taz.de -- Bundeswehr im Irak: Grüner Populismus

Die irakische Armee und die Kurden zu stärken, ist sinnvoll. Wer nun den Abbruch der Bundeswehrmission fordert, macht es sich zu leicht.

Bild: Ein Bundeswehrsoldat beim Training mit einem Angehörigen der Peschmerga im Irak

Dass die Linkspartei nach dem US-Drohnenangriff auf den iranischen General Soleimani den Abzug deutscher Ausbildungstruppen aus dem Irak fordert, ist Normalität. Ihre außenpolitische Leitidee heißt, deutsche Soldaten zurückzuholen, ganz gleich, wo sie stationiert sind und worin ihre Aufgabe besteht. Dass mit Annalena Baerbock nun auch die Grünen [1][dieselbe Forderung erheben], ist allerdings nicht nur überraschend, sondern auch ein Problem, weil die Grünen nach der nächsten Bundestagswahl im Außenministerium sitzen könnten.

Zur Erinnerung: Im Juni 2014 konnte der IS Mossul einnehmen, die irakischen Truppen flohen kampflos. Anschließend kämpfte sich der IS in die kurdischen Gebiete im Norden durch. Bei der Rückeroberung des IS-Gebiets im Zentralirak waren auch vom Iran unterstützte schiitische Milizen im Einsatz, die von Amnesty International schwerster Menschenrechtsverletzungen beschuldigt werden.

Um für andere Konfliktlösungen in der Zukunft vorzusorgen, ist es sinnvoll, die reguläre irakische Armee und die Kurden zu stärken. Was man dann auf keinen Fall tun sollte: Die Bundeswehrmission bei ersten Anzeichen eines Konflikts zwischen schiitischen Milizen und den USA abzubrechen. Baerbock unterscheidet nicht einmal zwischen der schwierigen Sicherheitslage in der Hauptstadt Bagdad und dem weitgehend stabilen kurdischen Erbil. Es wäre ein Erfolg der iranischen Führung, wenn sich der Westen nach Syrien auch aus dem Irak vollständig zurückzöge.

Außenpolitische Vertreter der Union treten für einen Verbleib der deutschen Soldaten im Irak ein. Selbst die außenpolitisch oft isolationistisch orientierte SPD plädiert bisher lediglich dafür, die Situation weiter zu beobachten und auf Veränderungen zu reagieren. Baerbock bedient dagegen populistisch die pazifistische Grundstimmung in Deutschland, die im Grunde ein Desinteresse an der Komplexität der Welt ist. Damit mag Baerbock grüne Wahlerfolge befördern. Dem Irak hilft es nicht.

6 Jan 2020

[1] /Debatte-ueber-Bundeswehreinsatz-im-Irak/!5653515

AUTOREN

Martin Reeh

TAGS

Annalena Baerbock

Ghassem Soleimani

Qasim Soleimani

Schwerpunkt Iran

Bundeswehr

Irak

Bündnis 90/Die Grünen

Oberbürgermeisterwahl

Grüne Partei Österreich

Schwerpunkt Iran-Krieg

Qasim Soleimani

USA

Irak

Schwerpunkt Iran-Krieg

ARTIKEL ZUM THEMA

Wahl des Stuttgarter Bürgermeisters: Kuhn will nicht mehr

Der grüne Stuttgarter OB Fritz Kuhn tritt nicht mehr zur Wiederwahl an. Gerechnet hatte mit diesem Schritt keiner – trotz Kuhns mauer Bilanz im Amt.

Schwarz-Grün in Österreich: Fremdscham bei deutschen Grünen

Deutsche Grüne kritisieren ihre Pendants aus Österreich für Zugeständnisse an die Rechten. Die Parteifchefin sagt, das werde es in Deutschland nicht geben.

Trauerfeier für General Soleimani: Irans Führung setzt sich in Szene

Hunderttausende Menschen nehmen Abschied von General Soleimani. Sie feiern den General als Helden und rufen nach Vergeltung für seinen Tod.

Nach Hinrichtung Soleimanis: Ein Fünkchen Hoffnung

Die Option Krieg rückt nach der Tötung des iranischen Generals Soleimani näher. Gleichzeitig verliert Teheran an Macht im Nachbarland Irak.

Politologe über Tötung Soleimanis: „Die USA mussten reagieren“

Josef Braml fürchtet, dass die Lage in Nahost nach dem Angriff auf den iranischen General weiter eskaliert. Die Europäer spielen dabei keine Rolle.

Debatte über Bundeswehreinsatz im Irak: Überprüfen oder abziehen

Nach dem US-Raketenangriff in Bagdad fordern die Grünen, Soldaten aus dem Irak zu evakuieren. SPD-Chefin Esken will den Einsatz erstmal nur überdenken.

USA töten General Soleimani: Iran im Vorteil

Die Vereinigten Staaten machen immer wieder den gleichen Fehler: Sie denken nur an den nächsten Schritt – und nicht an die Folgen.