taz.de -- Chinas Volkskongress: Handverlesener Machtzirkel
FĂĽr Chinas Premierminister Li Keqiang markiert der VolkskongreĂź das Ende seiner Laufbahn. An seine Stelle soll der Xi-treue Li Qiang treten.
Mit dem am Sonntag in Peking eröffneten jährlichen Frühjahrsplenum des Nationalen Volkskongresses, Chinas Scheinparlament, enden zehn Jahre der chinesischen Xi-Li-Führung. [1][Staats- und Parteichef Xi Jinping] als die Nummer eins und der vor allem für die Wirtschaft zuständige Premierminister Li Keqiang als bisherige Nummer zwei werden fortan getrennte Wege gehen.
Sie können unterschiedlicher kaum sein: Während Li jetzt in Rente geschickt wird, wie es der KP-Parteitag im letzten Oktober beschlossen hat, beginnt Xi als erster Führer Chinas seit Mao Tse-tung eine dritte Amtszeit und das mit ungewöhnlich weitreichenden Vollmachten. Mit Lis Abgang wird erstmals kein Politiker mehr in der Führungsspitze vertreten sein, der nicht zum von Xi selbst handverlesenen Machtzirkel gehört.
Li Keqiang stand bekanntlich Xis Vorgänger Hu Jintao nahe, der bei dem Parteitag demütigenderweise vom Podium entfernt worden war.
Li ist sicher nie ein demokratischer Reformer gewesen, sondern er war stets treuer Parteisoldat. Im Vergleich zum Ideologen Xi ist er aber ein wirtschaftsliberaler, technokratischer Pragmatiker. Der studierte Ökonom versuchte seit Jahren, die auf hohes Wachstum ausgerichtete Wirtschaft in Richtung qualitatives Wachstum und stärkeren Binnenkonsum umzusteuern. Mit [2][sinkenden Wachstumszahlen] sind jedoch keine positiven Schlagzeilen zu machen.
Li Keqiang geriet nicht nur immer stärker in den Schatten von Xi, sondern teilweise sogar auf Konfliktkurs mit ihm. Xi drückte dem Land und seiner Regierung zunehmend seinen ideologischen Stempel auf und ließ Li immer weniger zum Zuge kommen, je stärker er seine eigene Macht konsolidiert hat. Xi wurde laut Volksmund zum „Chairman of everything“, während eine Rede Lis vom August in Shenzhen, wo er den Wirtschaftsreformer Deng Xiaoping lobte, zensiert wurde. Nicht zuletzt mit Blick auf seinen designierten Nachfolger Li Qiang, der als Xi-Vertrauter und dortiger Parteichef für [3][Shanghais fatalen Lockdown] verantwortlich war, könnte Li Keqiang bald vermisst werden.
6 Mar 2023
LINKS
[1] /Proteste-in-China/!5895121
[2] /Chinas-Nationaler-Volkskongress-tagt/!5919772
[3] /Schanghai-im-Lockdown/!5844629
AUTOREN
TAGS
ARTIKEL ZUM THEMA
Chinas Volkskongress tagt: Demonstration absoluter Macht
Xi Jinping wird einstimmig zum Präsidenten, Parteivorsitzenden und oberstem Militär gewählt. Er wird die Umgestaltung Chinas fortführen.
Chinas Nationaler Volkskongress tagt: Weniger Wachstum, mehr RĂĽstung
Reformen statt schnelles Wachstum: Premier Li Keqiang schlägt bescheidene Töne an und hält sich sogar in Bezug zu Taiwan mit Drohungen zurück.​
Chinas Nationaler Volkskongress: Xi leitet seine 3. Amtszeit ein​
Ab Sonntag tagt Chinas Scheinparlament. Staats- und Parteichef Xi Jinping dürfte dabei den Einfluss der Kommunistischen Partei weiter stärken.​
Proteste in China: „Nieder mit Xi Jinping!“
In Schanghai und anderen Städten zieht es so viele auf die Straße wie seit Jahrzehnten nicht. Gefordert wird ein Ende von „Null Covid“ – und mehr.