taz.de -- Hype um Super Recognizer: Die Menschen mit dem Superblick

Großes erwarten Polizei, Politik und Medien von „Super Recognizern“, die besonders gut Gesichter wiedererkennen. BegrĂŒndet ist das nur zum Teil.

Ein diffuses Unwohlsein beschleicht die sĂ€chsische Landtagsabgeordnete Juliane Nagel, wenn sie ĂŒber sogenannte [1][„Super Recognizer“ bei der Polizei] liest. Das sind Menschen, die ein besonderes GespĂŒr fĂŒr Gesichter haben: Sie können sich sehr lange an sie erinnern, auch nach flĂŒchtigem Kontakt. Oder wissen sofort, ob es sich um ein- und dieselbe Person handelt, von der sie vielleicht nur ein unscharfes Foto gesehen haben, und die sich stark verĂ€ndert hat.

Super Recognizer hatten in den vergangenen Monaten Hochkonjunktur, unter anderem wegen eines [2][Fernseh-„Tatort“ im April], in dem eine Super Recognizerin einen Mörder finden sollte. Zudem haben mehrere BundeslĂ€nder angekĂŒndigt, verstĂ€rkt auf dieses Fahndungstool setzen zu wollen, darunter Sachsen.

Wie das funktioniert, bleibt in den Medienberichten oft nebulös. Manchmal klingt es, als hĂ€tten sich die Journalist:innen [3][in eine Comic-Welt verirrt]: Da ist die Rede von Menschen mit [4][â€žĂŒbernatĂŒrlichen FĂ€higkeiten“], die „Verbrecherjagd per Superkraft“ betreiben – weil sie „Augen haben, die nicht vergessen“.

Angesichts solcher Schlagzeilen ist es nicht verwunderlich, dass die Linken-Abgeordnete Nagel Sachsens CDU-Landesregierung auffordert, aufzuklĂ€ren ĂŒber den Einsatz dieser „menschlichen ‚Speichermedien‘“, wie sie es nennt. Verwunderlich ist eher, dass sie damit die einzige Parlamentarierin ist: Es gibt zwar eine Handvoll Anfragen, aber die zielen darauf, wann ĂŒberall Super Recognizer eingesetzt werden.

Innenminister verweigert Auskunft

Dabei ist es dringend geboten, genauer hinzuschauen. Allerdings geht es dabei weniger um Bedenken, wie Juliane Nagel sie hegt: dass sich die Super Recognizer „prĂ€ventiv“ jede Person merken könnten, die ihnen auf Demos begegnet. Die Sorge ist unbegrĂŒndet. Selbst wenn sie das könnten, hĂ€tte das alleine keine Folgen. Das hĂ€tte ihr auch Innenminister Armin Schuster im Juni auf ihre Anfrage im Landtag erklĂ€ren können. [5][Aber er verweigerte die Auskunft.]

Problematisch ist vielmehr: Mit Ausnahme von Berlin und Rheinland-Pfalz haben fĂŒnf von sieben Innenministerien sowie die Bundespolizei keine Ahnung, ob ihre Super Recognizer fĂŒr die ihnen zugedachten Aufgaben geeignet sind – und was das Verfahren taugt, mit dem sie gesucht werden. Das zeigen Antworten auf Fragen der wochentaz, die alle BundeslĂ€nder sowie die Bundespolizei angeschrieben hat.

ZunĂ€chst zu dem, was die Behörden wissen: Abgesehen von Nordrhein-Westfalen können sie sagen, wie viele Super Recognizer sie beschĂ€ftigen. Das reicht von drei in Berlin bis zu 400 in Baden-WĂŒrttemberg. Bei der Bundespolizei sind es 113. In Hessen hatten landesweit 3.104 Polizeibedienstete eine computergestĂŒtzte Testreihe absolviert, 237 Kandidat:innen bestanden alle Stufen.

In Bayern identifizierte das PolizeiprĂ€sidium MĂŒnchen 23 Super Recognizer in seinen Reihen, genauso viele gibt es im sĂ€chsischen Chemnitz. Und in Rheinland-Pfalz waren im PolizeiprĂ€sidium Koblenz sechs im Einsatz. Die anderen BundeslĂ€nder setzen derzeit keine ein – teils mit der BegrĂŒndung, es gebe kein wissenschaftlich gesichertes Auswahlverfahren.

