taz.de -- Die Kulturszene vor der Sachsen-Wahl: Es steht was auf dem Spiel
Muss Dresdens vitale Kulturszene Angst vor dem Wahlergebnis in Sachsen haben? Zwischen Kapitulation und Jetzt-erst-recht.
Berlin taz | Es braucht dieser Tage nicht viel, um in Dresden auf das eine Thema zu kommen, das hier alle bewegt. Joachim Klement hat sich in seinem BĂŒro hoch oben [1][im Schauspielhaus] gerade gesetzt, da spricht er schon ĂŒber [2][Jörg Urban, den Spitzenkandidaten der AfD in Sachsen]. Jener Partei, die sich zu einer âdeutschen Leitkultur bekenntâ und sich in Sachsen eine weitestmöglich entpolitisierte KultursphĂ€re wĂŒnscht. Urban selbst denkt darĂŒber nach, von staatlicher Seite Einfluss auf SpielplĂ€ne und Ausstellungen zu nehmen.
âSehen Sieâ, sagt Klement und zeigt auf die SĂ€chsische Zeitung, âder Mann wird hier als âwendigâ bezeichnet. Also: Das ist jemand, der sich [3][beim KyffhĂ€user-Treffen des âFlĂŒgelsâ] blicken lĂ€sst. Er grenzt sich in keinster Weise vom rechtsextremen Rand ab. Dieser Mann ist alles andere als wendig.â Klement sagt das mit leiser, heller Stimme, in der dennoch viel Entschlossenheit liegt. Den Zeitungsausschnitt legt er auf den Tisch, âDer Wendigeâ ist auch die Ăberschrift des PortrĂ€ts. Ein Wort, in dem nicht zufĂ€llig auch das Wort Wende steckt.
Joachim Klement ist seit zwei Jahren Intendant des wichtigsten Theaters der Stadt, direkt gegenĂŒber dem Zwinger. Klement hat in Graz, DĂŒsseldorf, Bremen und Hamburg gearbeitet, nun erstmals im Osten. Als Wessi. âDa höre ich natĂŒrlich oft: âIhr aus dem Westen habt ja keine Ahnung vom Osten.â Ja, das stimmt. Umgekehrt gilt das aber auch, ich kenne das Ruhrgebiet sehr gut, das auch seine ganz eigenen Strukturprobleme hat. Dann denke ich, niemand aus Dresden wĂŒrde dort tot ĂŒberm Zaun hĂ€ngen wollen.â
Das Staatsschauspiel weiĂ, wo es steht. Es hat sich 2014 der Initiative Weltoffenes Dresden angeschlossen, mit [4][âDas blaue Wunderâ] kommt hier aktuell ein sehr schlicht gegen die AfD polemisierendes StĂŒck von Volker Lösch auf die BĂŒhne. Das Theater hat auch die [5][âDresdener ErklĂ€rung der Vielenâ] unterzeichnet, in der davor gewarnt wird, dass AfD, Pegida und IdentitĂ€re Bewegung in Sachsen âHand in Handâ arbeiteten. Klement: âMan könnte das als Verletzung des NeutralitĂ€tsgebots betrachten. Aber es sind einfach nur Tatsachen.â
Streitende Stadt
Die GrĂ€ben, die sich in Dresden auftun, ziehen sich auch durch die Kulturszene der Stadt. Schriftsteller Uwe Tellkamp war Erstunterzeichner der âErklĂ€rung 2018â, die sich gegen die âillegale Masseneinwanderungâ richtete, die Deutschland âbeschĂ€digeâ. Die stadtweit geschĂ€tzte BuchhĂ€ndlerin Susanne Dagen schwamm in Ă€hnlichem Fahrwasser.
Und erst im Mai gab es Zoff an der Hochschule fĂŒr Bildende KĂŒnste, weil die dortige Bibliotheksleiterin auf der Liste der AfD kandidierte. Student_innen besetzten aus Protest die Bibliothek. Das Positive an alledem: Die Stadtgesellschaft redet, streitet, debattiert wieder darĂŒber, was Konsens ist und was nicht. Und ĂŒber ihr Dresdenbild.
