taz.de -- Islam in Ostdeutschland: Beten unterm Radar

Etwa 30.000 Muslim:innen leben in Brandenburg. Ihnen fehlt es oftmals an RÀumen, um ihren Glauben ausleben zu können.

FĂŒrstenwalde / Neuruppin taz | Nur ein kleiner Ventilator surrt, als der Imam anfĂ€ngt, ein kurzes Gebet auf Arabisch zu sprechen. Das melodische FlĂŒstern bricht mit der Stille im Raum, es ist das Nachmittagsgebet, das dritte und letzte Gebet vor dem Sonnenuntergang. Neben dem Imam kniet Maher Azzam auf einem roten Teppich in einem etwa dreißig Quadratmeter großen Raum. Fenster gibt es hier keine, zwei Deckenlampen spenden weißes grelles Licht.

Der Raum ist Teil des GebĂ€udes des christlichen Vereins Esta Ruppin, eine klassizistische Stadtvilla direkt am Bahnhof von Neuruppin gelegen. Azzams Blick ist konzentriert auf den Boden gerichtet, vor ihm liegt ein kleiner grĂŒner Gebetsteppich – ausgerichtet nach Mekka. Das Gebet ist ein Moment des Innehaltens, um kurz der Hektik des Alltags zu entkommen. An der Wand hĂ€ngt eine weiße Tafel, auf der arabische Buchstaben zu lesen sind, daneben eine elektronische Anzeige mit den Gebetszeiten, es ist gerade kurz nach halb sechs.

In den Gebetsraum kommen unter der Woche nur wenige Muslim:innen, freitags versammeln sich jedoch sechzig bis siebzig Menschen fĂŒr das Freitagsgebet. Manche reisen hierfĂŒr bis zu einer Stunde aus dem Umland an. An großen Feiertagen wie dem Zuckerfest besuchen bis zu 150 Menschen den Verein, die Frauen beten dann in den InnenrĂ€umen, die MĂ€nner draußen. „Wir hĂ€tten gern unsere eigene Moschee mit mehr Platz, aber es ist schwierig, eine Immobilie zu finden“, sagt Azzam. Der 50-jĂ€hrige trĂ€gt Jeans und Sneakers, hinter einer schmalen Brille blicken freundliche Augen hervor.

Azzam arbeitet bei dem christlichen Verein Esta Ruppin, er unterstĂŒtzt hauptsĂ€chlich GeflĂŒchtete bei der Arbeitssuche, BehördengĂ€ngen oder anderen bĂŒrokratischen Herausforderungen. Er ist zudem Vorsitzender des Vereins Al Salam, der Muslim:innen in Neuruppin vernetzt. Er hat auch den Gebetsraum auf die Beine gestellt. Dass die Gemeinde keinen grĂ¶ĂŸeren Raum findet, hĂ€ngt einerseits mit fehlenden finanziellen Ressourcen zusammen.

Andererseits hat Azzam aber auch das GefĂŒhl, dass viele Vermieter:innen Vorbehalte hĂ€tten, einem muslimischen Verein RĂ€umlichkeiten zur VerfĂŒgung zu stellen. Mit seinem Verein versucht er, diese Vorbehalte aus dem Weg zu rĂ€umen.

Neuruppin ist ein Ort in Brandenburg, an dem sich in den vergangenen Jahren immer mehr Muslim:innen niedergelassen haben. Etwa 30.000 bis 35.000 leben mittlerweile in dem sĂ€kular geprĂ€gten Bundesland. Wie viele Gemeinden es insgesamt gibt, ist nicht bekannt. Die GebetsrĂ€ume erlauben Muslim:innen, ihre Religion auszuĂŒben. FĂŒr viele ist es auch ein Ort der Begegnung, an dem man sich austauschen und neue Kontakte knĂŒpfen kann. Dass Muslim:innen nicht genĂŒgend dieser RĂ€ume haben, ist ein strukturelles Problem in Brandenburg. Besonders auf dem Land mĂŒssen sie teils lange Fahrten auf sich nehmen. Auch fehlt es an finanzieller UnterstĂŒtzung und Sichtbarkeit der Gemeinden. Woran liegt das? Und was hat das fĂŒr Folgen?

