taz.de -- Kampagne gegen Schiedsgerichte: Schluss mit den Privilegien

Die EU soll die Möglichkeit von Konzernklagen aus Handelsdeals streichen, fordern ĂŒber 150 NGOs. Weltweit gibt es mehr als 900 solcher Klagen.

Bild: Sie ist fĂŒr Abkommen mit Schiedsgerichten zustĂ€ndig: EU-Handelskommissarin Cecila Malmström

Berlin taz | Mehr als 150 Nichtregierungsorganisationen wollen mit einer europaweiten Kampagne erreichen, dass die EU Schiedsgerichte fĂŒr Konzernklagen gegen Staaten aus ihren Handelsabkommen streicht. Gleichzeitig fordern sie, dass Unternehmen juristisch belangt werden können, die MenschenrechtsverstĂ¶ĂŸe begehen.

Die Klagerechte vor privaten Schiedsgerichten von Konzernen haben bereits bei den [1][Protesten gegen die Freihandelsabkommen TTIP und Ceta] eine wichtige Rolle gespielt. Vor diesen privaten Gerichten klagen Unternehmen auf Schadenersatz, wenn sie ihre Gewinnaussichten durch politische Entscheidungen, etwa zum Arbeits- oder Umweltschutz, gefĂ€hrdet sehen. „Konzerne können durch diese Klagemöglichkeiten Druck auf Regierungen ausĂŒben“, kritisiert Alessa Hartmann von der NGO Powershift.

In Deutschland wird die Kampagne von 13 Organisationen wie Attac, dem BUND oder Powershift sowie den Netzwerken Gerechter Welthandel und CorA getragen. Zum Auftakt protestierten die OrganisatorInnen am Dienstag vor dem Bundestag mit einer drei Meter hohen Waage, die das ungerechte Welthandelssystem symbolisieren sollte. Außerdem [2][starteten sie eine Onlinepetition] an die EU-Kommission, das EuropĂ€ische Parlament und die EU-Mitgliedsstaaten.

Darin fordern sie den RĂŒckzug aus Handelsabkommen, die Klageprivilegien fĂŒr Konzerne vorsehen, und verlangen die UnterstĂŒtzung eines geplanten UN-Abkommens, mit dem Konzerne bei Menschenrechtsverletzungen zur Rechenschaft gezogen werden sollen. „Die EU und ihre Mitgliedstaaten mĂŒssen Konzerne gesetzlich verpflichten, in AuslandsgeschĂ€ften die Menschenrechte sowie Umwelt- und Sozialstandards zu achten“, heißt es in der Petition.

Klagen von Konzernen treffen vor allem, aber nicht nur EntwicklungslÀnder. Der schwedische Energiekonzern Vattenfall etwa hat den deutschen Staat in Milliardenhöhe [3][wegen des Atomausstiegs verklagt], weil er seine Rechte verletzt sieht.

Allein Deutschland hat nach Angaben von Powershift mehr als 150 Investitionsschutzabkommen abgeschlossen, hinzu kommen Dutzende auf EU-Ebene. Laut der UN-Konferenz fĂŒr Handel und Entwicklung (Unctad) gibt es weltweit 904 Klagen, davon sind 314 offen.

22 Jan 2019

[1] /Freihandelsgegner-zu-Handelsabkommen/!5511483

[2] https://www.gerechter-welthandel.org/menschenrechte-schuetzen-konzernklagen-stoppen/

[3] /Streit-um-Entschaedigung-fuer-Atomausstieg/!5533743

AUTOREN

Anja KrĂŒger

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