispiel wegen Autobrandstiftung, ist doch die: Alle Beweise sind verbrannt. Deshalb greift die Polizei so oft zu Maßnahmen wie der Funkzellenabfrage. Die Ermittler verfügen über ein immenses Tatwissen. Es ist ganz einfach, bei Linksunten ein Bekennerschreiben in wirrem linken Duktus zu veröffentlichen. Bekennerschreiben mit Details werden ja als besonders authentisch angesehen.

Aber was wäre das Motiv?

Darüber muss ich nicht spekulieren. Und es muss ja nicht mal die Polizei sein: Versicherungsbetrüger brennen ihr Auto ab, weil die Firma kurz vor der Insolvenz steht und veröffentlichen ein Bekennerschreiben bei Indymedia. Nazis fackeln ein Auto ab und schieben es Linken in die Schuhe.

Ist das Verbot für die Sicherheitsbehörden nicht eher ein Schuss ins eigene Knie?

Natürlich. Für viele Beamte ist Indymedia die einzige Quelle, um sich über die linke Szene zu informieren.

Der Server steht angeblich in Frankreich. Wie lange wird es dauern, bis sich linksunten.indymedia neu im Netz formiert hat?

Sollte der Server tatsächlich in Frankreich stehen, wird es über ein europäisches Rechtshilfeersuchen einfach möglich sein, ihn abzuschalten. Ich denke nur, dass die Seite schnell wieder woanders auftauchen wird. Der Effekt wird gleich null sein, und Thomas de Maizière hatte noch mal kurz vor der Wahl ein bisschen Show gehabt.

25 Aug 2017

[1] /linksuntenindymedia/!5442202

AUTOREN

Plutonia Plarre

TAGS

Christopher Lauer

Indymedia

Innenminister Thomas de Maizière

Verbot

Grüne Berlin

Polizei Berlin

Schwerpunkt Überwachung

Schwerpunkt G20 in Hamburg

Indymedia

Indymedia

Indymedia

Indymedia

Indymedia

Indymedia

ARTIKEL ZUM THEMA

Ex-Pirat Lauer will ins Abgeordnetenhaus: „Ich habe nichts zu verlieren“

Er war Pirat, dann bei der SPD. Nun hofft Christopher Lauer auf ein Direktmandat für die Grünen. Er sagt: Der Kampf fürs Klima treibe ihn an.

Funkzellenabfrage in Berlin: Ein klein wenig mehr Transparenz

Der Senat hat ein System entwickelt, um besser über Funkzellenabfragen zu informieren. Allzuviele dürfte das nicht erreichen. Wochenkommentar II

Transparenz bei Funkzellenabfragen: Neuland für Bürgerrechte

Funkzellenabfragen waren bislang für den Einzelnen nicht nachvollziehbar, dabei ist die Information Pflicht. Berlin geht jetzt einen neuen Weg.

Indymedia-Aktivist über Schließung: „Angriff auf die Gegenöffentlichkeit“

Das Bundesinnenministerium hatte die Internetplattform sieben Wochen nach den G20-Krawallen verboten. Die taz hat mit einem Aktivisten des Netzwerks gesprochen.

Gesperrte Indymedia-Website: Klagen gegen „linksunten“-Verbot

Die angeblichen Betreiber klagen gegen das Verbot der Indymedia-Website „linksunten“. Die Seite bleibt zunächst weiter unerreichbar.

Verbot von linksunten.indymedia.org: Waffen, Waffen, Waffen

Für das Linksunten-Verbot spielt es keine zentrale Rolle, ob die Betreiber selbst Waffen besitzen. Für die öffentliche Wahrnehmung schon.

Verbotsverfügung gegen „linksunten“: „Billigung von Straftaten“ erleichtert

Die Betreiber der Seite sollen selbst keine Strafdelikte begangen haben, aber sie hätten kommunikative Straftaten anderer ermöglicht, so der Vorwurf.

Kommentar Verbot von „linksunten“: Keine Sorge, der Feind steht links

Der Innenminister will die linksradikale Plattform „linksunten.indymedia“ abschalten. Damit zeigt er, wo seine politischen Prioritäten liegen.

Verbot von „linksunten.indymedia“: Zurzeit offline

„linksunten.indymedia“ ist nicht mehr abrufbar. Die Staatsanwaltschaft ermittelt jedoch nicht. Die Reaktionen fallen gemischt aus.

„linksunten.indymedia“: De Maizière verbietet linke Website

Ein deutscher Ableger des „Indymedia“-Netzwerks ist verboten worden. Die Ermittlungen gegen die Betreiber laufen offenbar schon länger.