taz.de -- Untersuchung im Fall Anis Amri: Gut geschütztes Staatsgeheimnis

Das Bundesamt für Verfassungsschutz hält sich über V-Leute weiter bedeckt. Vor allem für die Angehörigen der Opfer ist das bitter.

Bild: Zeugenvernehmung im Amri-Untersuchungsausschuss im Januar 2019 im Deutschen Bundestag

Auch nach drei Jahren Arbeit des Untersuchungsausschusses zum [1][Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz] sind zahlreiche Fragen offen. Auch zur Rolle des Bundesamts für Verfassungsschutz. Das ist umso misslicher, weil die Behörde nach dem Anschlag alle Verantwortung von sich wies. Es habe keine V-Leute im Umfeld des Attentäters Anis Amri gehabt, hieß es. Der damalige Chef des Verfassungsschutzes, Hans-Georg Maaßen, sprach sogar von einem „reinen Polizeifall“.

Das entsprach, vorsichtig gesagt, nicht der Wahrheit. Das Bundesverfassungsgericht hätte nun dazu beitragen können, die Rolle des Bundesamts etwas besser auszuleuchten. Doch leider hat es eine Klage abgelehnt, mit der die Aussage eines V-Mann-Führers des Bundesamts im Untersuchungsausschuss erzwungen werden sollte.

Warum das Bundesamt trotz eines V-Manns in der Fussilet-Moschee angeblich über keine Informationen über Amris Radikalisierung und seine Anschlagspläne verfügte – es wird weiter unklar bleiben. Das ist für die Öffentlichkeit und erst recht für die [2][Angehörigen der Opfer] nicht nachvollziehbar. Sie haben ein Recht darauf zu erfahren, wie ein gefährlicher Islamist vom Radar der Sicherheitsbehörden verschwinden und am Ende auf dem Breitscheidplatz elf Menschen und zuvor den Lkw-Fahrer töten konnte.

Hinzu kommt Grundsätzliches: Mit seiner Entscheidung lässt das Gericht zu, dass sich Verfassungsschutz und Bundesinnenministerium wieder einmal gegen die Aufklärung und für den Schutz ihrer Quellen entscheiden. Die parlamentarische Kontrolle von V-Leute-Einsätzen, die ohnehin problematisch sind, wird so unmöglich. Einen kontrollfreien Raum aber darf es nicht geben. Das sehen nicht nur linke Kritiker*innen so:

[3][Verfassungsrichter Peter Müller], Ex-CDU-Ministerpräsident des Saarlandes, hat eine abweichende Meinung zu Protokoll gegeben. Danach überbewertet die Senatsmehrheit in ihrer Entscheidung „exekutive Geheimhaltungsinteressen“ des Staates. Das aber war im gesamten Senat leider nicht mehrheitsfähig.

4 Feb 2021

[1] /Islamistischer-Anschlag-in-Berlin-2016/!5641880

[2] /Angehoerige-von-Breitscheidplatz-Opfer/!5735667

[3] /Nebeneinkuenfte-von-Verfassungsrichtern/!5573661

AUTOREN

Sabine am Orde

TAGS

Anis Amri

Amri-Akten

Schwerpunkt Anschlag auf Berliner Weihnachtsmarkt

Schwerpunkt Islamistischer Terror

Untersuchungsausschuss

Verfassungsschutz

Schwerpunkt Anschlag auf Berliner Weihnachtsmarkt

Anis Amri

Anis Amri

IG

Schwerpunkt Bundestagswahl 2025

Schwerpunkt Anschlag auf Berliner Weihnachtsmarkt

Schwerpunkt Anschlag auf Berliner Weihnachtsmarkt

Schwerpunkt Anschlag auf Berliner Weihnachtsmarkt

ARTIKEL ZUM THEMA

Amri-Untersuchungsausschuss in Berlin: Viel zu viele tödliche Fehler

Der Ausschuss legt nach vier Jahren seinen Abschlussbericht vor. Er listet detailliert die Pannen der Ermittlungsbehörden auf.

Amri-Untersuchungsausschuss Berlin: SPD an Schärfe überholt

Abschlussbericht zum Berliner Terroranschlag wird alsbald veröffentlicht. Grüne legen bereits Sondervotum vor. Auch die Linken haben einen in petto.

Untersuchungsausschuss zu Anis Amri: Dokumente des Versagens

Gut drei Jahre lang arbeitete ein Ausschuss im Bundestag das islamistische Attentat von Anis Amri in Berlin auf. Was bleibt, sind zentrale offene Fragen.

Verfassungsschutz blickt nach links: Mit V-Leuten gegen Die Linke

Niedersachsens Verfassungsschutz hat drei Mitglieder der Linken durch V-Leute ausspionieren lassen. Wann und warum, soll nun ihr Anwalt rausbekommen.

Früherer Verfassungsschutzchef: Maaßen will für CDU in Bundestag

Der Ex-Chef des Verfassungsschutzes will in Thüringen zur Bundestagswahl antreten. Er fällt immer wieder mit AfD-Nähe und rechten Äußerungen auf.

Untersuchungsausschuss zu Anis Amri: Staatswohl vor Aufklärung

Karlsruhe lehnt eine Klage der Opposition zum Amri-Untersuchungsausschuss ab. V-Mann-Führer können künftig leichter vor Befragung bewahrt werden.

Behörden in Mecklenburg-Vorpommern: Verfassungsschutzchef entlassen

Reinhard Müller verliert seinen Job. Er hatte einräumen müssen, dass seine Behörde Informationen zum Terroristen Anis Amri nicht weitergereicht hatte.

Maaßen im Amri-Untersuchungsausschuss: Praktische Erinnerungslücken

Hans-Georg Maaßen gibt sich selbstgerecht beim Thema Breitscheidplatz-Attentat. Seine Behörde habe „letztlich eine gute Arbeit geleistet“.