taz.de -- Meine Lesungen in der Schule: Ein Verlustgeschäft

Bei Schullesungen verkaufe ich den Schülern meine Bücher zum halben Preis. Bei Lesungen für Erwachsene sollte das anders sein. Eigentlich.

Bild: Nicht immer leicht verkäuflich: das gute alte Buch

Letzte Woche hatte ich an einem Tag zwei Lesungen in der Aula eines Bremer Schulzentrums. Vormittags für die ganzen Schüler und abends für die Erwachsenen. Ich brauche nicht unbedingt zu der [1][Frankfurter Buchmesse] zu fahren, um meine Bücher zu verkaufen. Dort werden die Bücher ohnehin nicht gekauft, sondern geklaut.

Aber bei diesen Schullesungen mache ich auch jedes Mal ein Verlustgeschäft, denn ich verkaufe meine Bücher zum halben Preis. Die armen Schüler müssen mit ihrem [2][Taschengeld] sparsam umgehen, damit sie sich Handykarten, Zigaretten, Bier und andere Drogen kaufen können. Wenn aber die Schüler 50-Euro-Scheine rausholen, die ich nicht wechseln kann, und die Lehrer auch nur den Rabattpreis von jämmerlichen vier Euro bezahlen wollen, dann komme mir schon ziemlich blöd vor.

Nach der Lesung steht eine kleine pummelige Schülerin, ungefähr zwölf Jahre alt, vor mir und fragt:

„Herr Engin, Sie sind ja heute Abend noch mal hier. Kann ich auch dann ein Buch für die Hälfte kaufen?“

„Tut mir leid, heute Abend ist die Lesung für Erwachsene, und da gibt’s normale Preise“, sage ich.

„Aber alle anderen Schüler haben doch nur die Hälfte bezahlt“, kontert sie.

„Die kaufen ja auch jetzt.“

„Ich habe aber jetzt kein Geld dabei. Ich komme heute Abend vorbei und will dann nur die Hälfte zahlen“, fängt sie an zu quengeln.

„Kind, nerv nicht! Du siehst, ich muss arbeiten.“

„Ich will aber nicht mehr bezahlen als die anderen. Bin ich blöd oder was?“, brüllt sie.

„Ist gut, ist gut“, wimmele ich sie ab. Ich bin mir sicher, dass sie in ein paar Stunden mich und meine Bücher ohnehin vergisst.

Am Abend, mitten in die chaotischen Vorbereitungen platzt sie herein:

„Herr Engin, mein Buch!“, ruft sie bereits von Weitem.

„Oh, ich habe jetzt überhaupt keine Zeit dafür“, sage ich.

„Ich will aber jetzt mein Buch haben!“

„Herr im Himmel, damit habe ich nichts mehr zu tun. Dort ist der Büchertisch, geh dahin.“

In dem Moment schnappt mich der Schulleiter, schiebt mich auf die Bühne und hält vor 300 Leuten eine lange Begrüßungsrede. Plötzlich höre ich leise Schritte hinter dem Vorhang und ein Flüstern:

„Herr Engin, die Penner am [3][Büchertisch] wollen mir Ihr Buch nicht verkaufen.“

„Wieso denn nicht?“, frage ich ganz unauffällig.

„Die wollen den vollen Preis haben.“

Der Schulleiter verdreht böse die Augen, weil ich mich während seiner bedeutungsvollen Rede mit irgendjemandem hinter dem Vorhang unterhalte.

„Ich sagte doch, heute Abend gelten die normalen Preise“, knurre ich genervt.

„Aber Sie haben mir doch versprochen, dass ich den halben Preis zahlen darf.“

„Ich habe überhaupt nichts versprochen!“

„Doch, haben Sie wohl!“

„Nein!“

„Doch!“

Völlig entnervt hole ich einen Fünf-Euro-Schein raus und gebe ihn dem Quälgeist.

„Hier hast du die Hälfte, zieh endlich ab!“

Bei Allah, hoffentlich hat niemand gemerkt, dass ich die Leute jetzt schon bezahlen muss, damit sie meine Bücher kaufen.

19 Oct 2025

[1] /Schwerpunkt-Frankfurter-Buchmesse/!t5240018

[2] /Kein-Gender-Gap-beim-Taschengeld/!5854043

[3] /Hype-um-Romance-Literatur/!6116712

AUTOREN

Osman Engin

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