taz.de -- Zum Tod von Fredric Jameson: Alles kollabiert
Der US-Literaturtheoretiker Fredric Jameson ist gestorben. Er schrieb ĂŒber die Bedeutungsproduktion in unserer Kultur, vor allem in der Postmoderne.
Mehr als 50 Jahre ist Fredric Jameson einer der einflussreichsten marxistischen Kritiker und Literaturtheoretiker gewesen â und womöglich dennoch nur Eingeweihten ein Begriff. Jameson ist dieser Typus Theoretiker, dessen Gedankenreichtum von weniger hermetisch schreibenden Autoren popularisiert wird. Am Wochenende ist Jameson 90-jĂ€hrig verstorben. Seine Arbeiten beschĂ€ftigten sich mit Adorno und Wagner, mit Sartre und Benjamin, mit [1][Architektur und Landschaft, mit Rem Koolhaas], Moderne und Modernismus. Er war ein packender Lehrer, zuletzt an der Duke University in Durham. Sein einflussreichstes Opus magnum war âPostmodernism. Or, The Cultural Logic of Late Capitalismâ aus dem Jahr 1991.
Beklagt die linke Theorie bisweilen, dass die Kultur ökonomisiert wird, zeigte Jameson schon vor bald 35 Jahren, dass das Gegenteil genauso wahr ist: dass die Ăkonomie vollstĂ€ndig kulturalisiert wird. âDas Kulturelle und das Ăkonomische kollabieren gleichsam ineinander und bedeuten dasselbe.â Wirklich alles â wirtschaftliche Werte, die Natur, unsere GefĂŒhle â verwandeln sich in Bilder, Images, und werden âkulturell in einem noch recht untheoretischen Sinnâ.
Jameson: âDas Kulturelle wirkt heute auf die RealitĂ€t in einem MaĂe zurĂŒckâ, dass eine reine, nicht vom Kulturellen geprĂ€gte RealitĂ€t gar nicht mehr vorgestellt werden kann. Architektur wird etwa zur Signal-Architektur, die Menschen selbst werden nur mehr zur âUmweltâ der Bedeutungsproduktion, was etwa zu einem âQuantensprung der Entfremdung des tĂ€glichen Lebens in der Stadt wird.â
Kein Stil, sondern eine Logik
Insofern war die [2][Postmoderne fĂŒr Jameson nicht bloĂ ein Stil] unter möglichen anderen und schon gar keine Weltanschauung, âsondern die kulturelle Logik des spĂ€ten Kapitalismusâ. Alles wird kolonisiert von Werbung, von der Natur bis zum Bewusstsein. Jedes Ding hat seine âSpracheâ, der Strukturalismus war demnach fĂŒr Jameson der Versuch âalles unter linguistischen Gesichtspunkten noch einmal neu durchzudenkenâ.
Wenn Stil und Ausdrucksweise eine âSpracheâ ist, jede Aussage einen doppelten Boden hat, [3][dann auch Theorieproduktion]: âWas gesellschaftlich so krĂ€nkend an âtheoretischenâ Texten wie den meinen istâ, bemerkte Jameson, âist nicht allein deren Kompliziertheit, sondern dass sie Signale der höheren Bildung mitsenden, also des Klassenprivilegsâ.
23 Sep 2024
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