taz.de -- Singapur: Nichts als die Wahrheit
Singapur hat eines der hÀrtesten Anti-Fake-News-Gesetze. Die Regierung missbraucht es, um Kritiker:innen der Todesstrafe zum Schweigen zu bringen.
Bild: Sauber, ruhig, sicher: Singapurs friedvolles Dasein ist politisch hart hergestellt
Auf den StraĂen Singapurs geht es leise zu, beinahe, als sei immer Feiertag. Zwischen den glasverkleideten HochhĂ€usern fahren nur wenige, oft elektrische Autos umher. Die ĂŒber drei Millionen Menschen, die tĂ€glich die Metro nutzen, verteilen sich entspannt in den groĂzĂŒgigen GĂ€ngen der U-Bahn-Stationen mit ihren glĂ€nzend polierten Granitfliesen am Boden.
GeschĂ€fte gibt es hier keine, nur Automaten fĂŒr frisch gepressten Orangensaft. Der kommt mit verschweiĂtem Deckel aus der Klappe. Ăffnen, bevor man in den eigenen vier WĂ€nden ist, ist streng verboten.
Polizisten? Schmutz? Bettler? VerspÀtungen?
Hier nicht.
Als Besucher gewöhnt man sich an die Ruhe, die Sauberkeit und das GefĂŒhl von Sicherheit so schnell, dass man es bald fĂŒr normal hĂ€lt. Doch all das ist nicht gottgegeben, sondern politisch aufwendig hergestellt. Die staatlich limitierten Autozulassungen etwa werden versteigert. Wer einen Mittelklassewagen auf die StraĂe bringen will, muss ĂŒber 100.000 Euro zahlen. Gleichzeitig investierte Singapurs Regierung bis heute umgerechnet rund 100 Milliarden Euro in die Metro â Weltrekord.
Mit Geld und strengen Gesetzen werden Gefahr, Schmutz und Unruhe von dieser Insel (genau genommen sind es 64 Inseln) des Wohlstands ferngehalten. Und wenn das die Freiheit einschrĂ€nkt, dann ist das eben so. FĂŒr diesen Gesellschaftsvertrag steht die [1][People's Action Party] (PAP), die Singapur schon seit 1959, drei Jahre vor der UnabhĂ€ngigkeit von GroĂbritannien, ohne Unterbrechung regiert.
Heute kommt immer mehr vom Schmutz und den Gefahren der Welt aus dem Internet. Auch da greift die PAP durch. Seit 2019 gibt es den Protection from Online Falsehoods and Manipulation Act (POFMA).
Er stellt die Verbreitung von âUnwahrheitenâ unter Strafe, wenn sie Sicherheit, öffentliche Gesundheit, öffentliche Ruhe oder Staatseinnahmen gefĂ€hrden, âHassgefĂŒhleâ zwischen den Volksgruppen â gemeint sind Malaien, Chinesen und Inder â schĂŒren oder âdas Vertrauen der Ăffentlichkeit in die [âŠ] Regierungâ untergraben. In schweren FĂ€llen drohen umgerechnet 335.000 Euro Geldstrafe und bis zu zehn Jahre Haft.
Die öffentliche Ruhe stören, das hat sich [2][Kokila Annamalai Parvathi] zweifellos vorgenommen. Alle nennen sie nur Koki, vermutlich sogar die Menschen im Todestrakt, die Parvathi vor der Hinrichtung zu retten versucht. In Singapur herrsche ein âbarbarisches Todesstrafenregimeâ, sagt Parvathi, und sie werde das niemals akzeptieren.
Sich selbst der LĂŒge bezichtigen
Parvathi ist eine der GrĂŒnder:innen des [3][Transformative Justice Collective] (TJC). In der Gruppe haben sich viele Gegner:innen der Todesstrafe in dem Stadtstaat vereint. Singapurs Regierung warnt vor ihnen, so wie sie vor Rauchen, ungesundem Essen oder Smog warnt: âAuf dieser Website wurden mehrere Unwahrheiten verbreitetâ, steht heute auf der TJC-Seite.
