taz.de -- Hamburger Studie zu trans*Menschen: Von der Pandemie schwer getroffen

Gesundheitsrisiken, Leidensdruck, Gewalt: Laut einer Studie des Klinikums Hamburg-Eppendorf sind trans* Menschen durch Corona besonders gefÀhrdet.

Bild: Wider die Marginalisierung: Demonstration auf dem Hamburger Rathausmarkt im MĂ€rz 2019

Hamburg taz | Die [1][Covid-19-Pandemie] trifft alle Menschen – aber manche mehr als andere. Die besondere GefĂ€hrdung der [2][trans* Community] – also von Menschen, deren GeschlechtsidentitĂ€t abweicht von dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugeordnet wurde – bestĂ€tigt [3][eine neue Studie des UniversitĂ€tsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE)]. EingeschrĂ€nkter Zugang zu wichtigen medizinischen Dienstleistungen, das Wegfallen von Safe Spaces, also sicheren Orten fĂŒr trans* Menschen, sowie ein spĂŒrbarer Zuwachs an Gewalt und das Verbot von Sexarbeit: Diese Faktoren machen trans* Menschen auch im Norden gerade besonders vulnerabel.

Andreas Köhler promoviert am InterdisziplinĂ€ren Transgender Versorgungscentrum des UKE und hat – zusammen mit zwei weiteren Mediziner*innen – die Studie ĂŒber die Auswirkungen von Covid-19 auf die trans* Community durchgefĂŒhrt. Er sagt, die Pandemie gefĂ€hrde auch in Hamburg trans* Menschen ganz besonders: „Die Ergebnisse unserer Studie sehen wir auch hier im Umkreis bestĂ€tigt.“

Das Transgender Versorungscentrum, bis heute einzigartig in Deutschland, und die mit ihm verbundene Ambulanz seien auch wĂ€hrend der Pandemie in stĂ€ndigem Kontakt zu den betreuten trans* Personen gewesen. „Bei vielen kamen Unsicherheiten auf“, sagt Köhler, „darĂŒber, ob sich die Behandlungen verzögerten, ob bestimmte HormonprĂ€parate nicht mehr erhĂ€ltlich wĂ€ren oder ob Operationen verschoben wĂŒrden.“ Manche BefĂŒrchtungen seien berechtigt gewesen: Einige Operationen habe man tatsĂ€chlich verschieben mĂŒssen, da sie nicht zu den sogenannten „dringend notwendigen Operationen“ zĂ€hlten. Auch geschlechtsbestĂ€tigende Operationen fĂŒr trans* Menschen seien davon regelhaft betroffen gewesen.

Dass solche Operationen allerdings lebensrettend sein können, legen Statistiken zu SuizidalitÀt und trans* IdentitÀt nahe: Auf der Pressekonferenz zum Welttag der SuizidprÀvention in Berlin wurden 2019 Statistiken aus Deutschland prÀsentiert, nach denen junge trans* Menschen einem fast sechsmal höheren Suizidrisiko ausgesetzt sind als andere Gleichaltrige.

Köhler bestĂ€tigt, dass trans* Menschen vermehrt unter Angst- und Depressionssymptomen leiden. Ein Auslöser dessen kann Körperdysphorie sein, ein Leidensdruck, der durch die NichtĂŒbereinstimmung von körperlichen Merkmalen und GeschlechtsidentitĂ€t verursacht wird. Das verbreitete VerstĂ€ndnis von geschlechtsangleichenden Operationen als rein „kosmetischer Eingriff“ wird dem nicht gerecht.

Cornelia Kost ist Psychotherapeutin und arbeitet fĂŒr die Hamburger Beratungsstelle der [4][Deutschen Gesellschaft fĂŒr TransidentitĂ€t und IntersexualitĂ€t (DGTI)]. Sie kann die Ergebnisse der UKE-Studie bestĂ€tigen: „WĂ€hrend der beiden Lockdowns haben wir jeweils eine ungewöhnliche Zunahme an Anfragen wahrgenommen.“ Vor allem im zweiten Lockdown sei die Nachfrage um 21 Prozent gestiegen.

Besonders junge trans* Menschen leiden Kost zufolge unter der Pandemie. Alltagsstrukturen wie Schule oder Arbeit hĂ€tten zuvor Ablenkungen geschaffen, die den Umgang mit der eigenen trans* IdentitĂ€t erleichterten: „Durch den Lockdown kumulieren sich Konflikte mit dem eigenen, oftmals heteronormativen Umfeld“, sagt Kost.