Szenenwechsel in die Kita Kunterbunt, in der Maher Azzam wenige Stunden vor dem Gebet ein Sommerfest besucht. Auf einer BĂŒhne haben sich etwa fĂŒnfzehn Kinder mit orangefarbenen T-Shirts und glitzernden Kronen auf dem Kopf versammelt, um einen Bienensong zu performen. Links neben der BĂŒhne sind BierbĂ€nke und Tische aufgestellt, Kinder rennen mit Zuckerwatte durch die Gegend, an einem Stand kann man an einem Dinosaurier lernen, wie man sich ordnungsgemĂ€ĂŸ die ZĂ€hne putzt.

Mitten in der Kindergartenidylle hat Maher Azzam seinen Stand aufgestellt, er will bei dem Kindergartenfest das muslimische Leben Neuruppins sichtbar machen. Auch seine Tochter sowie weitere Gemeindemitglieder sind gekommen. Azzam wirkt bemĂŒht, hat permanent ein kleines LĂ€cheln auf den Lippen. Der gebĂŒrtige Syrer möchte mit BĂŒrger:innen aus Neuruppin ins GesprĂ€ch kommen und bei Interesse Fragen ĂŒber den Islam beantworten.

„Was kostet das?“ fragt ein kleines MĂ€dchen Azzams 15-jĂ€hrige Tochter Jasmina und zeigt auf ein paar BulgurbĂ€llchen, die auf einem Biertisch liegen. „Ein Euro“, antwortet sie. Das MĂ€dchen schaut weiter verdutzt, weil sie womöglich nicht genau weiß, was da auf dem Teller vor ihr liegt, bleibt noch einen Moment stehen, zischt dann ab Richtung Waffelstand.

„Mein Vater arbeitet zu viel“, erzĂ€hlt Jasmina lachend. Fast zwei Stunden tĂ€glich widmet Azzam seiner Arbeit fĂŒr die Gemeinde. Auch die 15-JĂ€hrige ist dort aktiv, samstags trifft sie sich regelmĂ€ĂŸig mit anderen Muslima, um sich zu Religionsfragen auszutauschen. Sie wohnt seit 2017 in Neuruppin. Ihr Vater kam bereits Mitte 2015, eineinhalb Jahre spĂ€ter holte er die Familie nach. Zwei Monate verbrachte er in einem Erstaufnahmelager in EisenhĂŒttenstadt, bevor er in einem Wohnheim in der NĂ€he von Neuruppin landete. Fast ein Jahr war er dort, wartete auf die Genehmigung seines Asylantrags.

„Mir war damals wahnsinnig langweilig, deshalb packte ich mit an“, sagt er. In Hama, seinem Heimatort in Syrien, hatte er als Englischlehrer gearbeitet, das kam ihm jetzt zugute. Er half den Mitarbeiter:innen des Wohnheims mit Übersetzungen. In dieser Zeit lernte er auch Christiane Schultz kennen, GeschĂ€ftsfĂŒhrerin des christlichen Vereins Esta Neuruppin.

Die beiden freundeten sich an, 2016 erhielt er einen festen Arbeitsvertrag bei Esta. Anfangs leistete er hauptsĂ€chlich Übersetzungsarbeiten, spĂ€ter startete er ein interkulturelles SprachcafĂ©, mittlerweile unterstĂŒtzt er hauptsĂ€chlich GeflĂŒchtete. Der Verein stellt nicht nur den Gebetsraum zur VerfĂŒgung, er gestaltet auch regelmĂ€ĂŸig Veranstaltungen der Stadt mit, erst kĂŒrzlich waren sie bei den „ToleranzrĂ€umen“ vertreten, einem Veranstaltungsformat, bei dem Menschen aus ganz unterschiedlichen Milieus ĂŒber gesellschaftliches Zusammenleben diskutieren. Sonntags können Kinder und Jugendliche in den GebetsrĂ€umen Arabisch lernen.

