taz.de -- Gefühltes Alter: Forever 38

Altern ist auch nur ein Konstrukt – sagt unsere Boomerin und fragt: Wenn Gender fluide ist, warum nicht auch das Alter?

Bild: Frau ist so alt, wie frau sich fühlt

Ein großer Vorteil des Boomerdaseins liegt darin, diverse Altersschocks – „O nein! Ich werde 50“ oder „Furchtbar! Bald bin ich 60!“ hinter sich und überwunden zu haben. Umso lächerlicher scheint dann, wenn Jüngere, meistens Frauen, ihr Alter geheim halten wollen und vor dem 50. Geburtstag ein Drama veranstalten, als würden sie zum Schafott geführt.

Als lieblich-woke Boomerin bemühe ich mich da stets, verständnisvoll zu sein, aber nur durch große Selbstbeherrschung gelingt es mir, in solchen Fällen die berühmte Susan Sontag nicht zu zitieren: Nur Frauen, so Sontag, grämen sich mit dieser Mischung aus Dümmlichkeit und Pathos wegen ihres Alters.

Diese scharfen und doch weisen Worte schrieb Sontag 1975 in ihrem berühmten Aufsatz „The Double Standards of Aging“ und bis heute gibt es zum Thema Altersdiskriminierung von Frauen nicht viel Gescheiteres. Die Kernaussage des Essays ist auch 2025 noch topaktuell: Altern sei nicht gleich Altern, denn bei Männern werde Altern gesellschaftlich toleriert. Frauen hingegen würden durch den misogynen Schönheitsbegriff psychisch geschädigt.

Ist Alter ein Konstrukt?

Immerhin können wir heute, wie beim Geschlecht (sex/gender), auch beim Alter zwei Versionen unterscheiden: das körperliche und das soziale Alter. Aber wenn Alter, wie Geschlecht, nur ein Konstrukt ist – können wir Ältere dann auch darauf beharren, dass wir nicht alt sind und uns gegen „Misageing“ wehren, [1][wenn wir als Alte eingestuft und angesprochen werden?]

Ja, das können wir. Denn inzwischen hat sich die Bezeichnung „Trans-Age“ für Menschen, die sich nicht ihrem chronologischen Alter zuordnen lassen wollen und sich stattdessen mit einem selbstgewählten Lebensalter identifizieren, etabliert. Bekanntheit erlangte der Begriff Trans-Age um 2023, als ein kanadischer Familienvater im Alter von 59 Jahren seine Familie verließ, um fortan als 6 Jahre altes Mädchen zu leben. Die Trans-Age-Person lebt mittlerweile mit Adoptiv-Eltern und verbringt ihre Zeit puppenspielend mit den Enkeln der Adoptiv-Eltern.

Diese Geschichte hört sich ein bisschen konstruiert an und diente Medien wie dem Focus als Vorwand, Transmenschen lächerlich zu machen und gegen „Gender-Gaga“ zu hetzen. Trans-Age wird sich trotzdem durchsetzen.

Durch zuverlässige Berichte von Spiegel und Bunte ist verbrieft, dass die berühmte italienische Sängerin Gianna Nannini (bello e impossibile, 1986) vor ihrem 71. Geburtstag ihr Alter als fakultativ erklärte und verfügte, zukünftig in ihrem wahren Alter, nämlich 41, gesehen zu werden.

Für immer gefühlt ein Teenager

Das entspricht auch meinen Beobachtungen: Viele 50plus- und 60plus-Leute fühlen sich innerlich zwischen 38 und 42. Wahrscheinlich, weil mit 38 die Adoleszenz endgültig abgeschlossen ist, weil sich Menschen in dieser Lebensphase meist selbst gefunden haben und sich danach innerlich gar nicht mehr so sehr viel verändert.

Inzwischen würden sich die meisten älteren Menschen wahrscheinlich als „altersfluid“ bezeichnen: Manchmal fühlt man sich auch mit 64 wie ein Teenager, manchmal wie eine 80-Jährige.

6 Aug 2025

[1] /Altersdiskriminierung-in-der-Sprache/!6090128

AUTOREN

Christiane Rösinger

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