taz.de -- Kommentar gefährlicher Hund: Chico muss sterben
Am Tod des Hundes Chico führt kein Weg vorbei. Denn niemand weiß, warum er zubiss, und niemand kann ausschließen, dass er es wieder tut.
Chico muss sterben. Daran führt kein Weg vorbei. Der Staffordshire-Mischling hat [1][zwei Menschen tot gebissen]. Nicht irgendwelche Fremden, die er nachts im Park als Bedrohung empfunden hat, sondern seine Bezugspersonen. Die Ursache ist vollkommen unklar. Und weil niemand sagen kann, was den Hund getriggert hat, kann auch niemand ausschließen, dass Chico wieder zubeißt.
Es ist beeindruckend, wie effektiv Tierschützer mobilisieren. Fast 250.000 Menschen haben dafür unterschrieben, dass der Hund leben darf. Die Unterzeichner verklären jedoch das Bild des Hundes, „der nicht viel Sonne in seinem Leben sah“. „Chico verdient es, endlich zu leben! Und geliebt zu werden“, heißt es in der Petition.
Bei all dieser Hundeliebe verlieren die Initiatoren zwei Dinge aus dem Blick: Die tatsächliche Gefährlichkeit des Hundes – und die Opfer. Es schwingt vielmehr ein „selber Schuld“ mit, wenn die Tierschützer darauf hinweisen, dass das Problem „am anderen Ende der Leine“ liege.
Da ist sicher etwas Wahres dran. Kein Hund ist von Natur aus aggressiv. In den USA etwa gelten Staffordshire Terrier als geeignete Familienhunde. Auch bei Chico ist das Problem wohl hausgemacht. Die Frau im Rollstuhl und ihr kranker Sohn waren mit dem Tier offenbar überfordert.
Aber anstatt zu fordern, dass solche Halter besser unterstützt werden oder deutschlandweit ein Sachkundenachweis für alle Hundehalter eingeführt wird, wollen die Petitionisten nur einen Hund retten, von dem auch auf einem Gnadenhof niemand sagen kann, ob er nicht irgendwann aus dem Nichts einen ehrenamtlichen Tierpfleger angreift.
Das ist fahrlässig. Bei aggressiven Tieren gilt zuerst der Schutz der Menschen in ihrer Umgebung. Und selbst wenn man die Argumentation der Tierschützer versteht, die es ungerecht finden, dass dieser Hund nie eine Chance bekommen hat, ein netter Familienhund zu werden, gibt es zu seinem Tod keine Alternative. Denn selbst mit intensiver Verhaltenstherapie ist es unwahrscheinlich, dass Chico je ein so netter Hund wird, wie der, den die Unterzeichner in ihm sehen wollen.
10 Apr 2018
LINKS
AUTOREN
TAGS
ARTIKEL ZUM THEMA
Nach dem Tod des Hundes Chico: Tierschützer fordern Vergeltung
Der Tierschutzverein Hannover wird von militanten Tierschützern beleidigt und bedroht. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft.
Nach tödlichem Angriff auf Menschen: Chico ist tot
Nach der tödlichen Beißattacke auf seine Besitzer ist der Hund „Chico“ eingeschläfert worden. Kurz war überlegt worden, das Tier in ein spezielles Heim zu bringen.
Kolumne Liebeserklärung: Kampfhund Chico
Schlecht beleumundet und verachtet: ein Hund jenseits der Mainstreamgesellschaft. Aber die Agitation ist Klassenkampf von oben.
Kolumne Fremd und befremdlich: Bessere Geschöpfe
Schweine stehen Hunden in nichts nach. Aber der Hund ist der König unter den Tieren in der Menschenwelt. Nur so lässt sich die Online-Petition „Lasst Chico leben! erklären.
Einschläfern oder nicht?: Hundeschicksal mobilisiert Massen
Die Stadt Hannover prüft, ob der Hund, der seine Halter tot gebissen hat, eingeschläfert werden soll. 250.000 Menschen fordern per Online-Petition, den Hund leben zu lassen.
Neues Hundegesetz in Berlin: Bello muss jetzt an die Leine
Jetzt hat Verbraucherschutzsenator Heilmann (CDU) doch noch was erreicht: Sein Hundegesetz ist verabschiedet worden. Mal sehen, ob sich jemand dran hält.
Tierheim zu teuer?: Bürgermeister ließ Hunde töten
Ein Bürgermeister in Niedersachsen ließ zwei Terrier töten. Die Geldstrafe wegen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz akzeptiert er nicht.
Peiner Tierheim macht dicht: Kein Platz für gefährliche Hunde
Das Tierheim Peine nimmt wegen zu hoher Kosten keine gefährlichen Hunde mehr auf. Tierschutzvereine beklagen, immer mehr Tiere seien unvermittelbar.
Liberaler Programm-Entwurf online: Auf den Hund gekommen
1.089 Textzeilen können nicht irren: Die FDP stellt sich zur Wahl. Sie lockt mit einem neuen Hundegesetz, kontrollierter Heroin-Vergabe und dem Verkauf der Parkhäuser.
Streit um Hunde: Halterkunde statt Rassismus
Dass „Kampfhunde“ gefährlicher sind als andere, ist wissenschaftlich nicht belegt, sagen Tierschützer. Sie fordern Reformen. Die Politiker bleiben skeptisch.
Kommentar Hundegesetz: Gut gebellt
Wenn Hundehalter Sachkunde erwerben müssen, dient das einem besseren Miteinander von Mensch und Hund - und damit auch dem Tierschutz.
Neues Hundegesetz: Niedersachsen beendet Rassismus
Jeder Hund in Niedersachsen muss ab 1. Juli registriert werden. Wer ein Tier anschafft, muss eine Eignungsprüfung ablegen. Ziel ist mehr Sicherheit, aber es bleiben erhebliche Lücken.