taz.de -- Belarus im Ukraine-Krieg: Auf alles vorbereitet

Kremlchef Putin besucht Belarus – um das Nachbarland aktiv in den Ukraine-Krieg zu zwingen? Der ukrainische PrĂ€sident zeigt sich jedenfalls gewarnt.

Bild: Großer Bahnhof am Flughafen: Putin und Lukaschenko am Montag in Minsk

Berlin taz | Großer Bahnhof in Minsk: Erstmals seit drei Jahren ist Russlands PrĂ€sident Wladimir Putin am Montag in der belarussischen Hauptstadt mit seinem Amtskollegen Alexander Lukaschenko zusammen getroffen. Bei seiner Ankunft auf dem Flughafen wurde ihm buchstĂ€blich der rote Teppich ausgerollt. Die letzten „GesprĂ€che unter Freunden“ hatten in Moskau oder auf neutralen Territorium statt gefunden.

Bereits zuvor waren Russlands Außenminister Sergei Lawrow und Verteidigungsminister Sergei Schoigu in Minsk eingetroffen. Lawrow sprach dort mit seinem neuen Kollegen Sergej Alejnik ĂŒber die Lage im Krieg gegen die Ukraine, wie das Außenministerium in Moskau mitteilte. Es sei auch darum gegangen, wie Russland und Belarus sich gegen den politischen Druck durch Sanktionen anderer LĂ€nder wehren könnten. In einer offiziellen Mitteilung des belarussischen Außenministeriums zu dem Treffen der beiden Außenminister wurden zwar die Sanktionen erwĂ€hnt, ein Verweis auf die Ukraine hingegen fehlte. Alejnik hatte erst im November das Amt von seinem langjĂ€hrigen VorgĂ€nger [1][Uladsimir Makej] ĂŒbernommen. Dieser war unter ungeklĂ€rten UmstĂ€nden plötzlich verstorben.

Zuvor hatte es geheißen, die beiden Staatschefs wollten neben Sicherheitsfragen und einer wirtschaftlichen Zusammenarbeit auch dringende Fragen der belarussisch-russischen Integration erörtern. Beide Staaten sind durch einen Unionsvertrag von 1999 eng verbunden. Dieser sieht auch die Schaffung supranationaler Organe vor. Bislang hat sich Lukaschenko stets erfolgreich gegen eine zu enge Moskauer Umarmung gewehrt, jedoch nehmen seine Möglichkeiten dafĂŒr stetig ab.

Mit ein Grund dafĂŒr ist Russlands aktueller Angriffskrieg gegen die Ukraine. Seit dessen Ausbruch am 24. Februar 2022 ist Belarus Aufmarschgebiet russischer Truppen. RegelmĂ€ĂŸig werden von hier Luftangriffe auf die Ukraine geflogen. Im Oktober kĂŒndigte Lukaschenko die Bildung einer gemeinsamen MilitĂ€reinheit an. Derzeit halten russische Truppen in Belarus ein Manöver auf Batallionsebene ab, gemeinsame Übungen mit Belarus fĂŒr die kommenden Tage wurden angekĂŒndigt.

Breitere Beteiligung

Bereits seit Wochen diskutieren Expert*innen darĂŒber, ob der Kreml auf Belarus, das wirtschaftlich und politisch total von Moskau abhĂ€ngig ist, Druck ausĂŒben wird, um an seiner Seite aktiv in den Krieg gegen die Ukraine einzugreifen. Der ukrainische Generalleutnant Serhiy Naiew sagte am Sonntag, dass die beiden Staatschefs in Minsk wahrscheinlich auch ĂŒber eine „[2][breitere Beteiligung]“ des belarussischen MilitĂ€rs am Krieg sprechen werden.

In seiner tĂ€glichen Videobotschaft am Sonntagabend hatte der ukrainische PrĂ€sident Wolodymir Selenski den Schutz der Grenze zu Russland und Belarus als PrioritĂ€t bezeichnet. Kyjiw bereite sich „auf alle möglichen“ Entwicklungen vor, einschließlich eines Angriffs von belarussischem Territorium, sagte er.

Russlands Krieg gegen die Ukraine ist in der belarussischen Bevölkerung extrem unpopulĂ€r. In der Vergangenheit war es wiederholt zu AnschlĂ€gen auf Schienen sogenannter Eisenbahnpartisanen gekommen, um die Versorgungswege fĂŒr russische Truppen zu kappen. Einige Aktivisten wurden zu Haftstrafen verurteilt.

Entsprechend fielen die Reaktionen von User*innen auf dem oppositionellen belarussischen Webportal Chartija 97 aus. „Lawrow hat bestimmt Nowitsckok mitgebracht“, heißt es in einem Post. Und in einem anderen: „Wenn Lukaschenko die belarussische Armee zur Schlachtung in die Ukraine schickt, wird sie sanft wie eine Herde trotten? Schweigen die Belaruss*innen auch dann noch?“

19 Dec 2022

[1] /Archiv-Suche/!5895154&s=Makej&SuchRahmen=Print/

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AUTOREN

Barbara Oertel

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