taz.de -- Ukrainische Geflüchtete in Lettland: Grenzen der Solidarität
Lettland unterstützt ukrainische Flüchtlinge besonders stark. Die einfachen Letten stehen dem nicht immer ganz so aufgeschlossen gegenüber.
Bild: Lettlands Präsident Egils Levits (M, l) im April im ukrainischen Borodjanka
Die genaue Zahl ukrainischer Geflüchteter in Lettland ist nicht bekannt. Ende Mai nannten offizielle Statistiken die Zahl 26.000, aber viele sind nicht beim Außenministerium registriert, andere bleiben nur temporär im Land und fahren dann weiter, via Litauen in andere Länder Europas. In Wirklichkeit ist die Zahl ukrainischer Flüchtlinge eindeutig höher.
Anders als Polen, wohin die Menschen aus der Westukraine ausgereist sind, nimmt Lettland diejenigen Menschen bei sich auf, die aus den besetzten Gebieten nach Russland gebracht wurden, aber dort nicht bleiben wollen. Die Menschen kommen vor allem über St. Petersburg nach Estland und von dort weiter nach Lettland.
Das ukrainische [1][Forbes] hat kürzlich eine Rangliste der mit der Ukraine befreundeten Länder erstellt. Unter den ersten 20 Ländern ist Polen auf dem 1. Platz, auf dem 2. sind die USA. Lettland ist auf Platz 4, Deutschland auf Platz 15. Für ein nicht gerade großes und nicht wirklich reiches Land ist das ganz schön viel. In diesem Ranking wird auch die materielle Unterstützung für die Ukraine aufgeführt. Im Fall von Lettland sind das 0,72 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Auch das ist beachtlich.
Die einfachen Menschen verhalten sich Ukrainern gegenüber allerdings nicht ganz so eindeutig. Und das überrascht auf unangenehme Weise. Als wir auf Wohnungssuche waren, hat unser Immobilienmakler erzählt, dass die Nachfrage nach Mietwohnungen seit Kriegsbeginn stark gestiegen sei, er aber Ukrainer nicht bevorzugen wolle. Die Besitzer der Wohnung, die wir dann gemietet haben – ethnische Russen – haben uns zugeflüstert, dass sie uns, wenn wir das möchten, verraten, wie man die Sperrung der Fernsehsender umgeht. Lettland hat die Ausstrahlung von TV-Programmen aus der Russischen Föderation offiziell verboten. Wir haben abgelehnt und uns nur angesehen. Aber die Wohnung haben wir dann trotzdem gemietet.
Auch von Ukrainern selber habe ich seltsame Dinge gehört. In meinem Lettischkurs ist Anja aus Kyjiw. Und Anja sagt, dass Flüchtlinge im Allgemeinen relativ unangenehme und „gierige“ Frauen sind, die ganz genau wissen, wie sie Dinge bekommen. „Wenn ich solche Menschen sehe, schäme ich mich dafür, dass das meine Landsleute sind“, sagt Anja. „Sie sind unverschämt, drängeln sich überall vor, schreien: ‚Ich bin Mutter!‘, versuchen überall alles Mögliche abzugreifen – widerlich.“
Mir als Mensch aus Russland scheint es automatisch so, dass man ukrainische Geflüchteten helfen müsse – immer und überall und mit allem, was nur möglich ist. Und dass man über sie sagt: „Es sind zu viele, die da kommen“, oder „unverschämt“ sagt, halte ich für inakzeptabel. Aber offenbar ist das meine verzerrte Wahrnehmung – [2][die eines Menschen aus dem Aggressorland].
Aus dem Russischen [3][Gaby Coldewey]
Finanziert wird das Projekt von der [4][taz Panter Stiftung].
Einen Sammelband mit den Tagebüchern bringt der Verlag edition.fotoTAPETA im September heraus.
2 Jul 2022
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