taz.de -- Nach der Berlin-Wahl: Berlin findet noch Briefwahlstimmen

Wegen eines Logistikfehlers wurden Hunderte Stimmen nicht gezählt. Noch-Bürgermeisterin Franziska Giffey darf sondieren.

Bild: Die Stimmen von Briefwähler:innen bei der Auszählung der Berliner Abgeorndetenhauswahl

Berlin taz | Bei der Wiederholungswahl zum Abgeordnetenhaus in Berlin am Sonntag sind Hunderte Briefwahlstimmen nicht ausgezählt worden, weil die Zustellung durch die Post mit Verspätung erfolgte. Es habe „Kommunikationsprobleme“ gegeben, bestätigte Landeswahlleiter [1][Stephan Bröchler] am Dienstag. Die genauen Umstände untersuche man gerade. Zunächst hatte der Spiegel berichtet.

Um wie viele Stimmen es sich genau handelt und welcher Wahlbezirk betroffen ist – oder ob es sich um mehrere Wahlbezirke handelt –, wollte Bröchler am Dienstag nicht sagen. Im Spiegel war die Rede von 450 Briefwahlstimmen für den Bezirk Lichtenberg. „Das entspricht nicht genau der Zahl, die wir haben – aber es ist ungefähr die Größenordnung“, sagte Bröchler. Es könnten „auch noch Stimmen dazukommen“. Es sei nun zunächst Sache des zuständigen Bezirkswahlamts, die Stimmen auszuzählen. Dann werde er „gewohnt transparent“ über das Ergebnis berichten.

Die nachträglich entdeckten Briefwahlstimmen sind pikant, weil der Abstand zwischen SPD und Grünen extrem knapp ausfiel. Lediglich 105 Stimmen beträgt derzeit der Vorsprung der SPD. Beide Parteien erzielten damit bis auf die Nachkommastelle das exakt gleiche Ergebnis hinter der Wahlsiegerin CDU.

Für die Noch-Regierende [2][Franziska Giffey (SPD)] hängt von dem Vorsprung ihre politische Zukunft ab: Bleibt die SPD vor den Grünen, kann sie Rot-Grün-Rot fortsetzen. Dass diese Option ihre „klare Tendenz“ wäre, hat sie bereits gesagt. Und nach den Sitzungen der Parteigremien am Montag ist auch klar, dass sie dafür [3][vom Landesvorstand gestützt wird] – trotz des historisch schlechten Wahlergebnisses.

Die Grünen wollen das Ergebnis nicht neu auszählen lassen

Wären die Grünen im Falle möglicher Stimmenverschiebungen vorn, ist die Koalitionsbildung noch ungewisser als ohnehin schon. Denn ob die SPD – dann wohl ohne Wahlverliererin Giffey – lieber Juniorpartnerin in einer Großen Koalition mit der CDU wäre oder aber in einer von den Grünen geführten Dreierkoalition mit der Linken weitermacht, ist offen.

Bisher haben die Grünen erklärt, [4][das Wahlergebnis nicht neu auszählen lassen zu wollen]. „Ich habe volles Vertrauen in den Landeswahlleiter“, sagte Grünen-Spitzenkandidatin Bettina Jarasch. Die Hürden für eine Neuauszählung in einzelnen Wahlbezirken sind hoch: Laut Bröchler muss es dafür Anhaltspunkte für Zählfehler geben, die sich auf die Mandatsverteilung auswirken. Ob das bei den nachträglich entdeckten Briefwahlstimmen der Fall sein könnte, darauf mochte er sich am Dienstag noch nicht festlegen.

14 Feb 2023

[1] /Berlins-Wahlleiter-Stephan-Broechler/!5914470

[2] /Die-Berliner-SPD-und-die-Koalitionsfrage/!5912653

[3] /Nach-der-Berlin-Wahl/!5915345

[4] /Knapper-Wahlausgang-in-Berlin/!5915263

AUTOREN

Anna Klöpper

TAGS

Briefwahl

Schwerpunkt Wahlen in Berlin

Berlin

Wahlen

GNS

Bettina Jarasch

Franziska Giffey

Schwerpunkt Wahlen in Berlin

Schwerpunkt Wahlen in Berlin

Schwerpunkt Wahlen in Berlin

Schwerpunkt Wahlen in Berlin

Schwerpunkt Wahlen in Berlin

ARTIKEL ZUM THEMA

Abgeordnetenhauswahl vom Sonntag: Vertrauen ist gut, Kontrolle besser

Wie im Lenin-Zitat: Bis zur Feststellung des amtlichen Endergebnisses am 27. Februar wird auch ohne Neuauszählung noch geprüft und nachgerechnet.

Nachklapp zur Berliner Parlamentswahl: Krimi um 466 Briefwahlstimmen

In Lichtenberg wurden am Mittwoch bisher unberücksichtigte Stimmen ausgezählt. Das könnte einen wichtigen Einfluss auf die Regierungsbildung haben.

Die Berliner SPD und die Koalitionsfrage: Zwischen GrĂĽnen und Giffey

Der Landesvorstand der Berliner SPD hat ihre Spitzenkandidatin nicht vom Hof gejagt. Am Freitag starten die Sondierungen. Das Dilemma aber bleibt.

SPD nach Berlinwahl: Verdammt zum Regieren

Franziska Giffey setzt auf Rot-Grün-Rot. Ein Bündnis, das wichtig ist für ihr politisches Überleben. Ein Selbstläufer ist es nicht.

Wahlen in Berlin: CDU bastelt an schwarz-grĂĽn

Vor der Berlin-Wahl am Sonntag boomt die CDU. Parallel dazu schmilzt die Mehrheit der rot-grĂĽn-roten Koalition deutlich ab.