taz.de -- Sehnsucht und traurige Hunde: Wer vermisst die Frau?

Kann man ein Geist werden, ohne es selbst zu merken? Ein flüchtiges Stadtgespräch offenbart den Selbstbezug.

Vor mir steht ein kleiner klebriger Junge und sieht mich an. Ich sitze auf einer Bank vor der Kreuzberger Marheinekemarkthalle und lese. Er kneift die Augen zusammen und starrt regelrecht. Sein Mund steht ein bisschen offen, seine grünen Augen haben mich fest fixiert. Etwas geht im Kopf des Kindes vor. Ich bin irritiert. Was ist mit ihm?

Gerade als ich fragen will, was los ist, erscheint sein Vater mit Fahrradhelm und Ortlieb-Tasche. „Wer vermisst die Frau?“, sagt der Junge, und zielt mit dem durchgestreckten Zeigefinger auf mich, wie nur Schulkinder dies können. „Das weiß ich nicht“, antwortet der Vater. „Bestimmt viele Menschen. Ihre Mama und ihr Papa. Oder ihre Freunde.“ Ich bin irritiert. Wie kommt das Kind darauf, dass mich wer vermisst?

„Glaubst du, sie ist traurig? Sie sieht so traurig aus“, fragt der Junge weiter. „Vermissen macht einen sehr traurig“, sagt der Vater, „es sticht im Herzen und macht einen dicken Kloß im Hals.“ Der Vater kennt sich aus mit Vermissen, denke ich. „Sie vermisst bestimmt am meisten den Hund“, überlegt der Junge.

Aber ich hab doch gar keinen Hund? Es ist merkwürdig interessant, wie die beiden über mich spekulieren. Ein bisschen, als wäre ich ein Geist.

Ich öffne den Mund und ringe nach Worten, will entgegnen, dass meine Familie mich wirklich andauernd sieht und sich nicht so anstellen soll und dass ich außerdem ein klebriges Schokoladen-Eclair neben mir auf der Bank habe, was mich sehr glücklich macht. Da zuckt das Kind mit den Schultern, dreht sich um und trottet mit seinem Vater davon.

Als ich mich von der Bank erhebe fällt mein Blick auf den ollen Stromkasten hinter mir. „Vermisst“ steht da in großen Lettern auf einem Blatt Papier. Darunter ein Schwarzweißfoto von einer Frau, auf ihrem Schoß ein kleiner, struppiger Hund. Sie sieht traurig aus.

16 Mar 2026

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Hilka Dirks

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