taz.de -- Showdown im Abgeordnetenhaus: Förderung wird Fall für den Rechnungshof

Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson bittet Behörde um Prüfung. Sie distanziert sich von Kritik des CDU-Abgeordneten Goiny an Haltung zu Antisemitismus.

Bild: Hat den Rechnungshof um Prüfung der Vorwürfe in Sachen Fördermittel gegen Antisemitismus gebeten: Kultursenatorin Wedl-Wilson

taz | Als Vorwärtsverteidigung ließe sich wohl die Strategie der CDU am Donnerstag im Abgeordnetenhaus bezeichnen. 11.05 Uhr ist es, als im Plenarsaal die Fragestunde beginnt und aus der CDU-Fraktion – die als größte dabei stets auch als erste dran ist – an Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson die Frage nach dem Umgang mit Fördergeldern geht. Die hat zwar kein Parteibuch der CDU, ist aber von ihr ins Amt geholt worden und würde sich nun erstmals zu massiver Kritik auch an ihr selbst äußern müssen

Selten war vor einer solchen Fragestunde klarer, worum es darin vorrangig gehen würde: um die Vorwürfe zur mindestens höchst ungewöhnlichen, wenn nicht unkorrekten [1][Verteilung von Fördergeldern an Projekte gegen Antisemitismus in der CDU-geführten Kulturverwaltung und die Rolle führender CDU-Abgeordneter dabei]. Grüne und Linke würden definitiv danach fragen, und das weit aggressiver als die zahme Frage nach dem bloßen Umgang und der Nachfrage, was der Senat denn zu den jüngst aufgekommenen Vorwürfen sage.

Und so kann Wedl-Wilson, [2][die im Mai von der Staatssekretärin zur Senatorin und Nachfolgerin des zurückgetretenen Joe Chilao (CDU) wurde], erst weiter ausholen und sich grundsätzlich beim Parlament für die Fördermittel gegen Antisemitismus bedanken. Erst dann versichert sie, die ja selbst in der Kritik ist: „Ich möchte hier aufräumen und ich stehe für Aufklärung.“

Auf die Nachfrage hin, wie sie denn zu den Vorwürfen steht, folgt die Information: „Ich habe ich den Landesrechnungshof um eine Prüfung des gesamten Vorgangs gebeten.“ Wenn formale Fehler passiert seien, „werden wir die beheben.“ Ihr Ziel sei, die Fördergelder „zügig und rechtssicher für geeignete Projekt auszugeben.“

Senatorin: Alles geprüft

Vor allem an der Zuschreibung „geeignet“ [3][wecken taz-Recherchen zu Förderungsempfängern Zweifel]. Ein Förderbescheid über 39.000 Euro ging etwa an die Immobilienfirma Fablhaft, nach eigenen Angaben ein „erfahrenes Unternehmen im Bereich der Immobilienverwaltung und Neubautenentwicklung“. Ihr Geschäftsführer ist laut Impressum: „Max Mustermann“, die Handelsregisternummer soll 12345 sein, die Umsatzsteuer-ID DE123456789.

In der Kritik steht, dass die Spitze der Kulturverwaltung – also erst Chialo, dann Wedl-Wilson – gut ein Drittel eines 10-Millionen-Fördertopfes gegen Antisemitismus ohne Einbindung der eigenen Fachleute vergeben haben soll. Dabei sollen sie sich an einer Liste orientiert haben, die von CDU-Fraktionschef Dirk Stettner und Christian Goiny kam, dem langjährigen haushaltspolitischen Sprecher der Fraktion. Wedl-Wilson widerspricht dem Vorwurf, die hauseigene Expertise außen vor gelassen zu haben: „Alle Projekte sind im Fachreferat geprüft worden.“

Goiny ist währenddessen nicht auf seinem Platz in der vierten Reihe der CDU-Fraktion zu sehen und doch gegenwärtig. Als nämlich die Grünen mit ihrer Frage an der Reihe sind, zitiert ihr Abgeordneter Daniel Wesener, einst Finanzsenator, nun ihr Sprecher seiner Fraktion für Kulturfinanzierung, [4][eine Äußerung Goinys auf der Social-Media-Plattform Facebook].

