taz.de -- Serie „Time Bandits“ auf Apple TV+: Obst statt Menschenfleisch

Mit der Adaption des Science-Fiction-Klassikers „Time Bandits“ gelingt Apple TV+ ein beeindruckendes Remake – und befördert den Jugendserien-Trend.

Bild: So krawallig wie divers: Räubertruppe in „Time Bandits“

In keinem anderen Filmgenre sind Remakes so beliebt wie in [1][Science-Fiction] und Fantasy, wie „Dune“, „Blade Runner 2049“ und Amazon Primes Multimillionen-Dollar-Serienprojekt „Die Ringe der Macht“ zeigen. Das liegt auch an den hohen Produktionskosten dieses Genres.

Im Fall eines Flops an den Kinokassen wird es teuer, wie David Lynch mit seiner [2][„Dune“-Version] schon 1984 unter Beweis stellte, aber ebenso für die „Ghost in the Shell“-Verfilmung von 2017 gilt.

Mittlerweile lässt sich der Remake-Trend auch im Jugendfilmbereich beobachten. Netflix hat gerade 120 Millionen Dollar in die Serien-Echtverfilmung des Anime-Klassikers „Avatar – Herr der Elemente“ aus den Nullerjahren investiert. Der Film ist nicht zu verwechseln mit James Camerons „Avatar“, das stellenweise Züge eines bellizistischen Remakes von [3][Ursula LeGuins] preisgekrönter Novelle „Das Wort für Welt ist Wald“ (1972) trägt.

Bei Apple TV+ traut man sich jetzt sogar an Terry Gilliams Kinokultklassiker „Time Bandits“ (1981) heran, der als 10-teilige „Jugend- und Familienserie“ umgesetzt wird, wie der Streamingdienst bewirbt. Vor allem jüngere Boomer-Jahrgänge dürften sich an Terry Gilliams Spielfilmdebüt erinnern, in dem neben Sean Connery auch Monty-Python-Star John Cleese mitspielt.

Die muntere und stellenweise etwas zu krawallig geratene Serienadaption von Apple TV+ wartet mit „Friends“-Star Lisa Kudrow als Anführerin der Möchtegernräuber auf, die mithilfe einer von Gott geklauten Karte durch Zeitlöcher des Universums reisen, bedeutende Raubzüge unternehmen wollen und sich dabei ziemlich amateurhaft anstellen.

Europäern lieber nicht die Hand geben

Im Vergleich zum Film wirkt die deutlich aufwändiger produzierte Serie manchmal fast aseptisch, holt aber gleichzeitig aus der Handlung noch einiges raus. Die diverse Räubertruppe (inklusive Hippie, Person of Color, Wikinger, einem vor sich hin deklamierendem Möchtegernschauspieler und einer trendigen Jugendlichen) nimmt mit dem zehnjährigen Kevin (Kal-El Tuck) einen echten Historiker-Nerd mit auf die Zeitreise durch die Geschichte.

Klein Kevin im Discounter-Ritterkostüm weiß angeblich alles über Geschichte, nur entpuppt sich die historische Realität mitunter anders als erwartet. Die Mayas, zu denen sie gleich zu Beginn reisen, bringen keine Menschenopfer dar, sondern essen während des Sonnenuntergangs auf der Pyramidenspitze jede Menge Obst und sind baff, als sie gefragt werden, ob sie denn niemanden rituell töten würden.

Im Spätmittelalter treffen sie in Nordafrika Menschen, die Europäern lieber nicht die Hand geben. „Die waschen sich doch nicht, heißt es!“ Dabei werden sie stets von einem fiesen Dämon verfolgt. Nicht nur das sogenannte Höhere Wesen, auch der Herr der Finsternis, in dessen Schloss das große Finale stattfindet, sind hinter der Karte mit den Zeitlöchern her.

