taz.de -- Neuer Feiertag in Belarus: Nationale Einheit

Nach russischem Vorbild ist in Belarus ein neuer „roter Tag im Kalender“ aufgetaucht. Olga Deksnis erzĂ€hlt von stĂŒrmischen Zeiten in Minsk. Folge 61.

Bild: PrÀsident Alexander Lukaschenko (mitte) wÀhrend dem Allbelarusischen Volkskongress 2021

Beim neuen staatlichen Feiertag, er wird [1][„Feiertag der nationalen Einheit“] heißen, hat man sich am Vorbild des Nachbarlandes orientiert, wo er schon seit 15 Jahren begangen wird. Außerdem hat die Regierung eine Reihe neuer Maßnahmen geschaffen: ein [2][„Gesetz gegen die Verherrlichung des Nationalsozialismus“] (das bezieht sich auch auf die weiß-rot-weiße Symbolik, die sich die Machthaber mit Geld- und Haftstrafen vom Leibe halten), eine „regierungsfreundliche“ Autorallye, verschiedene Wettbewerbe und ein spezieller Telegram-Kanal. Alle diese Maßnahmen dienen der StĂ€rkung der aktuellen Machthaber.

Übrigens, neulich hat die Initiative By_Pol, die Vereinigung pensionierter belarussischer Silowiki (EinsatzkrĂ€fte aus Armee und Geheimdienst, Anmerkung d. Redaktion), die fĂŒr den Staat bei den Repressionen „hilft“, ein Dokument mit der Unterschrift des Innenministers Iwan Kubrakow veröffentlicht, adressiert an den StaatssekretĂ€r des Sicherheitsrates.

In dem Dokument wird mitgeteilt, dass die Minsker Gerichte nach Paragraph 23.34 („Verletzung der Organisation oder DurchfĂŒhrung von Massenveranstaltungen“) am hĂ€ufigsten Verwaltungsstrafen verhĂ€ngen, und die Gerichte des Minsker Gebietes Geldstrafen. „Diese Praxis fĂŒhrt bei den Menschen dazu, [3][dass sie die Strafen nicht ernst genug nehmen] und ist nicht dazu geeignet, die aktiven Proteste zu verringern.“

Im allgemeinen bittet der Minister bei Betrachtung von FĂ€llen unter dem angegebenem Artikel um die GewĂ€hrleistung der „VerhĂ€ltnismĂ€ĂŸigkeit der Strafen. Das Innenministerium konzentriert nun schon ein halbes Jahr fast alle KrĂ€fte auf die UnterdrĂŒckung der Proteste in Belarus.“

Im Dezember hatte Alexander Lukaschenko vorgeschlagen, eine Allbelarussische Volksversammlung zu bilden. „Ich denke mir das so (und weiß nicht, ob Sie mich unterstĂŒtzen oder nicht): Eine Allbelarussische Volksversammlung muss man zu einem Verfassungsorgan machen. Damit es ein Organ gibt, das die Hauptrichtungen unserer Entwicklung kontrolliert“, wird der PrĂ€sident von der staatlichen Nachrichtenagentur Belta zitiert.

ZunÀchst waren die VerfassungsÀnderung und die Allbelarussische Volksversammlung Antworten auf die Proteste und wurden den Menschen als Alternative und Dialog mit dem Volk dargestellt. Im Programm der Versammlung wird die sozio-ökonomische Entwicklung in Belarus von 2021-2025 vorgestellt und es wird auch die gesellschaftspolitische Entwicklung des Landes diskutiert. So hatte Lukaschenko es zunÀchst erklÀrt.

„Wenn wir dem PrĂ€sidenten einige Verpflichtungen abnehmen, muss man sie ja irgendwo hingeben. FĂŒr Regierung und im Parlament sind diese Befugnisse ungeeignet. Wem soll man sie also geben?

Man muss so ein Organ finden. Und da haben wir die Allbelarussische Volksversammlung. Daher mĂŒssen einige Befugnisse ĂŒbertragen werden“, meint Alexander Lukaschenko. „Wenn Sie die Befugnisse des PrĂ€sidenten auflösen, die dem Parlament, der Regierung, den Ministern, den Gouverneuren ĂŒbermittelt werden, gibt es ein komplettes Chaos, wie wir es in der Mitte der 1990er Jahre erlebt haben.“

Die Allbelarussische Volksversammlung tritt vom 11. bis 12. Februar 2021 zusammen. Und leider wird die Opposition nicht dazu gerufen. Der Telegram-Kanal des Pressedienstes von Lukaschenko zitiert seine Aussagen zu diesem Thema diese Woche: „Hier gibt es einige Ausreißer und andere, so genannte Oppositionelle, die heulen und schluchzen, dass sie nicht in die Allbelarussische Volksversammlung kommen. Das bedeutet, sie (ihrer Meinung nach also auch ich) sei illegitim.

Nun ja, zunĂ€chst mal wĂ€hlen wir Menschen, die in unserem Land leben, aber [4][die Ausreißer werden in Polen und Litauen] gewĂ€hlt. Ja, einige wohl auch in der Ukraine, andere vielleicht in Russland, obwohl das eher wenige sind. Aber bei uns gibt es das nicht, dass wir jemanden aus dem Ausland wĂ€hlen. Ist es nicht so? (damit wendet er sich an seine Untergebenen). Wir laden nur GĂ€ste ein. Darum sollen sich die Ausreißer und die, die bei ihnen sind, beruhigen. Zum zweiten, sie haben einen Boykott erklĂ€rt. Dann boykottiert!

Außerdem, einige Zeit nach der AnkĂŒndigung des Boykotts haben sie beschlossen, ein „Forum im Ausland“ (die Video-Konferenz „Solidarity with Belarus“ unter der Leitung von Swetlana Tichanowskaja mit belarussischen Politiker*innen im Exil und westlichen Politiker*innen; Anm. d Redaktion). zu grĂŒnden. Sollen sie machen. Niemand hindert sie daran. Versammelt euch in Polen und Litauen, macht weiter.“

Im Land findet ein Dialog nur mit denen statt, die fĂŒr Lukaschenko gestimmt haben. Das ist so Ă€hnlich wie „ein BĂŒfett nur fĂŒr unsere Leute“. Und diejenigen, die gegen ihn protestieren, werden, wie frĂŒher, nur ZaungĂ€ste einer fremden Feier im eigenen Land sein, und fĂŒr ihre Position zu Haft und Geldstrafen verurteilt. Und, was noch schlimmer ist, als Kriminelle betrachtet.

Aus dem Russischen [5][Gaby Coldewey]

12 Feb 2021

[1] /Doppelte-Neujahrsansprache-in-Belarus/!5740997

[2] /Nationale-Symbole-in-Belarus/!5748141

[3] /Politische-Willkuer-in-Belarus/!5748145

[4] /Swetlana-Tichanowskaja-ueber-Belarus/!5733819

[5] /Gaby-Coldewey/!a23976/

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Olga Deksnis

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