Die wochentaz hat mehrere PolizeiprĂ€sidien gefragt, ob sie mit einem Super Recognizer sprechen kann. Alle sagten mit der BegrĂŒndung ab, die Betroffenen seien den Medienrummel leid. Ihre TĂ€tigkeit ist dabei weniger glamourös als es manche Berichte erscheinen lassen. Darin gestehen VerdĂ€chtige ihre Taten auf der Stelle, weil sie so perplex sind, aufgespĂŒrt worden zu sein. Dass Super Recognizer dabei helfen, Kapitalverbrechen aufzuklĂ€ren, ist die Ausnahme.

Einsatz auf Großveranstaltungen

Oft geht es darum, Videoaufnahmen von Straftaten auszuwerten und bekannte Personen zu identifizieren – meistens WiederholungstĂ€ter. Oder zu entdecken, dass es sich bei unterschiedlichen Taten um dieselbe Person handelt. Zudem können Super Recognizer auf Großveranstaltungen nach bekannten GewalttĂ€tern Ausschau halten, die einen bestimmten Ort nicht betreten dĂŒrfen oder die die Polizei im Auge behalten möchte.

Dazu muss man kein Super Recognizer sein. So sagte eine:r der drei Polizist:innen, die nach den Attacken auf Frauen in der Kölner Silvesternacht 2015 viele VerdĂ€chtige auf Videoaufnahmen identifiziert hatten, ĂŒber sich, er sei ein sehr erfahrener Fahnder. Sein Wiedererkennungsvermögen war tatsĂ€chlich nur durchschnittlich ausgeprĂ€gt, [6][wie Meike Ramon bei einem Test entdeckte].

Die Professorin fĂŒr kognitive Neurowissenschaften forscht [7][im schweizerischen Lausanne] zur Super Recognition und hat mit der Berliner Polizei eigens ein Verfahren entwickelt, Super Recognizer auszuwĂ€hlen. Auch in Rheinland-Pfalz hat sie bei der Identifizierung geholfen.

ZurĂŒck zu den Antworten der Behörden: Danach gefragt, wie sie den Erfolg der Super Recognizer messen, nennen einige Pressestellen Zahlen, ohne sie ins VerhĂ€ltnis zu setzen. „Im Zeitraum Mai 2021 bis MĂ€rz 2023 konnten die Frankfurter Super-Recognizer in ĂŒber 1.400 FĂ€llen Personen wiedererkennen, Taten zusammenfĂŒhren und Ersuchen anderer Dienststellen erfolgreich bearbeiten“, schreibt das hessische Innenministerium. Wie viele Identifizierungen wĂ€ren es ohne Super Recognizer gewesen? Unbekannt.

Polizei verweist auf Anekdoten

Andere stellen Beispielhaftes heraus: Bei der Aufarbeitung von Ausschreitungen in Stuttgart im Juni 2020 hĂ€tten Super Recognizer „wesentlich zur Identifizierung von rund 60 TatverdĂ€chtigen beigetragen“, heißt es aus Baden-WĂŒrttemberg. Nordrhein-Westfalen verweist auf einen Artikel, in dem die Polizei Anekdoten erzĂ€hlt: „Bei einem Fußballspiel der Borussia identifizierte eine Super-Recognizerin nach wenigen Minuten einen TatverdĂ€chtigen unter 20.000 Zuschauern.“

Das bayerische Innenministerium sagt, die Erfolge seien schwer zu messen, zumal die Identifizierung nicht zwangslĂ€ufig zur AufklĂ€rung fĂŒhre. „Jedoch“, schreibt der Sprecher, sei „das generelle Feedback durchweg positiv“. Überhaupt keine Daten gibt es zu Verurteilungsquoten, was folgerichtig ist: Das Wiedererkennen alleine stellt keinen Beweis dar.

MĂŒssen die Aussagen von Super Recognizern vor Gericht anders bewertet werden als die ihrer Kolleg:innen? [8][Meike Ramon, die seit 17 Jahren zur Gesichtserkennung forscht], hĂ€lt das fĂŒr nicht ausgeschlossen: wenn klar sei, wie anders die Gehirne von Super Recognizern arbeiten.

