taz.de -- Neue Musik aus Berlin: Minimalistisch an der Orgel

Hanno Leichtmann komponierte sein neues Album „Outerlands“ an der Orgel der Villa Aurora. Seinen Ursprüngen am Schlagzeug lässt er darauf freien Lauf.

Bild: Hanno Leichtmann bei einem Auftritt in der Kuppelhalle im Silent Green, 2024

In Berlin Nachrichten aus Los Angeles lesen und dabei eine Platte hören, die in der Stadt der Engel an der US-amerikanischen Westküste in der Villa Aurora entstanden ist, hat das Potential, sich in die Besorgnis des Jahres 2025 einzufügen. Das Haus Morgenröte, auf dessen Orgel Hanno Leichtmann sein Album „Outerlands“ eingespielt hat, ist nicht irgendeine Villa am Pazifik. 1927 erbaut, ist die Villa Aurora als das Refugium von Lion Feuchtwanger und seiner Frau Marta zur Zeit ihrer Flucht vor dem Faschismus bekannt geworden.

2018 war [1][Hanno Leichtmann] Stipendiat der Villa, die seit den Neunzigerjahren Künstlerresidenz ist. Er komponierte auf dem Instrument, an dem Marta Feuchtwanger und Hanns Eisler gesessen haben. Man könnte von einem Orgelalbum Schwere und Dunkelheit erwarten, doch „Outerlands“ atmet weniger sakrale Wucht als vielmehr südländischen Minimalismus.

Zu dem Orgelensemble der Villa Aurora gehören Marimba und Rohrenglöckchen, von denen Leichtmann Gebrauch macht, selbst wenn die Musik sich in einem Stück wie „Espera“ gravitätisch aufbäumt. Die 12 Kompositionen sind kurze, detailfreudige Vignetten: So ist in „Lucero“ unter die Orgel ein maschinelles Rattern gelegt, daraus entwickelt sich ein Lied.

Dass Hanno Leichtmann als Schlagzeuger begonnen hat, hört man „Outerlands“ an. Es gibt Momente wie in „Alondra“, in denen das Album etwas von Latin Jazz hat. Die Kombination Orgel und Perkussion lässt an die Platten denken, die der Kirchenmusiker Hans-Günther Wauer und der Free Jazz-Schlagzeuger Günter „Baby“ Sommer in den Achtzigerjahren gemacht haben. Besorgnis schlägt um in Courage.

19 Jun 2025

[1] /Neue-Musik-aus-Berlin/!5937553

AUTOREN

Robert Mießner

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