taz.de -- Kommentar Seehofer und die CSU: Ein simpler Bazi
Die Zeiten haben sich geändert. Seehofer ist kein Super-Bazi mehr. Der Krieg gegen Söder war immer armselig, der Sieg ist teuer erkauft.
Bild: Crazy Horst bei der Arbeit
Müssen wir uns Horst Seehofer als einen glücklichen Menschen vorstellen? Durchaus. „Ich bin rundum zufrieden“, hat er am Wochenende [1][bekannt.] Gewiss: So hat sich Seehofer schon [2][mal] bezeichnet, Ende letzten Jahres, als er nach einem alle Beteiligten beschmutzelnden Politwrestling den Weg zum Amt des bayerischen Ministerpräsidenten frei machte für den radikal drängelnden Markus Söder. Damals hat Seehofer sein Glück kein Mensch abgenommen.
Doch aus der bitteren Pille von 2017 ist 2018 ein Bonbon – ein „Gutti“, wie man in Bayern sagt – geworden. Man kommt nicht umhin, den fast zehn Jahre alten Ehrentitel „Der postmoderne Super-Bazi“, den Georg Seeßlen einst für Seehofer erfand, aus dem Archiv zu kramen. Seeßlen hatte Seehofer als einen „Bazi, der zugleich einen Bazi spielt und ein Bazi ist“ gezeichnet; die verfolgende Unschuld also, der niemand ans Leder kann, weil Seehofer so abgefeimt offensichtlich den fröhlich abschiebenden Asozialen mimt, mit vor Amtesschwere brüchiger Stimme.
Heute allerdings sind diese Spielchen schal geworden. Heute ist es egal, ob man Seehofer, der wie Söder von unten kommt, seine ebenfalls am Wochenende reformulierte Agenda abnimmt: „Ich will, dass die Politik wieder mehr auf die Anliegen der Bevölkerung schaut, für Recht und Ordnung sorgt, den Menschen Sicherheit gibt, auch soziale Sicherheit.“ Es ist auch dann egal, wenn man daran erinnert, dass Seehofer 2004 bei seinem Rücktritt als Unionsfraktionsvize sogar bei den Grünen als soziales [3][Gewissen] der Union galt.
Die Zeiten haben sich geändert. Seehofer ist kein Super-, sondern ein simpler Bazi. Die Einwanderungsgesellschaft ist Realität. Der Krieg gegen Söder war immer armselig, der Sieg ist teuer erkauft: Der Verlust des Vertrauens in die staatlichen Institutionen, für den Seehofer verantwortlich ist, dürfte einzigartig sein in der Geschichte der Bundesrepublik. Eine absolute CSU-Mehrheit in Bayern jedenfalls hätte weniger Schaden angerichtet.
In einer frĂĽheren Fassung dieses Textes hieĂź es irrtĂĽmlich, Horst Seehofer sei 2004 vom Posten des Gesundheitsministers zurĂĽckgetreten.
7 Oct 2018
LINKS
[2] https://www.n-tv.de/politik/Seehofer-tritt-rundum-zufrieden-ab-article20165492.html
[3] https://www.stern.de/politik/deutschland/seehofer-ruecktritt-konsequentes-bedauern-3549040.html
AUTOREN
TAGS
Schwerpunkt Landtagswahl Bayern
ARTIKEL ZUM THEMA
Vor der Landtagswahl in Bayern: Der sich selbst am nächsten ist
Markus Söder predigt Respekt, doch der soll nur ihm gelten. Er überschüttet das Volk mit Geschenken, das aber reserviert reagiert.
Landtagswahlen in Bayern: Die CSU im freien Fall
Mit dem christsozialen Credo dürfte es im Freistaat bald vorbei sein. Allen Umfragen zufolge verliert die CSU an Wählerstimmen. Eine schmerzhafte Zäsur steht bevor.
Bayerische Landtagswahlen: WeiĂź-grĂĽne Revolution
Die CSU galt als letzte Volkspartei. Doch nun verliert sie womöglich die absolute Mehrheit – und immer mehr Wähler an die Grünen. Was ist da los?
Schriftsteller Ani über bayerische Politik: „Ich hab fast Mitleid mit der CSU“
Friedrich Ani hat Horst Seehofer in einem Gedicht als „Unchrist“ bezeichnet. Er weiß auch sonst gut, wo es gerade langgeht in Bayern.
Markus Söders Raumfahrtprogramm: Mission Größenwahn
Bayerns Ministerpräsident Söder stellt „Bavaria One“ vor, ein Raumfahrtprogramm. Seine Selbstüberschätzung reicht jetzt schon bis zum Mond.