taz.de -- „Tatort“ aus Kiel: Wenige Menschen, so viel Böses

Die Sünde lauert dort, wo die Landschaft sich als frei und unberührt tarnt: Den Kieler Ermittler Borowski zieht es diesmal auf die Insel Suunholt.

Bild: Wie Borowski es sagt: „Ich habe mich gefragt, warum einem hier – an einem so friedlichen Ort – eine solche Scheiße passiert“

Es ist grau hier oben im Norden: der Himmel, das Meer, der Nebel. Auch auf der Fähre, die Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) zur Insel Suunholt bringt, ist es grau. Trotz der Farben. Trotz der Leute. Es ist der Gemütszustand: grau.

Borowski muss da rüber, allein, ohne seine langjährige Partnerin Sarah Brandt (Sibel Kekilli), die ausgestiegen ist. Auf Suunholt wurde ein Mann tot in seiner Badewanne gefunden, der offiziell schon längst tot war: Oliver Teuber, ein korrupter Bauamtsmitarbeiter aus Kiel. Sein Fall war einst als Mord ohne Leiche abgeheftet worden.

Suunholt ist eine fiktive nordfriesische Insel. Sie ist das, was Urlauber als Paradies bezeichnen. Mit viel Strand und reetgedeckten Häusern. Famke Oeyen (Christiane Paul) wohnt in so einem Reetdachhaus. Blau und weiß angemalt liegt es hinter einer Düne wie friesisches Porzellan auf einer Kaffeetafel. In diesem Haus starb Oliver Teuber.

Vor Frau und Kindern und Strafverfolgung und Verbrechern geflohen, hatte er bei Famke Oeyen Unterschlupf und Liebe gefunden. Sie ist die Femme fatale der Insel, trägt Pelz und einen kurzen Rock. Alle Frauen hassen sie. Alle Männer hatten schon was mit ihr. Und hassen sie deswegen auch. Und natürlich sitzt sie eines späten Abends auch vor Borowskis Hotelzimmertür.

Die Sünde, oder das, was einige dafür halten, lauert halt im Besonderen dort, wo sich die Landschaft als frei und offen und unberührt tarnt. Oder wie Borowski es sagt: „Ich habe mich gefragt, warum einem hier – an einem so friedlichen Ort – eine solche Scheiße passiert.“

Das kennen wir aus den Schweden-Krimis von Henning Mankell, der bis zu seinem Tod vor gut zwei Jahren auch für den Kieler Borowski-„Tatort“ schrieb. Skandinavien ist hier, im nördlichsten Kreis der Bundesrepublik, halt nie weit weg. Auch auf Suunholt trägt jede und jeder ein Geheimnis mit sich, das es zu hüten gilt. Wenige Menschen, so viel Böses.

Wie in dem Küstenort Rungholt, der wohl Namenspate stand für Suunholt. Rungholt ist ein Mythos. In der Realität war es nur ein Hafenort, der inklusive seiner Bewohner im 14. Jahrhundert der „Groten Mandränke“, dem Großen Ertrinken, zum Opfer fiel.

Doch wen interessiert schon die Realität, wenn es Sagen gibt, die von großem Reichtum und noch größerer Lasterhaftigkeit erzählen – und davon, dass Rungholts Untergang eine Strafe Gottes gewesen sei? Und wie in der Sage um Rungholt verschwimmen auch in diesem düsteren „Tatort“ Fiktion und Realität. Anschauen.

25 Feb 2018

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Jürn Kruse

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