Wie wenig durchdacht deren Einsatz in Deutschland ist, wie sehr sich Verantwortliche von einem „positiven“ GrundgefĂŒhl leiten lassen, zeigen weitere Antworten. So gibt es wissenschaftliche Belege, dass Super Recognizer genau wie Normal-Betrachter:innen Menschen unterschiedlich gut auseinanderhalten können, je nachdem, wie vertraut ihnen die GesichtszĂŒge sind: Weiße erkennen am besten andere Weiße wieder.

Behörden denken nicht nach

Innenministerien und Bundespolizei negieren diesen [9][„Other-Ethnicity Effect“]. Bayerns Innenministerium behauptet gar, das Beispiel der Metropolitan Police London beweise das Gegenteil. Dort war 2015 die weltweit erste Super-Recognizer-Einheit eingerichtet worden – ihr [10][GrĂŒnder selbst hatte stets öffentlich bedauert], dass seine Leute in dieser Hinsicht eine SchwĂ€che hĂ€tten.

Und ob sie wirklich ein Verfahren haben, die richtigen Leute zu finden: DarĂŒber denkt man in den Behörden offenbar nicht nach. Als „erprobt und praktikabel“ bezeichnet eine Sprecherin aus Sachsen die Massentestung, die an der Londoner University of Greenwich konzipiert worden ist, der MarktfĂŒhrerin in diesem Bereich, im Internet leicht zu finden. [11][Deutsche Polizeidienststellen sind ihre Hauptkunden].

Hessen, Baden-WĂŒrttemberg und Bayern wollen an dieser Methode festhalten, einzig Nordrhein-Westfalen arbeitet an einer neuen. Auch die Bundespolizei hat sich laut einer Sprecherin wiederholt fĂŒr Greenwich entschieden „aufgrund dortiger Studienlagen und Untersuchungsmethoden“. Diese hĂ€tten „die derzeit grĂ¶ĂŸtmögliche Evidenz“. Auf die Frage nach Belegen verweist die Sprecherin auf eine online veröffentlichte Publikationsliste des Test-Instituts – ohne sagen zu können, wo sich die Evidenz verbirgt.

Die kann es gar nicht geben: Der Psychologie-Professor Josh Davis, der die Testreihe seit dem Jahr 2011 entwickelt hat, veröffentlicht deren wissenschaftliche Auswertung nicht. Seine Konkurrentin Meike Ramon macht ihm dies zum Vorwurf: „Wissenschaft bedeutet, dass Untersuchungen wiederholbar und damit ĂŒberprĂŒfbar sind.“

Sorge um Vertrauen in Behörden

Dabei geht es ihr nicht einfach um die Wissenschafts-Ehre: Sie fĂŒrchtet um das Vertrauen in deutsche Behörden, wenn solche Prozesse intransparent sind. Keine aus der Luft gegriffene Sorge, wie das Beispiel der sĂ€chsischen Abgeordneten Juliane Nagel zeigt, der die Super Recognizer suspekt sind.

Im GesprĂ€ch erklĂ€rt Josh Davis, welche Testmethoden er bei der Super-Recognizer-Suche verwendet. Zehn bis elf seien es, sagt er, die meisten davon seine eigenen. Da mĂŒssen die Proband:innen anhand von Bildmaterial erkennen, ob sie Gesichter schon einmal gesehen haben, oder ob es sich um ein und dieselbe Person handelt.

Meike Ramon [12][kritisiert die fehlende PraxisnĂ€he seiner Testreihe], genauso wie [13][die britische Psychologie-Professorin Sarah Bate] von der University of Bournemouth. Beide sagen auch, dass einige der verwendeten Tests nicht sensitiv genug seien – sogar Gesichtsblinde könnten dabei gut abschneiden. Beide fordern verbindliche Definitionen und Diagnosekriterien fĂŒr die Identifizierung von Super Recognizern.

