taz.de -- Migrationsdebatte: Özdemir stellt sich nach rechts
In einem Gastbeitrag in der FAZ spielt Cem Özdemir die Erfahrungen seiner Tochter gegen Migranten in Deutschland aus. Das ist falsch.
Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) hat am Sonntag in einem [1][Gastbeitrag in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung]“ eine härtere Asylpolitik gefordert, und begründete dies auch mit Erfahrungen seiner Tochter. Er schrieb: „Wenn sie in der Stadt unterwegs ist, kommt es häufiger vor, dass sie oder ihre Freundinnen von Männern mit Migrationshintergrund unangenehm begafft oder sexualisiert werden.“
Richtig ist: Sexuelle Belästigung ist für viele Frauen Alltag und nie zu verharmlosen. Doch Özdemir spielt die Erfahrungen seiner Tochter gegen Migranten in Deutschland aus. Seine Formulierung legt fälschlicherweise nahe, dass man einem Menschen den Migrationshintergrund ansehen könnte. Darüber hinaus unterstellt sie, dass das übergriffige Verhalten der Männer mit ihrer „migrantischen“ Herkunft zu tun habe.
Es gibt keine Zahlen, die diese Behauptung belegen. Viele Männer haben ein frauenfeindliches Weltbild – das betrifft aber erwiesenermaßen nicht nur migrantisch gelesene Männer. Frauenhass und sexualisierte Gewalt werden [2][nicht nur importiert], sondern sind genauso [3][made in Germany].
Der Länderbericht zu Femiziden von FemUnited aus dem Jahr 2022 bestätigt das: „Bei 22 Prozent der Täter wurde ein ethnischer Minderheitenhintergrund festgestellt; dieser Anteil ist nicht höher als in der Durchschnittsbevölkerung.“ Studien zeigen, dass Gewalt gegen Frauen ein strukturelles Problem ist, das durch fehlende Gleichstellung bedingt wird. Wenn also fast jeden [4][zweiten Tag ein Femizid in Deutschland] begangen wird, ist das ein gesellschaftliches Problem.
5 Oct 2024
LINKS
[2] /Toxische-Maennlichkeit-und-Migration/!5916161
[3] /Gewalt-wegen-Frauenhass/!6036781
[4] /Instagram-Account-Femizide-stoppen/!6027871
AUTOREN
TAGS
ARTIKEL ZUM THEMA
Grüne vor Landtagswahl Baden-Württemberg: „Kretsch… äh … Özdemir“
Die Baden-Württemberger Grünen verabschieden ihr Programm und feiern den alten und den vielleicht neuen Ministerpräsidenten. Da kommt mancher durcheinander.
Migrationspolitik: Feindselige Stimmung
Deutsche Politiker:innen warnen vor migrantischen Straftätern. Doch sexualisierte Gewalt lässt sich nicht mit der Herkunft erklären.
Bett, Brot, Seife-Vorstoß: FDP will Härte für Migranten
Die FDP fordert in einem neuen Fraktionspapier nur noch „Bett, Seife, Brot“ für ausreisepflichtige Geflüchtete. Die SPD zeigt sich genervt.
Gegendemo zu Wagenknecht und Co.: Friedenstauben statt Russenbroiler
Abseits der großen Bewegung gab es auch alternative Friedensdemos in Berlin. Sie fordern Frieden – aber ohne „Putin-Propaganda“.
Sexualisierte Gewalt im Bistum Osnabrück: Und sie wurden sehend
Drei Jahre lang hat die Uni Osnabrück sexualisierte Gewalt durch katholische Geistliche untersucht. Das Ergebnis: Die Probleme waren systemisch.
Stellvertreter-Femizid in Rotenburg: Von Reue kaum eine Spur
Vier Menschen soll Florian G. ermordet haben, um sich an seiner Frau zu rächen. Vor Gericht sagte nun der psychiatrische Sachverständige aus.