Das ist vielen Gemeindemitgliedern wichtig, denn auch wenn viele zu Hause Arabisch sprechen, ist der Unterricht nötig, um richtig lesen zu lernen. Genau wie die Freitagsgebete wird auch der Arabisch-Unterricht von Ehrenamtlichen gestemmt, die keine offizielle Ausbildung haben. Die fehlende Ausbildung erschwert es dem Verein, Fördermittel zu beantragen. Und ausgebildete Arabischlehrer kann sich der Verein nicht leisten.

Bisher werden vom Land Brandenburg hauptsĂ€chlich GemeinderĂ€ume bezahlt, fĂŒr Personalkosten wird bislang nichts beigesteuert. Das Ministerium fĂŒr Wissenschaft, Forschung und Kultur hat im Jahr 2023 etwa sieben muslimische Gemeinden mit insgesamt 100.758 Euro unterstĂŒtzt. Eine davon ist die Gemeinde in Neuruppin, sie bekommt das Geld fĂŒr die Miete vom Ministerium bezahlt. Anders als bei der Kirche gibt es keine Steuer, die Muslim:innen zahlen, um Imame oder Moscheen zu finanzieren. Deshalb sind die Gemeinden auf MitgliedsbeitrĂ€ge oder Spendengelder angewiesen. Fehlt das Geld, sind es oftmals Privatpersonen, die sich ehrenamtlich engagieren. Inwieweit Spendengelder aus dem Ausland an die muslimischen Gemeinden fließen, ist weder in Brandenburg noch bundesweit erfasst.

„Die Gemeinden werden vor allem bei der Suche nach geeigneten RĂ€umen zu wenig unterstĂŒtzt. Das sorgt fĂŒr UnverstĂ€ndnis. Sie haben das GefĂŒhl, alleine gelassen zu werden“, sagt Doris Lemmermeier. Sie war elf Jahre lang Integrationsbeauftragte im Land Brandenburg. Sie sieht die Verantwortung dafĂŒr auch bei der Politik, die sich wenig fĂŒr die Belange von Muslim:innen zu interessieren scheint.

Nur GrĂŒne wollen mehr GebetsrĂ€ume

Das zeigt auch ein Blick in die Wahlprogramme der Parteien vor den Landtagswahlen in diesem Jahr. Lediglich die GrĂŒnen erwĂ€hnen knapp, dass sie die „Einrichtung von GebetsrĂ€umen unterstĂŒtzen“. Die AfD nennt Muslim:innen nur, um ihre rassistische Politik zu propagieren: Sie will das Tragen von KopftĂŒchern in Schulen sowie anderen öffentlichen Einrichtungen unterbinden sowie eine angebliche Islamisierung der StĂ€dte aufhalten. Bei SPD, Linke und CDU werden Muslim:innen mit keinem Wort erwĂ€hnt. „Die Politiker:innen trauen sich oftmals nicht, auf der Seite der Muslime zu stehen. Sie haben Angst, dass sie dafĂŒr bei den Wahlen abgestraft werden.“

Dabei wĂ€re es wichtig, da die meisten ihren Glauben einfach nur friedlich ausleben wollen, so Lemmermeier. Auch könnte man durch mehr finanzielle UnterstĂŒtzung verhindern, dass islamistische Geldgeber aus dem Ausland versuchen, das Gemeindeleben zu beeinflussen. Und womöglich besser kontrollieren, welche Imame in den GebetsrĂ€umen Predigten halten.