Leser:innen sollten âVorsicht waltenâ lassen. Denn wer in den Augen von Singapurs Regierung Fake News verbreitet, muss sich selbst der LĂŒge bezichtigen und die Darstellung der Regierung als die korrekte öffentlich anerkennen.
Parvathi aber weigert sich, das zu tun.
Sie ist 37 Jahre alt, ihre gelockten schwarzen Haare fallen lose auf die Schultern, sie trĂ€gt oft einen Sari, wie ein Bekenntnis zu ihren indischen Wurzeln. Ihr Instagram-Profil heiĂt â[4][learningfromthemargins]â, von den Marginalisierten, den Ausgegrenzten lernen, soll das heiĂen. Zu sehen sind dort viele Fotos von ihr mit erhobener Faust in der ersten Reihe von Protestveranstaltungen.
Campaignerin ist vielleicht die treffendste Beschreibung fĂŒr das, was sie tut: Protestaktionen organisieren. Sie macht das schon, seit sie Anfang 20 ist. âIch hab das zu meinem Beruf gemachtâ, sagt sie: KĂ€mpfe von Mieter:innen und migrantischen ArbeitskrĂ€ften, gegen Wucher oder Ausbeutung, fĂŒr PalĂ€stina. Vor allem aber kĂ€mpft Parvathi gegen die Todesstrafe.
Im [5][Safest City Index des Economist] landet Singapur 2021 weltweit auf Platz drei. Die KriminalitÀtsrate ist eine der niedrigsten der Welt. 78 Prozent der Singapurer:innen sind der Meinung, es brauche die Todesstrafe, damit das so bleibt.
14 Menschen wurden laut Amnesty International bisher 2025 in dem Stadtstaat hingerichtet. Im VerhĂ€ltnis zur BevölkerungsgröĂe sind das etwa 19-mal so viele wie in den USA. Der hochtechnisierte Staat straft dabei wie im Mittelalter: Mit dem Galgen, an Freitagen, kurz vor Sonnenaufgang. Meist trifft es Migrant:innen, Arme, Suchtkranke. Das TJC, Parvathis Gruppe, protestiert mit Mahnwachen, Veranstaltungen, offiziellen Eingaben in einem Land, in dem Protest und öffentliche Kritik an der Regierung keinen Platz haben.
Viele im Land wĂŒssten auch gar nicht, was es zu kritisieren gĂ€be. Sie sagen SĂ€tze wie: âWenn ich so höre, wie es anderswo zugeht, dann muss ich sagen: Ich kann mich nicht wirklich beschwerenâ â so oder Ă€hnlich denken viele Menschen in Singapur.
Fotos noch aus den letzten Jahren der britischen Herrschaft in dem Stadtstaat Anfang der 1960er Jahre zeigen einfache HolzhĂŒtten zwischen Palmen. Heute wirkt die Stadt wie eine Architekturausstellung, eine Manifestation dessen, zu was Baukunst imstande ist, wenn Geld und Ambition zusammenkommen. Möglichst bald schon sollen die GebĂ€ude voll begrĂŒnt sein, um der Klimakrise besser zu trotzen. Vorbildlich ist die Stadt dabei schon heute. Das tropische GrĂŒn kontert die SterilitĂ€t der StraĂen.
Singapur ist keine Geheimdienstdiktatur, die mit undurchsichtigen Methoden und WillkĂŒr ihre Gegner kontrolliert. Das staatliche Vorgehen gegen Aktivist:innen wie Parvathi ist haarklein im Netz dokumentiert, zu jedem Schritt gibt es eine offizielle Pressemitteilung samt Kontaktdaten fĂŒr Nachfragen. Die Repression wird hier mit maximaler Transparenz vollzogen. Vielleicht ist das ein Grund, weshalb Aktivist:innen dazu bereit sind, relativ frei zu reden.
Parvathi kommt zum Treffpunkt in eine Mall am westlichen Ende der HaupteinkaufsstraĂe Orchard Road. Nach einem kurzen GesprĂ€ch fĂŒhrt sie in eine benachbarte Mall, lĂ€uft durch den Hinterausgang zu einer WohnstraĂe mit zweistöckigen HĂ€usern, eine RaritĂ€t angesichts des knappen und exorbitant teuren Baulands.