Dass nun vielfach ganze Familien gleichzeitig zu Hause seien, erschwere Experimente am eigenen Geschlechtsausdruck. Vielmehr eskalierten familiĂ€re Situationen hĂ€ufiger: „Solche Konflikte potenzieren sich durch Corona und Lockdown“, sagt Kost. Eine Folge: vermehrt selbstverletzendes Verhalten oder auch Essstörungen bei den Betroffenen.

Als weitere gefĂ€hrdete Gruppe nennt Kost trans* Sexarbeiter*innen. Das deckt sich mit Ergebnissen der UKE-Studie. „Wir hatten immer wieder Leute, bei denen die Wohnsituation an die Arbeit gekoppelt war“, so Kost: „Manche leben in den Hotels, in denen sie arbeiten. Die haben auf einen Schlag ihr Obdach verloren.“

[5][In einer Publikation] ĂŒber die „Benachteiligung von Trans*Personen“ im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes heißt es, dass Sexarbeit insbesondere fĂŒr trans* Frauen eine wichtige Einnahmequelle darstelle. Kost sagt, dass trans* Frauen mittlerweile in fast jedem Berufsfeld vorkommen. Nichtsdestotrotz seien es vielfach trans* Frauen ohne sicheren Aufenthaltsstatus, die explizit fĂŒr Sexarbeit nach Deutschland geworben wĂŒrden. Dadurch seien sie nicht nur besonders hohen Gesundheitsrisiken ausgesetzt, sondern wĂŒrden eben auch besonders hart von Repressionen wider die Sexarbeit getroffen. Deren Verbot als Teil der Corona-EindĂ€mmung bedeutete daher fĂŒr viele migrantische trans* Frauen Arbeitslosigkeit – oder die Flucht in die IllegalitĂ€t. „Trans* Frauen landen in der Geschlechterhierarchie leider ziemlich weit unten“, schließt Kost.

Domicila Roberta Batista ist trans* und wohnt seit 2001 in Hamburg. Zuvor lebte sie in EspĂ­rito Santo in Brasilien. „Ich bin aber keine Heilige!“, sagt sie lachend. Bis vor zwei Jahren habe sie selbst noch als Sexarbeiterin gearbeitet. Kritisch sei die Pandemie vor allem fĂŒr diejenigen, die auf der Straße arbeiten. „FĂŒr die am Steindamm oder in der Schmuckstraße war es schwer, die konnten die Arbeit nicht machen. Es war verboten. Die Polizei war immer da“, so Batista. Wenn sie ĂŒber diese anderen rede, rede sie indirekt immer auch ĂŒber sich selbst: „Ich arbeite zwar nicht mehr, aber ich gehöre weiterhin zu ihnen. Wir gehen zu den gleichen Beratungsstellen, [6][zum Beispiel ‚Sperrgebiet‘].“

Seit Beginn der Pandemie habe sie vermehrt Gewalt erfahren, erzĂ€hlt Batista: physisch, aber „auch verbale Gewalt ĂŒber Chatrooms.“ Auch andere trans* Frauen seien davon betroffen. Hassrede, Mobbing – das alles habe zugenommen. „Leute sprechen mich mit meinem alten Namen an, nennen mich ekelhaft.“

Warum sich das mit Corona noch verschlimmert habe, sei ihr nicht klar. Es verdeutliche aber, dass Menschen wie sie in Deutschland nicht gleichberechtigt sind: „Ich wĂŒnsche mir von der Politik mehr Sicherheit und vor allem mehr Chancen.“ FĂŒr Batista verschließt die breite Öffentlichkeit die Augen vor den Problemen von trans* Menschen. Politisch hofft sie auf einen Blick fĂŒr das Ganze statt nur auf einige reprĂ€sentative Einzelne: „Viele glauben, Transsexuelle seien alle gleich. Aber es gibt nicht nur die eine transsexuelle Person.“

7 Jul 2021

[1] /Schwerpunkt-Coronavirus/!t5660746

[2] /Transgender/!t5523976

[3] https://transcarecovid-19.com/

[4] https://www.dgti.org/

[5] http://http//www.transinterqueer.org/download/Publikationen/benachteiligung_von_trans_personen_insbesondere_im_arbeitsleben.pdf

[6] https://www.sperrgebiet-hamburg.de/

AUTOREN

Lukas Door

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