taz.de -- Schäden durch Fahrraddiebstähle: Die falsche Verkehrswende
Fahrraddiebstähle haben Konjunktur. Das zeigt, dass die Verkehrswende Realität ist – nur die Politik will das nicht wahrhaben.
Einhundertsechzig Millionen Euro – so viel haben die Versicherer im vergangenen Jahr an Kunden ausbezahlt, [1][deren Rad gestohlen wurde]. Das sind zehn Millionen Euro mehr als ein Jahr zuvor, Tendenz weiter steigend: Qualität und Ausstattung von Fahrrädern entwickeln sich rasant – und damit auch ihr Preis. Mehr als die Hälfte der neu gekauften Räder haben inzwischen einen Motor.
Während deutsche Verkehrspolitik immer noch das Modell Drahtesel vor Augen hat, ist diese Entwicklung bei Kriminellen bereits angekommen: [2][Fahrraddiebstahl] wird inzwischen oft in großem Stil von gut organisierten, internationalen Banden betrieben. Die schaffen ihr Diebesgut über die Grenze und können dort entspannt an den Weiterverkauf gehen. Schließlich verlassen Rahmen- oder Kodierungsnummern in der Regel nicht den heimischen Polizeicomputer. Die estnischen, polnischen oder rumänischen Polizeieinheiten haben somit nicht einmal theoretisch die Möglichkeiten des Eingreifens.
In Deutschland selbst hält sich das Ermittlungsinteresse ebenfalls in Grenzen. Die Aufklärungsquote bei Fahrraddiebstählen ist so niedrig wie bei kaum einer anderen Straftat. Durchschnittlich wird nur jeder zehnte [3][Raddiebstahl] aufgeklärt, in Städten liegt die Quote sogar nur bei fünf Prozent.
Selbstschutz als Lösung
Reagiert wird auf diesen Umstand mit [4][großzügigen Tipps]: Radbesitzende sollen mehrere, sehr gute Schlösser verwenden, das Rad nie draußen stehen lassen, es selbst im eigenen Keller immer anketten. Schwierig nur, dass viele Radbesitzende ihr Rad auch fahren wollen, es also aus dem Keller holen, um sich damit zum Supermarkt, ins Kino oder zur Schule zu bewegen. Dort darf das Rad dann nicht mit hinein und wird vor der Tür geklaut.
Wie wäre es also, die Rahmennummern und Codierungen der gestohlenen Räder in die Absatzländer weiterzugeben und hierzulande Polizisten eigens fürs Thema [5][Raddiebstahl] abzustellen? In Potsdam sanken nach Einrichtung so einer Abteilung die Diebstahlzahlen erheblich, gleichzeitig stieg die Aufklärungsquote.
So lange gilt: Immerhin bei Versicherern und Kriminellen ist die Verkehrswende schon Realität geworden.
25 Apr 2024
LINKS
[1] /Diebstahl-und-die-Folgen/!5992594
[2] /Fahrraddiebstahl-in-der-Stadt/!5854174
[3] /Betroffene-gegen-Racial-Profiling/!5843913
[4] /ADFC-Experte-ueber-Raddiebstahl/!5854094
[5] /Der-Schmerz-nach-dem-Fahrradklau/!5854150
AUTOREN
TAGS
Lesestück Recherche und Reportage
ARTIKEL ZUM THEMA
Diebstahlschutz bei Fahrrädern: Die Wette mit dem Fahrradschloss
Wer das Fahrrad sicher abschließen will, steht im Laden vor einer riesigen Auswahl. Aber brauchen wir echt das Bluetooth-Schloss mit Alarm?
Dienstrad-Leasing: Radlos trotz Versicherung
Etwa zwei Millionen Deutsche nutzen Dienstrad-Leasing. Was viele nicht wissen: Wenn das Rad geklaut wird, wird es trotz Versicherung teuer.
Von Staatsbesuchen lernen: Eskorte für alle!
Bei Staatsoberhäuptern ist möglich, was sich andere vergeblich wünschen: Für ihre beflaggten Karossen wird die Straße gerne frei geräumt.
Energieexpertin über die FDP: „Wird nicht ehrlich kommuniziert“
Die Energieexpertin Claudia Kemfert kritisiert die FDP für ihre Klimapolitik. Und erklärt, mit welchen Maßnahmen man die Klimaziele erreichen würde.
Neuer Rekord bei Fahrraddiebstählen: Teure Fahrräder, hoher Schaden
Versicherer mussten 2023 mehr für geklaute Räder zahlen als je zuvor. Ein Experte fordert sichere Abstellorte – und mehr Engagement der Polizei.
Der Schmerz nach dem Fahrradklau: Ohne Rad steht alles still
Wird einem das Fahrrad geklaut, bringt das selbst manch Erwachsenen zum Weinen. Warum ist das so? Erkundung eines großen Verlustes.
Leben ohne Auto: Kommt Zeit, kommt Rad
Mit drei Kindern und ohne PKW ist unsere Autorin in den Wald gezogen. Geht das – ein Leben auf dem Land ohne Auto?