Bei der Entwicklung ihres Tests fĂŒr die Berliner Polizei haben Ramon und ihr Team Interviews mit Polizist:innen in verschiedenen Abteilungen gefĂŒhrt, um zu verstehen, wo Super-Recognizer hilfreich sein können. Anschließend nutzten sie keine Bilder von gestellten Situationen wie Davis, sondern authentisches Material: Bilder also, mit denen die Super Recognizer spĂ€ter auch arbeiten wĂŒrden, etwa Videoaufnahmen von Straftaten. „Wir wollten nicht die suchen, die im Labor gut abschneiden“, so Ramon, „sondern in der Praxis.“

Erster empirischer Effizienz-Nachweis

Ob das funktioniert, untersucht sie jetzt begleitend zum Einsatz der drei Super Recognizer in einem einjĂ€hrigen Modellprojekt des Berliner Landeskriminalamts. Ihr zuvor ĂŒber fĂŒnf Jahre entwickelter Test „beSure“ wĂ€re damit weltweit der erste wissenschaftlich validierte zur Identifizierung von Super Recognizern bei der Polizei. Ende des Jahres soll in einer Pressekonferenz eine Halbzeitbilanz gezogen werden.

Dass es sinnvoll ist, Super Recognizer bei der Polizei einzusetzen, konnte Ramon [14][in diesem Jahr als Erste nachweisen]. Sie fand auch den ersten empirischen Beweis dafĂŒr, dass die von ihr identifizierten Polizist:innen fĂŒr eine Effizienzsteigerung sorgen. Dabei vermutet sie, dass Menschen in der Gesichtserkennung immer besser sein werden als Computer, weil diese manche Aufnahmen von Gesichtern gar nicht als solche klassifizieren können und extrem große TrainingsdatensĂ€tze brauchen.

Anders als Josh Davis wĂŒrde sie aber nie fordern, jede Polizei mĂŒsse Super Recognizer einsetzen: „Die Bedarfe einer Behörde können individuell variieren“, sagt Ramon. Sollte aber der oder die Richtige an der richtigen Stelle landen, könne das enorm motivieren: „Es ist toll, wenn man seine FĂ€higkeiten gut nutzen kann.“

Die Wissenschaftlerin findet Super Recognizer interessant, weil diese ihr Einblicke ermöglichen in die Arbeitsweise menschlicher Gehirne, genauer: in deren VariabilitÀt. Das sei Grundlagenforschung, sagt sie, die dabei helfe, individualisierte AnsÀtze etwa in der Medizin voranzubringen: Also nicht mehr alle gleich zu behandeln, ohne zu wissen, wie gut eine Therapie jeweils wirkt.

Test ist kostenpflichtig

Bezahlt hat die Berliner Polizei Meike Ramon als Beraterin wĂ€hrend der Entwicklungsphase. Ihre Tests sind kostenlos, anders als die aus England: Was die Greenwich-Testreihe kostet, verrĂ€t nur Sachsens Innenministerium. Demnach hat die Polizeidirektion Chemnitz 4.800 Euro gezahlt. Eigentlich mĂŒsste er noch mehr verlangen, sagt Davis, weil er keine finanzielle Förderung fĂŒr seine Super-Recognizer-Arbeit bekommen habe.

Daher untersuche er auch nicht, wie sich die von ihm identifizierten Deutschen entwickeln. „Ich habe das den Polizeibehörden angeboten, aber sie wollten dafĂŒr leider kein Geld ausgeben.“ Dass er so wenig veröffentliche, liege an zu wenig Zeit. Auf die Bedenken, seine Tests seien nicht geeignet, die Richtigen auszuwĂ€hlen, [15][entgegnete er 2020 in einem Aufsatz]: „Ich bin pragmatisch: Kriminelle warten nicht, und Organisationen brauchen jetzt Super Recognizer“.

Diese Überzeugung teilt Davis mit Mike „Mick“ Neville, dem GrĂŒnder der ersten Super-Recognizer-Einheit bei der Metropolitan Police London. Sie arbeiten seit 2011 eng zusammen. Wer sich mit der Verbindung von Davis und Neville beschĂ€ftigt, kommt nicht umhin zu fragen, ob die deutschen Polizeibehörden mit dem richtigen Institut kooperieren. Ganz unabhĂ€ngig vom wissenschaftlichen Wettstreit um die besten Tests.

So ist in Deutschland weitgehend unbekannt, dass die Londoner Einheit schon 2017 wieder aufgelöst wurde. Das hĂ€ngt mit dem Ende von Mike Nevilles Polizeikarriere zusammen: Im Januar 2017 beschwerte er sich [16][in der Boulevardzeitung Daily Mail] darĂŒber, wegen seiner politischen Ansichten aus dem Job gedrĂ€ngt worden zu sein. Laut Medienberichten hatte Neville sich in sozialen Medien als AnhĂ€nger [17][der rechtspopulistischen Ukip-Partei] geoutet, gegen die Homosexuellen-Ehe und Sozialleistungen fĂŒr Migrant:innen ausgesprochen sowie gegen die „trendy metropolitan Elite“ gehetzt.

