taz.de -- Outfit bei Grammys: Are you ok?

Bianca Censori, Ehefrau des Rappers Kanye West, sorgte mit einem Outfit für Aufregung. Ist sie einfach selbstbestimmt – oder Opfer von Misshandlung?

Bild: Schon Cher hat „Naked Illusion“-Outfits getragen. Ihr Designer Bob Mackie hat sie allerdings nie so hilflos aussehen lassen

Zieh eine Feinstrumpfhose an, keine Unterwäsche, ein transparentes Top, High Heels, das war’s. Ungefähr so wenig hat Bianca Censori regelmäßig an, wenn sie in der Öffentlichkeit fotografiert wird. Was sie trägt, kann nur als Referenz an Kleidung verstanden werden, es schützt sie weder vor Blicken noch Kälte. Manchmal liegt ein Netz oder Schleier über ihr und es klebt etwas Tape auf ihrer Brust oder zwischen ihren Beinen. Sie ist oft so nackt, dass Aufnahmen von ihr verpixelt und zensiert veröffentlicht werden.

Die australische Architektin Bianca Censori spricht nicht öffentlich, obwohl sie nach rund drei Jahren als Muse und Ehefrau eines hyperprominenten Milliardärs selbst eine sogenannte öffentliche Figur ist. Sie erklärt ihre Nacktheit nie zum Ausdruck von Freiheit. Dadurch fehlt uns nicht nur der Zugang zu ihrer Intention. Es fehlt das beruhigende Gefühl, es mit einer selbstbestimmten Frau zu tun zu haben.

Aus Censoris Anblick versucht ein fremd gebliebenes Publikum ihre Lebenssituation zu entschlüsseln. Die Bildinterpretation ist ohne Alternativen. [1][Bei den Grammys] am Sonntagabend in Los Angeles stellten sie und ihr Partner, [2][Hitler-Sympathisant, Antisemit], Rapper und Lizenzgeschäftemacher Ye, vormals Kanye West, das Cover seines jüngsten Albums nach: Sie steht mit dem Rücken zu uns, erst in einem gewaltigen schwarzen Pelzmantel, den sie dann fallen lässt. Die Kleidung darunter ist nur an den Nahtstellen zu erahnen. Sie wirkt völlig nackt. Er steht etwas weiter weg, aber auf uns gerichtet, verpackt in schwarze Kleidung, Sonnenbrille. Wir sehen zu ihr, er sieht zu uns. Es wirkt, als wolle er uns dabei ansehen, wie wir seine Frau ansehen. Voyeuristisch begaffen.

Außerhalb designierter Sphären (Aktzeichnenkurs, FKK) bedeutet zur Schau gestellte Nacktheit noch immer entweder Provokation (femen, Cher), Gleichgültigkeit gegenüber Konventionen (Kunst, Drogenrausch, Kinder) oder sie zeigt an, dass etwas nicht stimmt. Wenn Censori mit geweiteten Augen einen halben Schritt hinter ihrem Partner über den roten Teppich läuft, wenn sie am Flughafen zum Gate geht, wenn sie ein Restaurant verlässt: ständig ist sie die Nackteste unter Angezogenen. Das Internet macht sich Sorgen: „Girl, are you ok?“ „Blink twice if you need help.“

Frühere Partnerinnen von Ye benennen seine Kontrollsucht: Er habe all ihre Kleidung wegbringen lassen, weil ihm nichts gefallen habe, erzählte seine Ex-Frau Kim Kardashian. Sie sei nur eine Puppe gewesen, sagte Schauspielerin Julia Fox. Censori sagt gar nichts, das Publikum bleibt mit der Sorge um sie allein und versteigt sich in Deutungen des Bildes der nackten Frau.

Bilder der Frau, wie sie auf einem Boot in Venedig sexuelle Handlungen an ihrem Partner vorzunehmen scheint. Bilder, auf denen sie sich mit einer kleinen Handtasche vor den Kameras etwas zu bedecken versucht. Man kann nur hoffen, dass all das stinklangweiliges, aber konsensuelles Marketingkalkül ist, weil Kanye West wieder eine neue skelettale Badelatsche oder einen ungewöhnlichen Gummistiefel auf den Markt zu bringen plant. Denn sonst sähen wir schlicht der Misshandlung einer Frau zu, deren Anblick sich langsam normalisiert.

4 Feb 2025

[1] /Frau-gewinnt-Grammy/!6063639

[2] /Kanye-West-und-Antisemitismus/!5890976

AUTOREN

Donata Künßberg

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