Darin spricht der CDU-Politiker davon, dass der Kampf gegen Antisemitismus auch in der Kulturverwaltung auf Widerstände treffe. Mitgliedern einer Jury, die über einen Fördertopf entschied, hält er vor, ihre Haltung zum Antisemitismus sei „zumindest fragwürdig“. Ob der Senat diese Ansicht teile, will der Grünen-Abgeordnete Wesener wissen. Wedl-Wilsons Antwort kommt ohne Vorrede und Umschweife: „Wir distanzieren uns von diesen Äußerungen.“

6 Nov 2025

[1] /Projekte-gegen-Antisemitismus/!6122985

[2] /Nachfolgerin-von-Joe-Chialo-CDU/!6083506

[3] /Gefoerderte-Antisemitismusprojekte/!6127489

[4] https://www.facebook.com/christian.goiny/posts/pfbid02vejAitKcDoqf6BGeXs3CQZhk56zKqSbAcwMZFgTai7QbihNAwkwQqSz34Hm71JTAl

AUTOREN

Stefan Alberti

TAGS

Sarah Wedl-Wilson

CDU Berlin

Förderung

Reden wir darüber

CDU-Fördergeldaffäre

CDU-Fördergeldaffäre

Brandenburg

CDU-Fördergeldaffäre

Kolumne Bewegung

CDU-Fördergeldaffäre

CDU-Fördergeldaffäre

CDU-Fördergeldaffäre

CDU Berlin

ARTIKEL ZUM THEMA

Verantwortung für CDU-Fördergeldaffäre: Eine Schuldige reicht nicht

Chats zeigen, dass Senatorin Wedl-Wilson wissentlich gegen Haushaltsrecht verstieß – Konsequenzen drohen nur ihr. Verantwortlich ist jedoch eine Männerclique.

Rechnungshof rügt Brandenburg: Viadrina verschwendet Steuermittel

Brandenburg macht Schulden in Rekordhöhe. Damit ist der Landesrechnungshof nicht einverstanden. Er sieht auch vermeidbare Kosten in Ministerien.

Berliner CDU-Fördergeldaffäre: Guter Jude, schlechter Jude

Die Kulturverwaltung räumt weitere Fehler in der Fördergeld-Affäre ein. Eine Antisemitismus-Fachjury soll zudem als „zu links“ abgelehnt worden sein.

Berliner CDU-Fördergeldaffäre: Kein Verbündeter gegen Antisemitismus

Die CDU tut, was sie immer tut: Sie versorgt die Clique. Gefördert werden Akteure deren Anti-Antisemitismus ausgrenzend und islamfeindlich ist.

Fördergeld-Affäre der Berliner CDU: Anzeige ist raus

Die Fördergeld-Affäre der Berliner CDU könnte bald von der Staatsanwaltschaft untersucht werden. Anwalt stellt Strafanzeige gegen Chialo und Goiny.

Fördergeld bei Antisemitismusprojekten: Es geht um Machtmissbrauch

CDU-Politiker betrachten den Staat als Selbstbedienungsladen. Den notwendigen Kampf gegen Antisemitismus schwächen sie.

Fördergeldaffäre der Berliner CDU: Verdacht auf Untreue

Ein Untersuchungsausschuss wird sich mit der Vergabe von Antisemitismus-Fördergeldern beschäftigen. Ein Rechtsgutachten spricht von Rechtsverstößen.

Projekte gegen Antisemitismus: Förderfilz der CDU

Die Berliner Kultursenatoren Chialo und Wedl-Wilson haben willkürlich Millionen Euro Fördergelder vergeben – nach Druck aus der Fraktion.