Warum das wichtig ist, zeigt sich an der muslimischen Gemeinde in FĂŒrstenwalde. Dort knallt an einem Freitagnachmittag Ende Juni in einem Industriegebiet die Sonne auf den Beton eines Parkplatzes, im Hintergrund sind StraßengerĂ€usche zu hören. Hinter einem vergitterten Fenster eines einstöckigen weißen GebĂ€udes ist von außen ein Regal zu erkennen, in dem sich unzĂ€hlige Schuhe stapeln. Hinter einer angelehnten TĂŒr knien ein paar MĂ€nner auf einem Teppich, nach ein paar Minuten erheben sie sich nach und nach, strömen dann eilig aus dem GebĂ€ude. Im Islamischen Zentrum in FĂŒrstenwalde endete gerade das Freitagsgebet. Die meisten gehen direkt zu ihrem Auto oder Fahrrad, andere schĂŒtteln einander die HĂ€nde und trinken noch gemeinsam ein Glas Tee.

Darunter ist auch Islam Al Najjar, der Vorsitzende des Vereins Al Salam, der die Moschee betreibt. Durchschnittlich 150 Menschen kommen pro Woche hierher, um gemeinsam zu beten, sagt er. An Feiertagen sind es auch mal doppelt so viel, dann werden auch auf dem Parkplatz Teppiche ausgelegt. In den letzten Jahren seien es sehr viel mehr geworden, [1][vor allem seit Tesla 2022 hier im Landkreis seine Produktion gestartet hat], erzÀhlt Al Najjar.

Doch Ende des Jahres muss der Gebetsraum schließen. „Die Stadt hat uns zu einem politischen Ort erklĂ€rt und damit plattgemacht“, sagt er. Die Gemeinde wurde vergangenen Sommer als extremistische Bestrebung eingestuft, laut dem Brandenburger Verfassungsschutz ist sie die erste und bisher einzige Gemeinde in Brandenburg. Insgesamt gibt es in dem Bundesland 220 Personen, die der islamistischen Szene zugeordnet werden. Die Stadt hat nach der Einstufung das GrundstĂŒck gekauft, auf dem sich die Moschee befindet, der Pachtvertrag lĂ€uft Ende des Jahres aus.

Laut dem Brandenburger Verfassungsschutz haben der Vereinsvorsitzende sowie der Imam antisemitische Narrative verbreitet und das Existenzrecht Israels negiert, wie aus einer Klageerwiderung des Innenministeriums hervorgeht, die der taz vorliegt. Der Verfassungsschutz wirft den beiden zudem eine NĂ€he zur Hamas sowie der Muslimbruderschaft vor. Grundlage fĂŒr die Einstufung sind verschiedene Facebook-BeitrĂ€ge des Vereinsvorsitzenden und des Imams. Dem Imam Maher El-Chooli wird unter anderem vorgeworfen, den Terrorangriff vom 7. Oktober, mit „Was fĂŒr ein schöner Tag“, kommentiert zu haben. Er bestritt dies spĂ€ter öffentlich, sagte gegenĂŒber dem RBB, dass er sich auf einen islamischen Ehevertrag bezogen habe, den er fĂŒr seinen Stiefsohn abgeschlossen habe.

An diesem Freitag hat Al Najjar die Gemeinde informiert, dass sie Ende des Jahres schließen soll und der Verein aufgelöst wird. Nach dem Gebet sitzt er mit ein paar Gemeindemitgliedern an einem kleinen Tisch im Gebetsraum. Die Luft ist stickig und heiß, man spĂŒrt, dass hier gerade Dutzende Menschen auf engem Raum miteinander gebetet haben. Auch hier ist eine Tafel mit arabischen Buchstaben zu sehen, an der Kinder und Jugendliche am Wochenende Arabisch lernen. Al Najjar findet es falsch, welche Konsequenzen aus dem Bericht gezogen wurden. „Die gesamte Gemeinde sollte nicht fĂŒr die Fehler von Einzelnen bestraft werden“, sagt er. Ein junger Mann, der neben Al Najjar am Tisch sitzt, nickt. „Die Leute sind wie eine Familie hier, wir unterstĂŒtzen uns gegenseitig, wir brauchen diesen Ort“, sagt er.