Die Serie schafft es nicht, an den Kultfaktor des Filmoriginals von 1981 heranzukommen. Der Zehnteiler kann sich aber als Jugendserie, die Reisen durch die Geschichte als skurrile Abenteuer mit Augenzwinkern inszeniert, durchaus sehen lassen. Der hiesige öffentlich-rechtliche Kinderkanal hat mit „Triff … Berühmte Personen der Geschichte“ ein didaktisch ähnliches Format.

In „Time Bandits“ geht es ins 18. Jahrhundert zum blasierten Earl of Sandwich, dem Erfinder des gleichnamigen Snacks, aber auch in die Eiszeit, ins koloniale China des 19. Jahrhunderts, wo die Piratin Zheng Yisao der britischen Flotte das Fürchten lehrt und in ein 1980er-Jahre-England mit jeder Menge Gothic und Punk.

Neben Kevin, dessen Eltern hier nicht wie im Film von 1981 manisch die neuesten Küchengeräte kaufen, sondern als Serienjunkies vor der Glotze und am Handy hängen, gibt es noch eine taffe, jüngere Schwester namens Saffron (Kiera Thompson), die ebenfalls auf Zeitreise geht und ihren Bruder aus der schlimmsten Bredouille rettet.

Das alles wartet mit jugendkompatibler Situationskomik und mitunter derbem englischen Humor auf. Tricktechnisch lässt die Serie Gilliams Film, der damals lediglich fünf Millionen Dollar kostete, weit hinter sich.

Apple TV+ hatte schon vor zwei Jahren mit der Serie „Circuit Breaker“, die ein wenig wie Netflix’ „Black Mirror“ im Anthologie-Format Science-Fiction-Geschichten aber in diesem Fall für und über Teens erzählt, Fantastik für Jugendliche im Programm. Da geht es um Nanobots, die Kids zu Supersportlern machen, inklusive einer moralischen Volte à la Goethes Zauberlehrling, eine faszinierende Folge erzählt auch von massiven Klimaschäden auf der Erde und den Schwierigkeiten bei der Kolonisierung des Mars.

Komplexes Fantasy-World-Building

Eine bizarre Zukunft der Erde inszeniert auch die Ende Juni bei Apple TV+ angelaufene Animations-Science-Fiction-Serie „WondLa“, eine Adaption der bisher nicht ins Deutsche übersetzten gleichnamigen Jugendbuchtrilogie von Tony DiTerlizzi.

Darin erkundet ein 12-jähriges Mädchen, das in einem Bunker unter der postapokalyptischen Erde von einem Roboter großgezogen wird, eine völlig veränderte Erde. Sie erinnert bildästhetisch an James Camerons „Avatar“.

In die Produktionen von Fantasy und Science-Fiction fließen Unmengen Geld, wohl in der Hoffnung, an die historischen Erfolgsmarken von „Star Wars“, „Game of Thrones“ und „Harry Potter“ heranzukommen. Das gilt auch und vor allem für den Jugendbereich, da dort gar nicht wenig Umsatz gemacht wird.

Gerade Verfilmungen von Kultbüchern garantieren hohe Zuschauerzahlen. Die hierzulande erfolgreiche Fantasy-Jugendbuchreihe „Alea Aquarius“ von Tanya Stewner wird derzeit ebenfalls fürs Kino verfilmt und schon von vielen Fans herbeigesehnt.

Die Geschichte bietet ein komplexes Fantasy-World-Building und eine empowernde Story über einen smarten, verantwortungsvollen Umgang mit den Ozeanen und dem Planeten Erde inklusive cooler, weiblicher Heldin.

Die fantastische Jugendfilmsparte ist für die Filmindustrie finanziell bedeutsam, da Titel wie etwa „Die Schule der magischen Tiere“ oder Pixars „Elemental“ ein großes Kuchenstück des Umsatzes im Kinobereich ausmachen. Sie werden auch im Seriensegment für Streamingportale immer wichtiger.

25 Jul 2024

[1] /Serie-Sunny-ueber-Beziehungen-zu-KI/!6022939

[2] /Science-Fiction-Dune--Part-2/!5993095

[3] /Opus-magnum-von-Ursula-K-Le-Guin/!6012249

AUTOREN

Florian Schmid

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