Das Dresdenbild: ein vielschichtiges GemĂ€lde, mehrfach ĂŒberpinselt, teils ausgetrocknet, mit ein paar frischen Farbtupfern. Wenn man die Geschichte, die Sozialstruktur, die Selbst- und Fremdwahrnehmung betrachtet, ist wohl keine deutsche Stadt (abgesehen von Berlin vielleicht) komplexer als diese.
Da ist die Besonderheit Dresdens als Residenzstadt, in der Muster des Obrigkeitsdenkens besonders stark ausgebildet waren und der barocke Schein regierte. Da ist der 13. Februar. Da ist das âTal der Ahnungslosenâ wĂ€hrend der DDR-Zeit. Dann die Biedenkopf-Jahre, eine Art Adenauer-Zeit Sachsens. Und so weiter.
Vernetzen gegen Rechts
Die vitale Subkultur- und Kunstszene wird dabei oft ĂŒbersehen. âViele machen es sich zu bequem mit dem Bild, das sie von Dresden haben. Es ist immer falsch zu sagen, hier ist das Gute, und dort ist das Schlimmeâ, sagt Leif Greinus, Betreiber des in Dresden und Berlin ansĂ€ssigen Verlags Voland & Quist. Greinus, 43, sitzt in der Scheune, einem Kulturzentrum in der Dresdener Neustadt, neben ihm sein Mitarbeiter Björn Reinemer, 32, der zudem Konzertveranstalter ist. Beide sind gebĂŒrtige Dresdener.
In der Gegend rund um die Scheune ballt sich die vielfĂ€ltige Kultur der Stadt. Mit CafĂ©s, Kneipen und Street-Art, mit einem heterogenen StraĂenbild wie in St. Pauli oder Kreuzberg. DarĂŒber hinaus hat Dresden Festivals wie den Schaubudensommer, das StraĂenfest Bunte Republik oder das Literatur Jetzt!. âAlle Kulturakteure, die diese Vielfalt verteidigen wollen, sind seit dem Aufkommen von Pegida und dem Erstarken der AfD nĂ€her zusammengerĂŒcktâ, sagt Reinemer, âWir sind besser vernetzt, sprechen mehr mit einer Stimme.â
Manchmal aber rennen auch sie gegen Mauern mit ihrem Kulturbegriff. âDie Angst vor Neuem und Fremdem ist in Dresden besonders ausgeprĂ€gtâ, sagt Greinus, âselbst Leute, die man eigentlich als progressiv einschĂ€tzen wĂŒrde, haben hier manchmal ĂŒberraschend altbackene Ansichten. Als ich zum Beispiel 2003 den âPoetry Slamâ in Dresden etabliert habe, da sagten einige Leute zu mir: âSo etwas brauchen wir hier nicht.âââ
Es ist diese verhĂ€rtete Klientel, die die AfD in Sachsen gewinnen will. Stimmung gegen weite Teile der Kulturszene macht die Partei schon jetzt. Dem deutschlandweit bekannten [6][EuropĂ€ischen Zentrum der KĂŒnste in Hellerau] will sie die Mittel streichen. Und im Dresdener Stadtrat sorgte ein rechtskonservatives BĂŒndnis aus CDU und AfD Anfang Januar dafĂŒr, dass eine von Rot-Rot-GrĂŒn geforderte Aufstockung der Mittel fĂŒr die freie Kulturszene von zwei Millionen auf 400.000 Euro eingedampft wurde.
Bangende Clubs
Muss die Kulturszene Angst vor den Wahlen am 1. September haben?
