taz.de -- Kinotipp der Woche: Nicht zu stoppen
Mit Kurz- und Langfilmauswahl, den Lolly Awards und diversen Werkstätten feiert das 19. Xposed Queer Film Festival das weltweite Queer Cinema.
Bild: Priscillia Kounkou Hoveydas Kurzfilm „We Will Be Who We Are“ (Sierra Leone, 2025)
Der Kampf um Anerkennung, Sichtbarkeit und Gleichberechtigung queerer Menschen bei uns im Westen war lang und ist längst noch nicht zu Ende. Viel wurde erreicht, aber zu einer unantastbaren Selbstverständlichkeit ist Queerness trotzdem nicht geworden. Man schaue nur mal in die USA, wo die Maga-Bewegung gerade versucht, mit der Kettensäge alles platt zu machen, was nicht in ihr heteronormatives Weltbild passt.
Es gäbe also genügend Gründe für das queere Filmfestival [1][XPOSED], das dieses Jahr von Kareem Baholzer, David Bakum, Merle Groneweg, Pol Merchan und Sarnt Utamachote kuratiert wurde und zum 19. Mal stattfindet, ein eher melancholisches bis depressives Programm als Nabelschau zusammenzustellen. Doch bei vielen der 13 Lang- und 48 Kurzfilme, die vom 29. Mai bis zum 1. Juni im Moviemento, IL Kino, Babylon Kreuzberg und im Wolf gezeigt werden, wird eher auf das Prinzip Hoffnung gesetzt.
Der Westen steht auch gar nicht mal so sehr im Fokus, die Filme stammen eher aus Ländern wie Thailand, Indonesien oder dem Libanon. Und viele von ihnen zeigen, dass auch in konservativen bis repressiven Gesellschaften der Drang nach queerer Selbstbestimmung voranschreitet und nicht einfach per Dekret zu stoppen ist, wie sich das der US-amerikanische Präsident so vorstellt.
„My Therapist Said, I Am Full of Sadness“ (2024) von Monica Vanesa Tedja beispielsweise behandelt das klassische Drama der queeren Tochter, die sich irgendwann als nonbinär identifiziert und mit einer Frau zusammenlebt, womit die Eltern im ersten Moment gar nicht klarkommen. Die Filmemacher*in erzählt in dieser Kurzfilm-Doku von ihrem eigenen Leben. Und davon, wie sie ihre Heimat Indonesien hinter sich gelassen und nun in Berlin ein freies Leben gefunden hat.
Aber es bleibt eben auch Leere in ihrem Leben, ganz nach dem Motto des Titels dieses Films: „Mein Psychotherapeut hat mir bescheinigt, dass ich voller Traurigkeit bin.“ Also fährt sie zu den christlichen Eltern, die noch das Tischgebet sprechen, während sie längst ihre Nudeln isst. Und all der Groll von einst, das Unverständnis auf beiden Seiten, es verschwindet tatsächlich. So einfach kann es sein. Mit Gruß an Donald Trump und Co: Toleranz ist lernbar.
Aber auch wenn man sich angesichts aktueller Umstände gar keine Hoffnung auf die Akzeptanz des eigenen queeren Lebens machen sollte, findet der Wunsch, man selbst sein zu dürfen, Wege. Das ist die Botschaft, die beispielsweise von dem Kurzfilm „We Will Be Who We Are“ (2025) von Priscillia Kounkou Hoveyda aus Sierra Leone ausgeht.
Die beiden Protagonist*innen des Films, Aya und Boi, sind queer. Also entscheiden sie sich dafĂĽr, einander zu heiraten. In der patriarchalen Gesellschaft wirkt diese Art der Zweckehe wie ein Schutzschild. Niemand fragt nun die beiden mehr, warum sie andauernd in dieser flamboyanten Gruppe androgyn wirkender Menschen durch die StraĂźen ziehen, tanzen und sich selbst feiern. Kann ja nicht so schlimm sein, schlieĂźlich ist sie mit ihrem Ehemann unterwegs, denken jetzt die Nachbarn.
Ja, es ist ein Doppelleben, das die beiden da führen, eine eigentlich unwürdige Lüge, die sie inszenieren. Aber mehr geht gerade eben nicht in ihrer sozialen Struktur und die Lüge ist immer noch besser als ewige Anfeindungen. Und sie soll auch nur als weiterer Schritt in Richtung freier Selbstbestimmung gewertet werden. Am Ende des Films wird noch einmal einfach dessen Titel „We Will Be Who We Are“ eingeblendet, der sich so kämpferisch und optimistisch gibt. Und irgendwann werden hoffentlich alle Ayas und Bois auf dieser Welt unumwunden zeigen dürfen, wer sie wirklich sind.
28 May 2025
LINKS
[1] https://xposedfilmfestival.com/2025/
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