Der Anfang-dreißig-JĂ€hrige ist vor zwei Jahren nach FĂŒrstenwalde gekommen, um im 20 Kilometer entfernten Tesla-Werk in GrĂŒnheide zu arbeiten. Die Gemeinde habe ihm ermöglicht, sozialen Anschluss zu finden, ohne sie hĂ€tte er seine jetzige Wohnung nicht gefunden. Aber auch andere haben von der Gemeinde profitiert. Vor der Nennung durch den Verfassungsschutz haben einige Kinder und Jugendliche eine Förderung in Höhe von 15 Euro monatlich zur Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben vom Landkreis Oder-Spree erhalten. Damit wurde der Arabisch-Unterricht finanziert, dieser musste seit vergangenem Sommer aufgrund der Einstufung des Verfassungsschutzes ausfallen.

In der Gemeinde in FĂŒrstenwalde beten Muslim:innen aus ganz unterschiedlichen HerkunftslĂ€ndern. Mit der Schließung wird fĂŒr sie alle ein Ort der Begegnung verloren gehen. HĂ€tte das verhindert und eine andere Lösung als eine komplette Schließung gefunden werden können?

Anruf beim BĂŒrgermeister Matthias Rudolph, der vergangenes Jahr selbst von dem Verfassungsschutzbericht ĂŒberrascht wurde. Dass die Stadt das Areal gekauft hat, war laut Rudolph die einzige Möglichkeit, sicherzustellen, dass Bestrebungen gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung unterbunden werden. „Mir ist aber wichtig zu betonen, dass wir nicht alle Gemeindemitglieder unter Generalverdacht stellen“, sagt er. Wird sich denn darum bemĂŒht, nĂ€chstes Jahr eine alternativen Raum fĂŒr die Muslim:innen zu finden? Der Frage weicht er aus, dafĂŒr fĂŒhle sich die Stadt nicht zustĂ€ndig, klingt es durch: „Wir unterstĂŒtzen migrantische Selbstorganisationen, aber wir versuchen vor allem Angebote und Strukturen zu fördern, die losgelöst sind von jeder Religion.“ Als Beispiel nennt er den Verein El Tarik, der sich in FĂŒrstenwalde fĂŒr den kulturellen Austausch zwischen migrantischen Communities und der Stadtgesellschaft einsetzt.

Ein Fall wie in FĂŒrstenwalde hĂ€tte womöglich vermieden werden können, wenn die Imame nicht ehrenamtlich tĂ€tig wĂ€ren, sondern es klare Förderstrukturen fĂŒr sie gĂ€be. Das wird bundesweit auch immer wieder diskutiert. [2][Besonders der Einfluss des tĂŒrkischen Staates auf den Islamverband Ditib], der insgesamt 900 Moscheen in Deutschland betreibt, ist dabei Thema. Vergangenes Jahr einigte sich die Bundesregierung mit der TĂŒrkei darauf, dass keine Imame mehr aus der TĂŒrkei nach Deutschland entsandt werden, um so deren ideologischen Einfluss einzudĂ€mmen. Die fehlenden Imame sollen nun durch die Ausbildung von jĂ€hrlich 100 Imamen in Deutschland ersetzt werden, die ersten 27 [3][schlossen vergangenes Jahr ihre Ausbildung in OsnabrĂŒck ab]. Wie diese kĂŒnftig bezahlt werden, ist jedoch unklar. Eine Idee wĂ€re eine Moscheesteuer Ă€hnlich der Kirchensteuer, das ist aber mit einigen juristischen HĂŒrden verbunden.

