taz.de -- Diskussion um Kriegsbeteiligung: Selbstvergewisserung durch Streit
Die Linie zwischen Kriegsteilnahme und Nichtteilnahme ist nicht so klar, wie es viele gern hÀtten. Das zeigt die Diskussion um die Nato-SpezialkrÀfte.
Bild: In der Ukraine im Einsatz? Spezialeinheiten der USA und GroĂbritanniens beim Training
Was fĂŒr wen ein Krieg ist, wie und womit eine Kriegsbeteiligung beginnt, darĂŒber streitet man in Deutschland eigentlich besonders gern. Im Fall des Ukrainekriegs ist dies anders. Hier gilt bislang weithin das Motto: Nur weil wir, also Deutschland und die Nato, die Ukraine mit Waffen unterstĂŒtzen, sind wir, also Deutschland und die Nato, noch keine Kriegspartei. Viele VölkerrechtlerInnen unterstĂŒtzen diese Lesart. Als AuĂenministerin [1][Annalena Baerbock] in einem Wortgefecht rief, âwir kĂ€mpfen einen Krieg gegen Russland und nicht gegeneinanderâ, war die Empörung groĂ. Nichts soll der Behauptung Russlands Nahrung geben, es befinde sich nicht mit der Ukraine, sondern mit der Nato im Krieg.
Aus den [2][Pentagon Leaks], also den öffentlich gewordenen Geheimdokumenten aus dem US-Verteidigungsministerium, geht nun hervor, dass mehrere Nato-Staaten zuletzt SpezialkrĂ€fte in der Ukraine eingesetzt hatten, und wenig spricht dafĂŒr, dass sich das inzwischen geĂ€ndert hat. An dieser Stelle muss unbedingt betont werden, dass aktuell unklar ist, ob diese Dokumente echt sind â und was an ihnen gefĂ€lscht oder nachtrĂ€glich verĂ€ndert worden sein könnte.
Doch hat das britische Verteidigungsministerium es jedenfalls nicht hart dementiert, dass ausweislich der Liste, ĂŒber die BBC und Guardian berichteten, GroĂbritannien im MĂ€rz 50 SpezialkrĂ€fte vor Ort hatte, Litauen 17, Frankreich 15, die USA 14 und die Niederlande eine einzelne, hoffentlich nicht einsame Spezialkraft. Nein, von Deutschland ist dort keine Rede. Und es ist auch nicht bekannt, was die Nato-Soldaten dort tun und wo sie eingesetzt sind: An der polnischen Grenze, zur Ăbergabe der Waffen, schieĂend an der Front? WeiĂ man nicht.
Bundestag diskutierte ĂŒber SpezialkrĂ€fte in Afghanistan
Manche mögen es selbstverstĂ€ndlich finden, dass Nato-Staaten [3][Spezialeinheiten in der Ukraine] einsetzen. Wie selbstverstĂ€ndlich aber ist es dann zu behaupten, die Nato sei gar nicht im Krieg? Es ist noch nicht lange her, da beschĂ€ftigte der Bundestag einen ganzen Untersuchungsausschuss mit der Frage, was zwei BND-Agenten wĂ€hrend des Irakkriegs in Bagdad verloren hatten. Viele Jahre hat der Bundestag darĂŒber diskutiert, was genau die deutschen SpezialkrĂ€fte in Afghanistan machten und was daran unter âKĂ€mpfenâ lief.
Eine Lehre aus all solchen Debatten könnte doch sein, dass die Linien zwischen Kriegsteilnahme und Nichtkriegsteilnahme jedenfalls nicht so klar und straff zu ziehen sind, wie es viele gern hĂ€tten. Angesichts der vielen Unklarheiten ist es jedenfalls unangebracht, sich öffentlich gegenseitig ĂŒber den Mund zu fahren.
Wladimir Putin bestimmt die Regeln seines Handelns ohnehin selbst. Nur um ihm keine diskursiven ZugestĂ€ndnisse zu machen, braucht die demokratische Ăffentlichkeit doch nicht aufzuhören, ĂŒber die Natur des Krieges in der Ukraine zu streiten. Die Ukraine wird noch lange Hilfe brauchen. Um die Zustimmung dafĂŒr hierzulande aufrechtzuerhalten, kommen wir am Streit, also der SelbstaufklĂ€rung darĂŒber, welcher Art die Hilfe ist, nicht vorbei.
13 Apr 2023
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