taz.de -- Nationaler Volkskongress in China: China zwischen Trump und Transformation
Beim Nationalen Volkskongress in Peking gibt Chinas ParteifĂŒhrung die Richtung vor. Dieses Jahr gibt es einen Elefanten in der Halle: Donald Trump.
Bild: Chinas groĂe Demokratiesimulation ist vorbereitet: Vor der GroĂen Halle des Volkes in Peking
Seoul taz | Auf den BrĂŒcken der RingstraĂen schieben Soldaten bereits eifrig Wachschichten. Entlang der BĂŒrgersteige haben sich wachsame Senioren mit roten Armbinden eingefunden, um nach dem Rechten zu sehen. Und die Zugpassagiere von auĂerhalb der Hauptstadt mĂŒssen wieder zusĂ€tzliche Sicherheitskontrollen ĂŒber sich ergehen lassen. Kurzum: Peking bereitet sich auf den Nationalen Volkskongress (NVK) vor.
2.977 Delegierte aus sĂ€mtlichen Landesteilen finden sich ab Mittwoch in der GroĂen Halle des Volkes am Platz des Himmlischen Friedens ein. Vor allem ist der NVK eine groĂe Demokratiesimulation. SchlieĂlich sind sĂ€mtliche Gesetze, die wĂ€hrend jener Tage abgenickt werden, lĂ€ngst beschlossene Sache. Dennoch ist das jĂ€hrliche Politereignis ein [1][immens wichtiger Gradmesser, um zu verstehen, wo die Volksrepublik hinsteuert].
Laut der offiziellen Zahlen ist das [2][Bruttoinlandsprodukt der Volksrepublik] im Vorjahr immerhin um fĂŒnf Prozent gestiegen. Doch wurde das Wachstum noch 2018 zu zwei Dritteln durch den Binnenkonsum generiert, ist dieser mittlerweile stark eingebrochen â sehr zum Leid europĂ€ischer Firmen, deren Absatz im chinesischen Markt ebenfalls implodiert ist. Stattdessen hat Chinas AbhĂ€ngigkeit von den nach wie vor boomenden Exporten deutlich zugenommen.
âWas wir wahrscheinlich sehen werden, ist ein bemerkenswertes MaĂ an KontinuitĂ€tâ, sagt Jabob Gunther von der Denkfabrik Merics mit Sitz in Berlin. Der langjĂ€hrige China-Experte ist sich sicher: Xi Jinping wird an seinem Kurs von ideologischer Strenge und flĂ€chendeckender Industriepolitik festhalten.
Unternehmen werden nationalen Interessen untergeordnet
TatsĂ€chlich hat der chinesische Parteichef seine Volkswirtschaft in atemberaubendem Tempo transformiert. LĂ€ngst hat nĂ€mlich wieder die ParteifĂŒhrung das Steuer in der Hand, wĂ€hrend die KrĂ€fte des freien Marktes zurĂŒckgedrĂ€ngt wurden. Eine Statistik macht dies besonders deutlich: Der Anteil an chinesischen Unternehmen, die Verluste schreiben, befindet sich auf dem höchsten Stand seit rund 20 Jahren.
Dahinter steckt System: Xi verlangt von seinen Privatunternehmen, dass diese sich den nationalen Interessen unterordnen â und Profitinteressen zumindest kurzfristig in den Hintergrund rĂŒcken. Nur so ist zu erklĂ€ren, dass etwa das Internetimperium Alibaba vom einst profitablen Finanzdienstleistungssektor nun in kĂŒnstliche Intelligenz investiert. Oder dass Huawei sein erfolgreiches SmartphonegeschĂ€ft zurĂŒckfĂ€hrt, um die Ressourcen in jene von Xi Jinping definierten Zukunftsindustrien zu stecken.
Der [3][ĂŒberzeugte Kommunist Xi Jinping] dĂŒrfte sich angesichts der geopolitischen Turbulenzen zusĂ€tzlich bestĂ€rkt fĂŒhlen. Er erwartet von seiner Bevölkerung harte Opfer, um im Systemkampf gegen die USA zu bestehen. Er propagiert, dass man wĂ€hrend der nĂ€chsten Jahre die GĂŒrtel enger schnallen mĂŒsse, um in Zukunft die wohlverdienten FrĂŒchte des chinesischen Aufstiegs ernten zu können.
Donald Trump könnte ihm einen Strich durch die Rechnung machen. Denn wĂ€hrend der US-PrĂ€sident einen Kuschelkurs gegenĂŒber Wladimir Putin fĂ€hrt, eskaliert er den [4][Handelskrieg gegen China].
US-Interesse: ein Keil zwischen China und Russland
Zuletzt erklĂ€rte US-AuĂenminister Marco Rubio offenherzig, dass es der US-Regierung vor allem darum gehe, einen Keil in die [5][chinesisch-russische Partnerschaft] zu treiben. âDie groĂe ErzĂ€hlung des 21. Jahrhunderts wird die Beziehung zwischen den USA und China seinâ, sagte Rubio dem rechtsextremen Medium Breitbart News. âWenn Russland auf lange Sicht zu einem dauerhaften Juniorpartner Chinas wird, dann haben wir es mit zwei AtommĂ€chten zu tun, die sich gegen die Vereinigten Staaten verbĂŒnden.â
Nun versucht Trump gewissermaĂen dem historischen Vorbild Richard Nixons nachzueifern, nur unter umgekehrten Voraussetzungen. Nixon gelang es, das maoistische China von der Sowjetunion zu lösen und auf die eigene Seite zu ziehen â ein entscheidender Grundstein fĂŒr Washingtons spĂ€teren Sieg gegenĂŒber Moskau im Kalten Krieg.
Ein halbes Jahrhundert spĂ€ter versuchen die USA nun offenbar, im Kalten Krieg 2.0 mit der Hilfe des Kreml gegenĂŒber Peking zu triumphieren.
4 Mar 2025
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