Die HĂ€user sind einfach gebaut, aber ihr Wert geht in die Millionen. So ist es nur einem wohlhabenden privaten Gönner zu verdanken, dass in einem dieser Bauten ein knappes Dutzend linker politischer Gruppen ihren Treffpunkt und ihre BĂŒros haben. Klima, LGBTIQ, Streiks â mit den ganzen Politplakaten an den WĂ€nden wirkt dieser Ort wie ein Fremdkörper inmitten des glatten, durchorganisierten Singapurs.
Parvathi setzt sich an einen Tisch und erzĂ€hlt. Sie spricht druckreif, alles was sie sagt, hat sie offenkundig lange durchdacht, in Diskussionen erprobt. Das Anti-Fake-News-Gesetz nennt sie eine âForm der psychologischen Gewalt gegen die Ăffentlichkeitâ. Es werde von den âMachthabern missbraucht, um ihre eigennĂŒtzigen Meinungen als âkorrekte Faktenâ auszugeben und sie uns in den Hals zu stopfenâ, sagt sie.
Die VorwĂŒrfe gegen sie beziehen sich auf Posts vom Oktober 2024. Sie kritisiert darin die UmstĂ€nde mehrerer Hinrichtungen, unter anderem jener von Mohammad Azwan bin Bohari. Er wurde 2017 mit 26,5 Gramm Diamorphin, synthetischem Heroin, in einer Keksdose von der Polizei aufgegriffen. 15 Gramm reichen, um in Singapur zum Tode verurteilt zu werden. Sieben Jahre spĂ€ter, am 4. Oktober 2024, wurde Bohari im Alter von 48 Jahren exekutiert.
Parvathi hatte unter anderem kritisiert, dass das Rechtssystem den Todeskandidaten eine unerfĂŒllbare Beweislast aufbĂŒrdet. Sie verwies auch darauf, dass die Familie Boharis angesichts noch ausstehender Rechtsmittel von der Hinrichtung ĂŒberrascht wurde. [6][Auch Amnesty International hatte dies scharf gerĂŒgt]. Mit Blick auf weitere FĂ€lle hatte Parvathi fehlende Dolmetscher und die Hinrichtung psychisch kranker Menschen kritisiert.
Ihre VorwĂŒrfe veröffentlichte Parvathi auf den Webseiten des TJC und auf ihren eigenen Social-Media-KanĂ€len. Nur Tage spĂ€ter wies das Innenministerium die beim Informationsministerium angesiedelte Anti-Fake-News-Behörde an, eine âKorrekturmeldungâ zu verfassen. Diese Meldungen werden zunĂ€chst auf einer Regierungsseite mit dem Namen âFactuallyâ â also etwa âtatsĂ€chlichâ â veröffentlicht.
Bliebe es dabei, wÀre es schlicht eine Gegendarstellung, in der die Regierung ihre Sicht der Dinge darlegt.
Doch es geht weiter.
Der POFMA sieht keine Löschung vor. Die Verfasser:innen mĂŒssen vielmehr auf der Startseite ihrer Website oder im Header ihres Social-Media-Profils eine von der Regierung vorformulierte Selbstbezichtigung posten. Das TCJ als Ganzes gab nach: âAuf dieser Website wurden mehrere Unwahrheiten verbreitetâ, steht dort nun in Englisch ganz oben auf der Startseite, bis heute.
Zweitens muss ein Warnhinweis dem fraglichen Beitrag vorangestellt werden: âDieser Beitrag enthĂ€lt falsche Tatsachenbehauptungenâ, [7][steht dort nun]. FĂŒr die âkorrekten Faktenâ möge man dem bereitgestellten Link zur Darstellung der Regierung folgen.
Drittens schlieĂlich muss der Text des ursprĂŒnglichen Beitrags in einer von der POFMA-Behörde vorformulierten Weise verĂ€ndert oder ergĂ€nzt werden. Dabei wird das, was dort vorher stand, teils ins Gegenteil verkehrt. Unter anderem steht dort nun: Die Todeskandidaten um Mohammad Azwan bin Bohari hĂ€tten das Gerichtsverfahren âmissbrauchtâ, indem sie âin letzter Minute AntrĂ€ge einreichen, um ihre geplante Hinrichtung zu verhindernâ.