Imame fĂŒr die muslimischen Gemeinden in Brandenburg auszubilden, wurde laut Lemmermeier bislang nicht diskutiert. Sie sieht darin auch ein Strukturproblem. „Es bringt nicht viel, Imame auszubilden, wenn man sie danach nicht bezahlen kann. Und die Gemeinden im Osten haben noch viel weniger Geld, da bei ihnen der Anteil von GeflĂŒchteten sehr viel höher ist als im Westen“, sagt sie. Es fehlt also vor allem an Geld. In einem sĂ€kular geprĂ€gten Bundesland wie Brandenburg lĂ€sst sich dies wohl noch schwieriger fĂŒr Religionsgemeinschaften aufbringen.

Die einzige Möglichkeit ist das Ehrenamt

FĂŒr Maher Azzam wĂ€re es ein erster Schritt, wenn die Politik es ihm vereinfachen wĂŒrde, Fördermittel fĂŒr Lehrer:innen und Imame ohne Ausbildung zu beantragen. Bis dahin lastet die Verantwortung weiter auf Menschen wie Mohammad Quadad, die das Amt des Imams ehrenamtlich ausfĂŒllen. Das ist keine einfache Aufgabe, in Neuruppin kommen die Muslim:innnen aus Afghanistan, Libyen, Syrien, Sudan, Eritrea, Tschetschenien, Jordanien und Russland zusammen. Sie sind Sunni und Shia, trotzdem beten sie hier in Neuruppin unter einem Dach. Die Schiiten sind wie auch in der arabischen Welt eine Minderheit der Gemeinde, fĂŒr sie ist es aber kein Problem, von einem sunnitischen Imam betreut zu werden. Denn in der Gemeinde wird viel Wert darauf gelegt, ein Ort fĂŒr alle Muslim:innen zu sein. „Die Glaubenskonflikte mĂŒssen wir hier außen vor lassen, wir widmen uns in unseren Predigten deshalb lieber anderen Themen“, sagt er.

In seinen Predigten fokussiere er sich deshalb eher auf AlltĂ€gliches wie Familienbeziehungen oder den Umgang mit Geld. „Es geht viel darum, was als haram gesehen wird und was nicht“, sagt Imam Mohammad Quadad, also was verboten ist oder nicht. Fragen, die die Menschen beschĂ€ftigen, sind etwa, ob sie einen Kredit bei einer Bank aufnehmen können, streng genommen sind Zinsen im Islam nicht erlaubt. Oder aber es sind persönliche Probleme. „In unserer Religion gibt es großen Respekt vor Ă€lteren Leuten, man muss deren Meinung respektieren, das ist in Deutschland weniger der Fall“, sagt Azzam vom Verein Al Salam. Wenn Kinder von Muslim:innen die Meinung ihrer Eltern und Großeltern nicht mehr respektieren, dann fĂŒhrt das zu Familienkonflikten. Viele Eltern von Muslim:innen hĂ€tten oftmals Angst, dass dadurch der Familienzusammenhalt verloren geht. Im Islam sei die Familie die wichtigste Institution, so Azzam.

Die GebetsrĂ€ume in Neuruppin sind wichtig fĂŒr Muslim:innen, um sich zu solchen Fragen auszutauschen. Eine gewisse Toleranz innerhalb der Stadtgesellschaft hilft, um bessere Strukturen fĂŒr die Gemeinden zu schaffen. Wie lĂ€uft das bisher in Neuruppin? Spricht man mit Christiane Schulz, klingt eine gewisse Unaufgeregtheit und ein Pragmatismus durch. Es gĂ€be aus einer Unwissenheit heraus zwar Vorbehalte gegenĂŒber der Gemeinde, aber die gĂ€be es woanders auch, sagt sie. Insgesamt sei es in Neuruppin friedlich, ihr seien keine grĂ¶ĂŸeren „Konfliktfelder“ bekannt.