Mit dem MilitÀr vernetzt

Seitdem konzentriert sich Neville auf [18][sein Unternehmen Super Recognisers International Ltd], kurz SRI. Laut Website vermittelt es Super Recognizer fĂŒr die Überwachung von Personen und die Auswertung von Videoaufnahmen. SRI sei weltweit mit „militĂ€rischen StreitkrĂ€ften“ vernetzt, heißt es auf der Seite, und dass britische Polizeibehörden ihre Dienste nutzten bei Ermittlungen in „MordfĂ€llen und anderen schwerwiegenden Verbrechen“.

Eine Sprecherin der Thames Valley Police, die als Referenz genannt wird, bestĂ€tigt die Zusammenarbeit. Die ebenfalls aufgefĂŒhrte Metropolitan Police London hingegen sagt, sie arbeite weder mit Neville noch mit Davis zusammen.

Josh Davis wiederum hat einen Beratervertrag mit SRI, ein Hinweis findet sich auf seiner Website. Nicht ersichtlich ist dort, dass die Firma seine Arbeit sponsert – und Davis im Gegenzug Werbung fĂŒr sie macht. Diese erhĂ€lt, wer eine im Internet offen zugĂ€ngliche Testreihe absolviert. „Aufgrund außergewöhnlich guter Ergebnisse“ habe sie sich „als eine der wenigen Personen qualifiziert, die eine Einladung zur Teilnahme an einer fortgeschritteneren Testreihe fĂŒr Super-Recognisers International und die Association of Super-Recognisers erhalten“, erfuhr die Autorin dieses Texts.

Ebenso, was ihr winke, wenn sie sich weiter testen ließe: SRI habe „in verschiedenen Teilen der Welt Voll- und TeilzeitarbeitsplĂ€tze fĂŒr Super Recognizer gefunden“. Doch wer fĂŒr SRI arbeiten will, muss erst mal die Testergebnisse bezahlen: 30 britische Pfund, etwa 35 Euro; wer nicht ĂŒber die University of Greenwich kommt, zahlt doppelt so viel. Anschließend werden mindestens 240 Pfund fĂ€llig fĂŒr einen „Trainings-Kurs“ – Voraussetzung fĂŒr eine von SRI vermittelte TĂ€tigkeit.

Geist des GeheimbĂŒndlerischen

Der Abstand zu seriöser Wissenschaft wird noch etwas grĂ¶ĂŸer: Zertifiziert werden Test und Kurse von der – ebenfalls durch Davis beworbenen – „Association of Super Recognisers“. Das ist laut eigener Homepage ein „Fachverband“ und eine der „selektivsten und exklusivsten Organisationen der Welt“. Vorausgesetzt, man zahlt fĂŒr Tests und Kurse, kann man dort ĂŒber vier Stufen bis zum „Honorary Fellow“ aufsteigen, von „Chairman and Executive“ ausgewĂ€hlt. Wer das ist? Auf der Seite fehlt jeglicher Hinweis, wer den Verband reprĂ€sentiert.

Den Geist des GeheimbĂŒndlerischen atmet auch die Verleihung der „Lizenzen“ durch die Association: Auf seiner Homepage verlinkt Josh Davis [19][einen Artikel ĂŒber eine solche „Zeremonie“], bei der er selbst einen Gastvortrag hielt: In den Londoner RĂ€umen einer Freimaurerloge habe Schirmherr „Lord Lingfield“ die Urkunden ĂŒberreicht. Der 80-JĂ€hrige engagiert sich [20][im britischen Oberhaus] gegen die Benachteiligung von Jungen.

Davis erklĂ€rt der wochentaz, warum Proband:innen seiner Tests Werbung fĂŒr SRI erhalten: Das Unternehmen finanziere die Auswertung der Tests durch seine Mitarbeiter:innen und kĂŒmmere sich zudem um den E-Mail-Verkehr. „Das wĂŒrden wir sonst nicht schaffen“. Sollte sich jemand stören an der Verquickung von Wissenschaft und GeschĂ€ftsinteresse, tĂ€te ihm das leid.

