taz.de -- Tarifstreit bei der Deutschen Bahn: Weitere Warnstreiks drohen

Auch die dritte Verhandlungsrunde zwischen dem Bahnvorstand und der Gewerkschaft EVG ist gescheitert. Die Fronten scheinen verhärtet.

Bild: Ein Reisender liest während des Bahnstreiks der EVG am 21. 4. den Fahrplan mit den Abfahrtszeiten der Züge in Schwerin

Berlin taz | Im regionalen und ĂĽberregionalen Zugverkehr drohen neue Warnstreiks. Die dritte Verhandlungsrunde im Tarifkonflikt bei der Deutschen Bahn (DB) endete am Mittwoch in Fulda ergebnislos. Der Konzernvorstand und die Eisenbahngewerkschaft EVG werfen sich gegenseitig fehlende Einigungsbereitschaft vor.

„Wir haben gestern ein deutlich verbessertes Angebot vorgelegt, historisch das höchste Angebot in der Geschichte der Deutschen Bahn“, sagte DB-Personalvorstand Martin Seiler. „Und dennoch hat die EVG das als nicht verhandlungsfähig bezeichnet und ist nicht bereit, auf dieser Grundlage überhaupt in Verhandlungen einzusteigen.“ Er forderte die EVG auf, ihre Verweigerungshaltung aufzugeben und „die Tarifrunde nicht weiter in die Länge zu ziehen“.

EVG-Verhandlungsführer Kristian Loroch drehte den Spieß um: „Dass die Bahn die Verhandlungen nun für beendet erklärt, zeigt uns, dass sie kein echtes Interesse daran hat, eine Einigung mit der EVG zu erzielen“, sagte er und stellte weitere Warnstreiks in Aussicht. „Statt gemeinsam nach Wegen zu suchen, wie wir ins Verhandeln kommen, packt der Verhandlungsführer der DB AG seine Koffer und verlässt den Verhandlungsort“, zeigte sich Loroch enttäuscht. „Das ist für uns völlig unverständlich.“

Das am Dienstag vom Bahnvorstand vorgelegte Angebot sieht für dieses Jahr ausschließlich die Zahlung einer steuer- und abgabefreien Inflationsausgleichsprämie von 2.850 Euro vor. Für untere und mittlere Einkommen soll es dann ab März 2024 eine Lohnsteigerung um 5 Prozent geben, weitere 5 Prozent stünden im August 2024 an. Obere Einkommen sollen jeweils 4 Prozent mehr erhalten. Außerdem soll es einen bahnspezifischen Mindestlohn von 13 Euro geben. Die Laufzeit des Tarifvertrags soll 27 Monate betragen.

EVG: „Inakzeptabel“ und „nicht verhandlungsfähig“

Personalvorstand Seiler bezeichnete das als „ein Riesenpaket, das sich am Volumen des öffentlichen Dienstes orientiert“. Damit habe sich die Bahn „einen riesigen Schritt auf die Gewerkschaft zubewegt“. Und Seiler fragte spitz: „Was denn noch?“ Tarifverhandlungen seien „doch kein Wünsch-Dir-Was“.

EVG-Mann Loroch bezeichnete das Angebot dagegen als „inakzeptabel“. Er sagte: „Wer erklärt, die Tarifsituation befrieden zu wollen, darf keine Laufzeit von 27 Monaten anbieten, wenn zwölf gefordert sind, nur um mit einer vermeintlich hohen Prozentzahl protzen zu können.“ So sei es nicht hinnehmbar, dass für dieses Jahr keine Lohnerhöhung, sondern nur eine nicht tabellenwirksame Einmalzahlung angeboten werde.

Auch fehle eine „Mindestkomponente“ zur Entlastung der unteren Lohngruppen, monierte Loroch. Das ist tatsächlich ein auffälliger Unterschied zum Abschluss im öffenlichen Dienst am vergangenen Wochenende, an dem sich der Bahnvorstand vermeintlich orientiert. Denn der enthält einen Grundbetrag von 340 Euro, um den ab März 2024 mindestens die Löhne im öffentlichen Dienst steigen werden.

Die EVG-Forderung liegt allerdings deutlich höher. Die Gewerkschaft fordert mindestens 650 Euro mehr im Monat oder zwölf Prozent bei den oberen Einkommen – und das noch für dieses Jahr, nicht erst im nächsten. Die Deutsche Bahn sei „gut beraten, noch einmal in sich zu gehen und ernsthaft zu prüfen, wie sie ein Angebot unterbreiten kann, das auf die Forderungen der EVG eingeht“, sagte Loroch. „Weitere Warnstreiks, um unserer Forderung Nachdruck zu verleihen, können wir nicht ausschließen.“

Der Tarifkonflikt könnte sich noch einige Zeit hinziehen. Der nächste Verhandlungstermin ist für Ende Mai angesetzt. Außerdem hat die EVG bereits weitere Termine für Juli und September angefragt. Dass die Gewerkschaft bis zu einer Verständigung durch Ausstände den Druck auf den Bahnvorstand erhöhen wird, gilt als wahrscheinlich. [1][Bereits Ende März] und [2][am vergangenen Freitag] hatte sie mit bundesweiten Warnstreiks den Fern- und Regionalverkehr temporär lahmgelegt.

26 Apr 2023

[1] /Bundesweiter-Warnstreik/!5921816

[2] /Bahnstreik-in-Deutschland/!5929450

AUTOREN

Pascal Beucker

TAGS

EVG

Deutsche Bahn (DB)

Tarifverhandlungen

Tarifstreit

Warnstreik

GNS

Tarif

Tarifstreit

Berufsgewerkschaften

Deutsche Bahn (DB)

Tarifstreit

Verdi

Verdi

ARTIKEL ZUM THEMA

Tarifeinigung erzielt: Kein Streik bei der Bahn

Keine spontanen Bahnausfälle mehr? Am Montagabend verkündeten die Lokführergewerkschaft GDL und die Deutsche Bahn ein Ende ihres Tarifstreits.

Tarifverhandlungen in Kliniken: Mehr Geld für Ärzt:innen

Tarifeinigung für rund 60.000 Ärzt:innen in kommunalen Kliniken: Sie erhalten bald fast 9 Prozent mehr Gehalt und eine Inflationsausgleichzahlung.

Gewerkschaften zum 1. Mai: Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Die Gewerkschaften müssen angesichts einer hohen Inflation bei den Tarifverhandlungen liefern – Erwartungen können leicht enttäuscht werden.

Tarifkonflikt bei der Bahn: EVG droht mit langen Streiks

Im Tarifkonflikt bei der Deutschen Bahn ist keine Einigung in Sicht. Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft droht nun, den Bahnverkehr „wochenlang“ lahmzulegen.

Tarifeinigung im öffentlichen Dienst: Geschürte Erwartungen nicht erfüllt

Dass die Verdi-Mitglieder mit dem Ergebnis zufrieden sind, ist unwahrscheinlich. Angesichts des erklärten Verhandlungsziels war das Erreichte mager.

Bundesweiter Warnstreik: Tote Hose an fast allen Haltestellen

Mit ihrem Warnstreik haben Verdi und EVG den öffentlichen Verkehr weitgehend stillgelegt. Nun geht es zurück an die Verhandlungstische.

Warnstreik am Montag: Fast alle Räder stehen still

Mit einem Mobilitätsstreik in nie da gewesenem Ausmaß machen Verdi und EVG mächtig Druck für ihre jeweiligen Tarifkonflikte. Ist das nur der Auftakt?