Wer die Anweisungen der POFMA-Behörde befolgt und die Regierungsdarstellung ĂŒbernimmt, wird nicht weiter bestraft. FĂŒr Parvathi kam das nicht infrage. Sie lieĂ die Posts auf ihren eigenen Profilen unverĂ€ndert. âEs gibt keine Strafe, die hart genug wĂ€re, um mich zu zwingen, diese Ansicht als die âWahrheitâ zu wiederholenâ, sagt sie.
Todeskandidaten gehören zu den âverletzlichsten, machtlosesten und stimmlosesten Menschen in unserer Gesellschaftâ, sagt Parvathi. âDie Gerichte hingegen gehören zu den mĂ€chtigsten Institutionen in diesem Land.â Es sei sehr seltsam, es âMissbrauchâ zu nennen, wenn Gefangene vor einer Hinrichtung alle zur VerfĂŒgung stehenden rechtlichen Mittel ausschöpfen. âFĂŒr mich ist das eine höchst widerwĂ€rtige Positionâ, so Parvathi. âIch stehe zu dem, was ich gesagt habe.â
Das Land verlassen darf Parvathi zum Zeitpunkt des Treffens mit der taz nicht. Die Justiz hat ihr ihren Pass eingezogen, sie ist auf 5.000 Dollar Kaution in Freiheit. Denn im Februar 2024 hatte sie einen Protestmarsch gegen den Krieg in Gaza zum Sitz des PrĂ€sidenten angefĂŒhrt. Gestattet sind Proteste in Singapur aber nur in einer Ecke des Hong-Lim-Parks in der Innenstadt.
Wegen der Todesstrafenposts sei sie âmehr als sechs Stunden auf der Polizeiwacheâ verhört worden, âohne Anwaltâ, berichtet sie. Der Prozess in der Sache steht noch aus.
Nationale und internationale Medien berichteten ĂŒber Parvathis Fall. In Singapur selbst muss die Regierung Kritik an ihrem Vorgehen indes kaum fĂŒrchten. Was sie tut, empfinden viele Menschen als legitim.
Praktisch ohne politische Konkurrenz, mit genĂŒgend Geld und einer relativ unkritischen Medienlandschaft vermochte die Regierung ĂŒber Jahrzehnte umzusetzen, was sie versprach. Auch ohne eigene Rohstoffe fĂŒhrte sie das Land ökonomisch an die Weltspitze, freiheitsmĂ€Ăig aber nur ins Mittelfeld: 48 von 100 Punkten bekommt Singapur im [8][Freedom-in-the- World-Index].
Zum UnabhĂ€ngigkeitstag verschickt die Regierung Gutscheine fĂŒr Kuchen an alle Haushalte. Nachdem die Zahl der Online-BetrĂŒgereien zugenommen hatte, kam Anfang August eine viersprachige Postwurfsendung der Polizei mit Leitfaden in leichter Sprache und den Kontaktdaten zu externen Beratungsstellen. Singapur ist eine Art asiatischer Nanny State. Und ĂŒber die Jahrzehnte hat die Bevölkerung die Mischung aus Wohlstand, Sicherheit und engen Grenzen akzeptiert.
So kann das âUntergraben des Vertrauens in die Regierungâ heute als Straftat verfolgt werden. Aus europĂ€ischer Sicht erscheint das wie ein uferloses Instrument der Herrschenden, sich vor Kritik zu schĂŒtzen. âIn Singapur war das gar kein Themaâ, sagt dazu Thum Ping Tjin. Der einst in Oxford lehrende Historiker ist auf die Verfassung des Stadtstaats spezialisiert und einer der wenigen wahrnehmbaren Regierungskritiker Singapurs.
Thum grĂŒndete mit Parvathi und anderen das Transformative Justice Collective. 2018 war er einer der Expert:innen, die im Parlament bei den Beratungen zum POFMA angehört wurden.