Als der Gebetsraum kurz vor Eröffnung stand, wurde in dem Verein trotzdem darĂŒber diskutiert, wie sehr man dies in die Öffentlichkeit tragen soll. Letztendlich entschied sich der Verein dazu, sich bedeckt zu halten – auch um mögliche Anfeindungen zu vermeiden. „Manchmal ist es sinnvoller, Dinge leise zu machen“, sagt sie. Denn es gebe die ĂŒblichen rechten „Krachmacher“, die bei der Eröffnung womöglich Widerstand formiert hĂ€tten. Aber lĂ€uft man damit nicht dem eigentlichen Ziel des Vereins entgegen, muslimisches Leben in Neuruppin sichtbarer zu machen?

FĂŒr Azzam ist das kein Widerspruch. Er glaubt daran, dass Integration ein langwieriger Prozess ist. Und dass der Verein langsam Teil der Stadtgesellschaft werden kann. Auf dem Kindergartenfest sind mittlerweile immer mehr Eltern anwesend. Immer wieder kommen PĂ€rchen vorbei, mustern kurz den Tisch, zischen dann wieder ab. Eine Ă€ltere Frau traut sich dann doch mal nĂ€her ran. „Sie sind also ein Verein?“, sagt sie. „Ja, wir sind Al Salam, ein muslimischer Verein, wir unterstĂŒtzen GeflĂŒchtete und vernetzen Muslime in Neuruppin“, antwortet Azzam freundlich. Die Frau nickt etwas distanziert, beißt in ihr Brötchen und geht weiter. Ein richtiges GesprĂ€ch kommt bei dem Kindergartenfest nicht auf, fĂŒr Azzam war es trotzdem ein Erfolg. FĂŒr ihn geht es darum, PrĂ€senz zu zeigen und Vorurteile mit Freundlichkeit aus dem Weg zu rĂ€umen. Auch wenn nicht immer zurĂŒckgelĂ€chelt wird.

1 Aug 2024

[1] /Tesla-Werkserweiterung-in-Gruenheide/!6011961

[2] /Tuerkischer-Einfluss-auf-deutsche-Moschee/!5975002

[3] /Interview-mit-Imam-Ender-Cetin/!5963185

AUTOREN

Sabina Zollner

TAGS

Wahlen in Ostdeutschland 2024

Landtagswahl Brandenburg

Muslime in Deutschland

Muslime

Moschee

GNS

Social-Auswahl

Brandenburg

Emanzipation

Mongolei

hÀusliche Gewalt

LesestĂŒck Recherche und Reportage

Schwerpunkt Rassismus

ARTIKEL ZUM THEMA

Migrationspolitik in Brandenburg: Wilke zieht die ZĂŒgel an

Nach Gewalt an Schulen setzt der Innenminister auf Wohnsitzauflagen, um eine Konzentration von Migranten in StÀdten wie Cottbus zu verhindern.

Autonome und Ditib-Moschee in Wuppertal: „Nachbarn kannste dir eh nicht aussuchen“

Auf dem GelĂ€nde eines autonomen Zentrums soll eine neue Moschee entstehen. Unklar ist, ob die Autonomen bleiben können – oder was die Alternative wĂ€re.

Nomaden in der Mongolei: Rentiere, Starlink und zu viel Wodka

In der Mongolei leben einige der letzten verbliebenen Rentiernomaden. Über Nomadentum zwischen Tradition und Modernisierung.

HĂ€usliche Gewalt: Erste Hilfe bei MĂ€nnergewalt

Immer mehr Frauen in Deutschland sind von hĂ€uslicher Gewalt betroffen. Miriam Peters tourt mit einem Lieferwagen ĂŒbers Land, um Betroffenen zu helfen.

Antiziganismus: „Rom*nja tragen Entrechtung als Erbe mit sich“

Auch heute noch sind Sinti und Roma Diskriminierung ausgesetzt. Sieben Protokolle aus dem deutschsprachigen Raum.

Kampf gegen Rassismus: FĂŒr ihn ist Hanau jeden Tag

Vor vier Jahren ermordete ein Rechtsextremist in Hessen neun Menschen. Çetin GĂŒltekin verlor seinen Bruder. Er fordert politische Konsequenzen.