taz.de -- „Vallah, Unkürzbar“: Protest auf dem Penny-Parkplatz
Trotz des neuen Rekordhaushalts sind soziale Projekte weiter Kürzungsbedroht. Mit einem Aktionstag wehren sie sich gegen den Kahlschlag.
Berlin taz | Zwei Personen stehen mit Flatterband umschlungen an einem kleinen Stand auf einem Penny-Parkplatz in Mariendorf-Ost. Neben ihnen ein Lastenrad, das zu einem Tisch umfunktioniert wurde, darauf drapiert ein großes Schild mit der Aufschrift: „Vallah, unkürzbar!“
Das gleichnamige Bündnis von Initiativen der Sozialen Arbeit hat am Dienstag zu Protestaktionen aufgerufen, um auf die drohenden Kürzungen im sozialen Bereich aufmerksam zu machen. Parallel dazu tagt der Berliner Senat, [1][um den Haushaltsplan für die kommenden zwei Jahre] zu beschließen. Viele Beratungs- und Unterstützungsangebote bangen um ihre Zukunft.
Darunter auch die mobile Stadtteilarbeit Mariendorf-Ost. Sie ist alle zwei Wochen auf dem Parkplatz, um mit den Menschen vor Ort ins Gespräch zu kommen – normalerweise ohne Flatterband.
Die Initiative schaffe Begegnungsangebote für die Menschen im Kiez, erzählt Dominique Dukiewicz, eine der beiden in Flatterband gekleideten Personen. Weil es [2][ansonsten an sozialer Infrastruktur fehle], sei das Projekt der mobilen Stadtteilarbeit vor einem Jahr aufgenommen worden. Seitdem gibt es Begegnungsangebote wie Wildkräuterspaziergänge und Nachbarschaftstreffs.
Aufgebaute Strukturen bedroht
Über das letzte Jahr hätte man mühsam Beziehungen und Vertrauen zu den Menschen vor Ort aufgebaut, erzählt Dukiewicz. „Man will sich gar nicht vorstellen, dass das alles wieder wegfallen könnte und alles wieder brachliegt“.
Auch Rosi Hohmann ist mit dabei am Stand. Sie ist 82 Jahre alt und besucht regelmäßig den Nachbarschaftstreff. „Es braucht Leute, die gerade ältere Menschen aus ihrer Einsamkeit herausziehen“, erzählt sie. Ein Stadtteilzentrum fehle im Kiez, deswegen ist man für solche Projekte auf Kooperationen mit Schulen und Kirchen angewiesen, die Räume zur Verfügung stellen, erzählt Dukiewicz.
„Wir wollen den Menschen wieder das Gefühl von Selbstwirksamkeit und Hoffnung geben“, sagt Sozialarbeiterin Emily-Jo Gerhardt. „Wenn die Projekte in Zukunft aber wieder einpacken müssten, dann wird diese Hoffnung gebrochen“
Ein plötzlicher Wolkenbruch überflutet den Parkplatz, die beiden Sozialarbeiterinnen und Seniorin Hohmann packen schnell die Materialien ein und flüchten in den Eingang des Penny-Marktes. „Wenn wir jetzt ein Stadtteilzentrum gäbe, könnten wir da unterkommen“, sagt Hohmann. [3][Auch Cafés gäbe es keine in der Nähe], „die haben ja alle dicht gemacht“.
22 Jul 2025
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Schwarz-rote Koalition in Berlin
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