Mit fĂŒnf Prozent schnitten ohnehin nur wenige so gut ab, dass sie die Einladung bekĂ€men. Wer die Tests auf Englisch absolviere, bekomme neuerdings per Mail erklĂ€rt, wie selten Menschen aufgrund ihrer Super Recognition eingestellt werden, sagt er. Die meisten wĂŒrden dort rekrutiert, wo sie arbeiten, etwa bei der Polizei.

Menschen hoffen auf Jobs

Dennoch machen sich Menschen Hoffnung, aufgrund ihrer Gabe eingestellt zu werden oder in KriminalfĂ€llen helfen zu können. Immer wieder bekĂ€me sie Anfragen, ob sie dazu raten könne, sich von SRI „ausbilden“ zu lassen, erzĂ€hlt Meike Ramon. Ihr seien keine Möglichkeiten bekannt, als Zivilist:in wegen einer Begabung als Super Recognizer eingestellt zu werden. „Es wĂ€re verwerflich, fehlgeleitete Hoffnungen zu wecken.“

Josh Davis bescheinigt seinen Kritikeri:nnen „eine Obsession mit der Test-QualitĂ€t“. Und zu skeptischen Äußerungen einer Linken-Bundestagsabgeordneten im August 2021 [21][merkt er auf seiner Website an], dahinter stecke die Absicht, „die Öffentlichkeit zu verunsichern“.

Fraglich ist, ob nicht eher eine Melange aus Intransparenz und AuserwĂ€hlten-Fantasien fĂŒr Verunsicherung sorgt. Deutsche Behörden tragen dazu bei, wenn sie Fragen nicht beantworten können oder wollen, ebenso wie Medien, wenn sie Super Recognizer in die NĂ€he von Superheld:innen rĂŒcken, die außerhalb des Gesetzes agieren.

Die sÀchsische Linken-Politikerin Juliane Nagel will unterdessen eine Idee aus [22][Rheinland-Pfalz] aufgreifen: Dort soll in einer der nÀchsten Sitzungen des Innenausschusses ein Super Recognizer seine Arbeit erklÀren. Ein Ausschussmitglied erzÀhlt, das sei dem Innenminister im Juli nicht gelungen. Die Super Recognizer habe der aber super gefunden.

29 Jul 2023

[1] /Sexuelle-Uebergriffe-von-Koeln/!5317184

[2] /Neuordnung-im-Dortmund--Tatort/!5926497

[3] https://en.wikipedia.org/wiki/Top_10_(comics)

[4] https://www.newyorker.com/magazine/2016/08/22/londons-super-recognizer-police-force

[5] https://www.linksfraktionsachsen.de/presse/detail/juliane-nagel-klarheit-ueber-super-recognizer-bei-sachsens-polizei-herstellen-werden-sie-auch-praeventiv-eingesetzt/

[6] https://www.institut-police.ch/06-wissen/06-04-format-magazine/2020-10/Inhalte/4%20Ramon%20-%20Wyss.pdf

[7] https://afclab.org/team

[8] https://afclab.org/team

[9] https://eprints.bournemouth.ac.uk/31749/1/The%20limits%20of%20super%20recognition%20an%20other%20ethnicity%20effect%20in%20individuals%20with%20extraordinary%20face%20recognition%20skills.pdf

[10] https://www.youtube.com/watch?v=TPGf6kDnYeM

[11] https://www.superrecognisers.com/_files/ugd/9bb3fa_336e8ae5d9c946159cc243902a022ab5.pdf

[12] https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33662395/

[13] https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34110226/

[14] https://psyarxiv.com/9zq7j/

[15] https://www.researchgate.net/publication/343799207_CCTV_and_the_super-recognisers

[16] https://www.dailymail.co.uk/news/article-4165194/Met-detective-says-Scotland-Yard-forced-job.html

[17] /Ukip/!t5008991

[18] https://find-and-update.company-information.service.gov.uk/company/10210697

[19] https://www.superrecognisers.com/post/lord-lingfield-certifies-police-and-international-super-recognisers

[20] https://hansard.parliament.uk/search/MemberContributions?house=Lords&memberId=4194

[21] https://www.superrecognisers.com/post/super-recogniser-police-assist-in-stuttgart-riot-investigations

[22] /Rheinland-Pfalz/!t5021919

AUTOREN

Eiken Bruhn

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