taz.de -- Fußball in Andorra: Alles ist möglich!
Andorra hat alles, was einen Staat ausmacht – auch eine Nationalmannschaft. Die spielt demnächst gegen die Jubelsultane aus der Türkei.
Bild: Auftritt Andorra: Fahnenkinder vor einem Juniorenspiel gegen eine DFB-Auswahl
Mag sein, dass nichts älter ist als eine Onlinemeldung vom vergangenen Freitag, aber vielleicht ist Ihnen ja entgangen, dass beim EM-Qualifikationsspiel Andorra vs. Republik Moldau die Heimmannschaft ihren ersten Sieg in der Geschichte dieses Wettbewerbs erkämpft hat: 1:0!
Das dürfte bei Fußballfreunden, die in Zeiten von militärischen Grüßen und rassistischen Schmähungen nicht so viel Spaß an ihrem Spiel haben, für ein wenig Freude gesorgt haben. Vielleicht ist Andorra der letzte Grund, diesen Sport gerade dann zu lieben, wenn er politisch wird. Nun rüttelt zwar niemand an der Souveränität des Fürstentums, und ein Kaufangebot von Donald Trump liegt meines Wissens auch nicht vor. Aber das Gefühl, in einem kleinen Land zu leben, das niemand so recht ernst nimmt, das dürfte man in San Mar…, sorry: Andorra schon kennen.
Zu einem Staat gehören, sagt die Politische Wissenschaft, Staatsgebiet, Staatsvolk und Regierung. All das hat das Fürstentum. Doch der französische Politologe Pascal Boniface hat gerade bei Unabhängigkeitsbewegungen, die zum Staat werden wollen, bemerkt, dass es noch eines vierten Bestandteils bedarf: einer Fußballnationalmannschaft der Männer. Die sei „ebenso natürlich und notwendig wie der Beitritt zur UNO“.
Man muss nur für einen kleinen Moment die übliche intellektuelle Arroganz ablegen, wonach hier bloß irgendwelche Jungmänner hinter einem Ball herliefen, um zu bemerken, dass Bonifaces Beobachtung sehr viel für sich hat. Fußball, Sport ganz allgemein, war ja für nicht gerade wenige Staaten der Weg auf die „politische Landkarte“, wie man in den 1960er Jahren gesagt hat: erst die Anerkennung durch den Weltfußballverband Fifa – oder, ein sehr ähnlicher Prozess: durch das Internationale Olympische Komitee –, dann die Aufnahme in die Vereinten Nationen.
Was Hongkong von Grönland unterscheidet
Laut Fifa gibt es derzeit 223 Fußballnationalmannschaften der Männer, Mitgliedsländer zählt die Fifa 211. In der UNO hingegen sind nur 193 Staaten vertreten. Bereits in der Fifa, aber nicht in der UNO sind etwa Hongkong oder Palästina, nicht beim Fußball dabei sind beispielsweise Grönland oder Katalonien. So viel zu den Chancen der Autonomie.
Wir schalten zurück nach Andorra. Das kleine Land hat also nun gegen die Republik Moldau gezeigt, dass es zu Europa gehören will – nicht nur geografisch und politisch, sondern auch gesellschaftlich, und das heißt: durch den Sport. Andorra findet sich etwa in dem Rahmen wieder, den Pascal Boniface umrissen hat: Seit 1993 hat das Fürstentum eine Verfassung, seit 1994 einen Fußballverband, seit 1996 eine Nationalmannschaft.
Und die kickte bislang gar nicht so schlecht. 2000 bedeutete ein 2:0 über Weißrussland den ersten Sieg überhaupt. Zwei Jahre später das 2:0 über Albanien – der zweite Erfolg. Wiederum zwei Jahre später ein 1:0 gegen Nordmazedonien, wie das Land mittlerweile heißt. Oder vor zwei Jahren, das andorranische Fußballwunder, als zunächst San Marino 2:0 vom Platz gefegt wurde und dann Ungarn (!) in der WM-Qualifikation (!) 1:0 besiegt wurde.
Auch wenn das oft Freundschaftsspiele waren – elf gegen elf ist elf gegen elf. Und dass der Ball rund ist, ist ja die zentrale Botschaft dieser Kolumne: Alles ist möglich, wie im richtigen Leben.
Andorras übernächster Gegner in der EM-Qualifikation ist die Türkei. Am 17. November hat das kleine Land die Chance, die Kompanie salutierender Fußballkameraden zu düpieren. Dass das nicht unmöglich ist, hat ausgerechnet die Auswahl der Republik Moldau bewiesen, ehe sie am vergangenen Freitag recht geknickt vom Platz schlich: Schon zwei Mal, 1999 und 2007, spielte sie in einem EM-Qualifikationsspiel (!) gegen die Türkei (!) unentschieden. Andorra stirbt zuletzt.
20 Oct 2019
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