taz.de -- Klimaproteste in Berlin: Wegner will 5-Tage-Haft

Berlins CDU-Regierungschef möchte den PrĂ€ventivgewahrsam von zwei auf fĂŒnf Tage ausweiten. Unterdessen halten die Blockaden der Letzten Generation an.

Bild: Nichts geht mehr auf der Stadtautobahn: Protest der Letzten Generation am Dienstag

Berlin dpa | Der neue Regierende BĂŒrgermeister [1][Kai Wegner (CDU)] will es Polizei und Justiz ermöglichen, mögliche StraftĂ€ter fĂŒnf Tage vorbeugend zu inhaftieren, um bestimmte Taten zu verhindern. „Wir werden als Koalition die rechtlichen Voraussetzungen fĂŒr einen bis zu fĂŒnftĂ€gigen PrĂ€ventivgewahrsam schaffen“, sagte Wegner dem Tagesspiegel. „Innen- und Justizsenatorin werden hier Hand in Hand arbeiten.“ Das Vorhaben ist bereits [2][im Koalitionsvertrag von CDU und SPD] enthalten.

Die Möglichkeit eines [3][PrĂ€ventivgewahrsams gibt es in Berlin bereits fĂŒr bis zu 48 Stunden]. In manchen anderen BundeslĂ€ndern wie Bayern ist eine deutlich lĂ€ngere Dauer erlaubt. Die vorbeugende Inhaftierung von Klimaschutz-Aktivisten hatte im vergangenen Jahr bundesweit fĂŒr viele Diskussionen gesorgt.

Unterdessen setzten in Berlin Klimaschutz-Demonstranten am Dienstag ihre Straßenblockaden fort. Auch [4][eine Besetzung von BĂ€umen im Berliner Park Wuhlheide] durch UmweltschĂŒtzer ging weiter. Eine schnelle RĂ€umung durch die Polizei ist laut Senat nicht geplant.

Die Klima-Demonstranten der [5][Gruppe Letzte Generation] blockierten am Dienstagmorgen im Berufsverkehr elf große Durchgangsstraßen und Kreuzungen im ganzen Stadtgebiet. Darunter war nach Polizeiangaben auch die Stadtautobahn A100 zwischen Spandauer Damm und Kaiserdamm.

Bei mindestens zwei Blockaden hĂ€tten sie ihre HĂ€nde auf der Straße mit einem speziellen Sand-Klebstoff-Gemisch befestigt. Zum Ablösen muss die Polizei Trennschleifer einsetzen, durch die die Straßen beschĂ€digt und dann wieder repariert werden mĂŒssen.

Erneut war [6][die Sprecherin der Gruppe, Carla Hinrichs], bei einer Blockade dabei. Sie hatte sich nach Angaben von Polizisten vor Ort so festgeklebt, dass die Straße an zwei Stellen vier Zentimeter tief abgetragen werden musste. Hinrichs wurde von der Polizei vorlĂ€ufig festgenommen. Ob sie wieder freigelassen werden sollte, teilte die Polizei auf Anfrage zunĂ€chst nicht mit.

In der vergangenen Woche war Hinrichs in Frankfurt am Main wegen einer frĂŒheren Aktion [7][zu zwei Monaten GefĂ€ngnis auf BewĂ€hrung verurteilt worden]. Das Urteil ist noch nicht rechtskrĂ€ftig. Hinrichs teilte mit: „Trotzdem saß ich gestern und auch heute wieder auf der Straße.“ Sie habe mehr Angst vor dem Klimawandel als vor dem GefĂ€ngnis. „Darum werde ich weitermachen, auch wenn ich dafĂŒr ins GefĂ€ngnis muss.“

Die Letzte Generation fordert verstĂ€rkte Maßnahmen der Politik gegen den Klimawandel. Ihre UnterstĂŒtzer kleben sich seit Januar 2022 immer wieder auf Straßen fest, um den Verkehr zu blockieren. Im April hatte die Gruppe ihren Protest in Berlin verstĂ€rkt. Vom 16. April bis 7. Mai wurden 151 Straßenblockaden registriert, 8 davon auf Autobahnen.

Bei der Berliner Staatsanwaltschaft gibt es bislang knapp 2.000 Ermittlungsverfahren zu Aktionen der Letzten Generation und einer weiteren Gruppe. 86 Urteile wurden bislang gesprochen, 40 davon sind rechtskrÀftig. In der Regel wurden die Demonstranten zu Geldstrafen verurteilt, meist wegen Nötigung und Widerstands gegen die Polizei.

Baumbesetzung gilt als Demonstration

Nach der Besetzung von [8][BĂ€umen im Park Wuhlheide in Köpenick] durch UmweltschĂŒtzer wollen Senat und Polizei zunĂ€chst die Situation beobachten. Die Berliner Forsten, die fĂŒr die WĂ€lder zustĂ€ndig sind, hĂ€tten sich ein Bild der Lage gemacht und sollen sie auch in den kommenden Tagen weiter bewerten, teilte die Senatsumweltverwaltung mit. Die Polizei erklĂ€rte, man stufe die Aktion bisher als Demonstration ein.

Die Baumbesetzer, die sich als queerfeministische Aktivisten bezeichnen, wollen mit der Aktion verhindern, dass fĂŒr den Bau der geplanten Straße „Tangentiale Verbindung Ost“ 15 Hektar Wald gerodet werden. Sie besetzten einige BĂ€ume und bauten BaumhĂ€user. Am Montag schrieben die Besetzer: „Wir gehen davon aus, dass die RĂ€umung der Besetzung in den nĂ€chsten Tagen stattfindet.“ Sie forderten UnterstĂŒtzer auf, Widerstand zu leisten. Die „Tangentiale Verbindung Ost“ ist eine seit langem geplante Durchgangsstraße im Osten Berlins.

16 May 2023

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