taz.de -- Historische Boxnacht mit Tina Rupprecht: Weltklasse ohne Wumms

Boxerin Tina Rupprecht ist „Undisputed Champion“: Weltmeisterin der vier wichtigsten Verbände. Auf die großen Kampfbörsen wartet sie aber noch.

Bild: Vorschriftsgemäß nüchtern zur Siegerin erklärt: Tina Rupprecht (l.) freut sich umso mehr

Dass auf Tina Rupprecht nun die große Welt wartet, war Samstagnacht in Potsdam nur am Rande Thema. „Erstmal Urlaub“, sagte die 32-jährige Profiboxerin aus Augsburg, die gerade im Atomgewicht [1][ihre WM-Titel] verteidigt und einen weiteren dazuerkämpft hatte. Die Reise führt sie nach Japan, das Land, aus dem ihre Gegnerin Sumine Yamanaka stammt.

Sonst war nach ihrem Sieg vor 2.500 Zuschauern in der Arena am Potsdamer Luftschiffhafen wenig über künftige Pläne, lukrative Gegnerinnen oder Ähnliches zu hören. Das überrascht, schließlich hat Rupprecht von ihren 17 Profikämpfen erst einen verloren. Es war ihr einziger Kampf außerhalb Deutschlands, [2][im März 2023 gegen Seniesa Estrada] in den USA.

Am Samstag sah das alles anders aus: Rupprecht, die, weil sie nur 1,53 Meter groß ist, als „Tiny Tina“ vermarktet wird, ging als Favoritin in den Kampf, und sogar als die Größere, denn Yamanaka ist sieben Zentimeter kleiner. „Atomgewicht“ ist eine Gewichtsklasse, die es nur im [3][Frauenboxen] gibt: bis 46,2 Kilogramm. Die beiden boxten auch nach den [4][umstrittenen Frauenregeln]: 10 Runden à 2 Minuten – bei den Männern geht ein Titelkampf über 12 Dreiminüter.

Viel war von Boxgeschichte die Rede, die geschrieben würde. Schließlich kämpften Rupprecht, bis dato WBC-, WBA-, und WBO-Weltmeisterin, und Yamanaka, angereist als IBF-Champ, um die Titel der vier bedeutendsten Verbände. „Undisputed Champion“ ist das Zauberwort. Es bedeutet nichts anderes, als dass die Siegerin dieses Kampfs wirklich alleinige Weltmeisterin ist.

Nationalistische Wertung

Sumine Yamanaka, deren Bruder Ryuya schon Minifliegengewichts-Weltmeister der WBO war, begann abgeklärt. Trotz Reichweitennachteil blieb sie in der Ringmitte, ließ die athletischere Rupprecht um sie herumtänzeln und versuchte, ihre Gegnerin Richtung Seile zu schieben. Dort konnte sie nämlich am besten ihre stärkste Waffe setzen, Körperhaken. Dagegen fand Rupprecht zunächst kein Mittel. Nur selten kam sie mit ihren Schlägen durch. Erst etwa ab Runde sieben konnte Rupprecht eine gewisse Dominanz erreichen.

Eindeutig war der Kampfausgang keineswegs, was sich auch in den Urteilen der Punktrichterinnen zeigt: 95:95 lautete eines, ganz knapp 96:95 ein anderes. So konnte der nationalistische Ausreißer einer deutschen Richterin, die mit 99:91 so tat, als hätte Rupprecht fast nur dominiert, den Kampf nicht entwerten.

„Ich glaube, wir haben Werbung für das Frauenboxen gemacht“, erklärte Rupprecht im Anschluss. Das zeigt sich schon daran, dass die Frauen Hauptkämpferinnen einer großen Boxnacht mit weiteren Titelkämpfen waren. Der Versuch von [5][Nick Hannig] am selben Abend, seinen WBO-Europameistertitel im Halbschwergewicht gegen Mateusz Tryc aus Polen zu verteidigen, ging derweil schief. In der letzten Runde flog das Handtuch.

Noch für etwas anderes haben Rupprecht und Yamanaka Werbung gemacht: für die oft gering geschätzten kleineren Gewichtsklassen: schnell, athletisch, technisch versiert wird hier geboxt, denn auf den großen Wumms wird hier nicht vertraut.

Warum aber rund um Rupprechts Kampf so viel Gedöns um den angeblich so hohen Stellenwert der vier Verbände gemacht wird, erschloss sich nicht. Erst in den vergangenen Jahren haben die großen Männerverbände quasi das Frauenboxen gekapert und dessen eigenen Verbände entwertet. Und gerade der Umstand, dass es eine unüberschaubar große Menge an Boxverbänden gibt, von denen vier als leidlich seriös und groß gelten, gehört ja eher zu den Krisensymptomen dieses Sports.

Tina Rupprecht jedenfalls ist so weit oben angelangt, wie es höher für sie aktuell nicht geht. Doch trotz ihres enormen Profierfolgs arbeitet sie immer noch auf Teilzeit als Lehrerin in der Realschule Zusmarshausen. In den USA und in Großbritannien sind die Chancen einer Weltmeisterin, auch [6][als gut bezahlter Star] wahrgenommen zu werden, deutlich größer. In Japan ist das ebenfalls so, wo sich „Tiny Tina“ als Urlauberin nun umschauen kann.

6 Apr 2025

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AUTOREN

Martin Krauss

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