âWenn die Politik nach rechts rĂŒckt, muss sich die Clubkultur schon fĂŒrchten, dass sie wieder ins Fahndungsraster gerĂ€t. Denn als Freiraum steht sie ja exemplarisch fĂŒr das Unbeherrschbare, die Unordnung, den Rauschâ, sagt Felix Buchta, Mitbetreiber des Clubs objektâkleinâa im Dresdener Norden. âAber wenn man ehrlich ist, macht sich auch Resignation breit. Die Kommunalwahlen im Juni waren sachsenweit nicht gerade berauschend, und etwas bange ist natĂŒrlich allen.â
Buchta, 31, ein schlanker, ruhiger Typ mit KĂ€ppi, lebt seit zehn Jahren in Dresden, er sitzt auf dem AuĂengelĂ€nde des Clubs, den er seit zwei Jahren mit einem Kollektiv betreibt. Zudem arbeitet er fĂŒr den Verein Tolerave, der einmal im Jahr die Tanzparade Tolerade ausrichtet. Auch Elisabeth Heinz alias DJ Elfaux, die bereits hĂ€ufiger im objektâkleinâa aufgelegt hat, ist auf mehreren kulturellen Feldern unterwegs.
Heinz, 29, gebĂŒrtig aus Jena, war zum Beispiel an der im Juni ausgerichteten Konferenz âRaumkonâ beteiligt, auf der ĂŒber die Zukunft des urbanen öffentlichen Raums debattiert wurde. Events wie diese, sagt sie, seien hĂ€ufig auf Crowdfunding angewiesen, denn die freie Szene habe es schwer: âDie Arbeit mit der Stadt kann unglaublich zĂ€h sein. Subkultur wird oft von vornherein abgelehnt.â Solche SĂ€tze fallen mehr als einmal ĂŒber eine Stadt, die 2025 Kulturhauptstadt Europas werden will.
Hoffen auf die Jungen
So bleibt der Eindruck, dass die Kulturszene zwischen Kapitulation und Jetzt-erst-recht-AttitĂŒde schwankt. Mal schlĂ€gt das Pendel zur einen, mal zur anderen Seite aus. So auch bei Schriftsteller Marcel Beyer, der seit 1996 in Dresden lebt. âEs gibt hier einen Hang zur GriesgrĂ€migkeit, den ich ĂŒberhaupt nicht versteheâ, sagt der 53-JĂ€hrige.
âIch frage mich, ob das mit einer Generation â Menschen meines Jahrgangs und Ă€lter â zu tun hat, die diese Verbitterung ausstrahlt. Ich setze auf die jungen Leute. Die werden Ideen haben, die diese Generation gar nicht haben kann.â
Es ist eine Hassliebe, mit der der in Kiel und Neuss aufgewachsene Beyer ĂŒber seine Wahlheimat spricht. Beyer besucht auch gern Orte im Umland, die noch viel mehr von lebensweltlicher Verödung bedroht sind. Aber was tun? âWandertheater helfen sicher nicht. Ich habe den Eindruck, der ganze Kulturbereich kann wenig ausrichten, weil er so in die Defensive geraten ist.â
Es wundert am Ende wenig, wenn Theaterintendant Klement ĂŒber seine bisherige Dresdener Zeit sagt: âDas, was wir hier an Erfahrungen und Auseinandersetzungen erleben, ist zentral, um die derzeitigen Konflikte in der Gesellschaft zu verstehen. Ich möchte keine Sekunde missen.â
Ob er Angst vor dem 1. September habe? âAngst? Ach Quatsch, ĂŒberhaupt nicht. Wir haben Haltungen. Und fĂŒr die stehen wir. Die haben etwas mit lebendiger Demokratie zu tun und mit unerschĂŒtterlichem Glauben, dass sich die besseren Argumente durchsetzen.â
25 Aug 2019
LINKS
[1] /Agota-Kristof-im-Schauspiel-Dresden/!5481350
[2] /Wie-Pegida-ins-Abseits-marschierte/!5530185
[3] /Fluegel-Streit-der-AfD/!5606295
[4] https://www.staatsschauspiel-dresden.de/spielplan/a-z/das_blaue_wunder/
[5] https://www.dievielen.de/erklaerungen/Dresden/
[6] https://www.hellerau.org/de/
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