Meinung kann Fake News sein
Schon damals warnte er vor dem Gesetz. 2020 dann sagte er in einem Youtube-Video seiner Reihe âThe Show with PJ Thumâ, dass der POFMA Kritik an der Regierung unmöglich mache. Er bekam postwendend einen ministeriellen Bescheid, dies als âFake Newsâ zu kennzeichnen. Die Regierung veröffentlichte âKorrekturen und Klarstellungenâ zu seinem Video. Thum gab nach, veröffentlichte eine neu geschnittene Fassung des Clips.
Der Historiker berichtet davon bei einem Zoom-GesprĂ€ch aus Kobe in Japan. Denn die Regierung Singapurs hatte Thum 2023 mit fadenscheiniger BegrĂŒndung Wahlmanipulation vorgeworfen. Als der Druck gröĂer wurde, ging der Wissenschaftler mit seiner Frau aus Singapur ins Exil.
Dass die Regierung Fake News bekĂ€mpfen wolle, sei an sich richtig, sagt Thum. âDas ist ein Problem, wir sehen ja, wie etwa Russland in Europa mit Desinformation versucht, Wahlergebnisse zu manipulieren oder die Ukraine als Kriegsschuldige erscheinen zu lassen.â In Singapur sei âchinesische Desinformation eines der gröĂten Problemeâ, so Thum.
Auch gegen das Anliegen, die Harmonie zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen zu schĂŒtzen, keine Hetze zuzulassen, sei nichts einzuwenden, ebenso wenig, wie Fake News von Impfgegnern ĂŒber Covid einzudĂ€mmen.
âZu Beginn hat die Regierung versprochen, dass sie nur gegen Unwahrheiten vorgehen werde, die öffentliche Interessen beeintrĂ€chtigenâ, sagt Thum ĂŒber den POFMA. Anfangs sei es auch so gehalten worden. âAber sehr bald wurde klar, dass die Regierung den eigenen AnsprĂŒchen nicht gerecht wird.â Bald schon habe sie auch MeinungsĂ€uĂerungen als âFake Newsâ angegriffen und sei dabei mit âsehr zweifelhaften BegrĂŒndungen gegen Oppositionspolitikerâ vorgegangen, erzĂ€hlt er.
Sogar, wenn nur die Interpretation einer Aussage falsch sein kann, könne sie die Aussage als falsch einstufen. So könne sehr vieles, was der Regierung nicht gefÀllt, heute als Fake News verfolgt werden.
Die POFMA-Behörde will dazu kein Interview geben. Auf Anfrage schickt das Justizministerium nur eine freundliche Mail mit ein paar Links. Darin ist zu lesen, wie hilfreich sich das Gesetz im Kampf gegen Fake News erwiesen hat.
In den USA zerstört Trumps Regierung gerade alles, was demokratische Rechtsstaatlichkeit ausmacht. Möglich wurde dies auch durch eine unregulierte Medienöffentlichkeit, die der Verbreitung von Hass, Hetzen und LĂŒgen keinerlei Schranken setzte. Am Ende war das Misstrauen in den Staat, der Hass auf die Minderheiten so groĂ, dass Trump durchmarschieren konnte.
In der EU gibt es KrĂ€fte, die Ăhnliches vorhaben. Auch sie diskreditieren die Eliten, die Institutionen, die Demokratie. Sie lĂŒgen und hetzen, als GeschĂ€ft und als politisches Projekt. Die Folgen sind bereits sichtbar. Eine Umfrage der Körber Stiftung von 2024 ergab, dass das âVertrauen in die Demokratieâ bei 51 Prozent der Deutschen âweniger groĂâ oder âgeringâ war. Der Bundesregierung brachten nur noch 18 Prozent âgroĂesâ oder âsehr groĂesâ Vertrauen entgegen.
Wer hierzulande mit den Landesmedienanstalten oder Politikern darĂŒber spricht, wie der demokratiezersetzenden Hetze im Netz Einhalt geboten werden kann, hört immer wieder einen Satz, der auf George Orwells Roman 1984 verweist: Der Staat dĂŒrfe âkein Wahrheitsministeriumâ sein, nicht ĂŒber Wahrheit oder Unwahrheit von Inhalten entscheiden. Die Redefreiheit sei dann nicht mehr gewahrt.
Eine sehr nachvollziehbare Position. Was aber dann?
Seit April 2021 beobachtet der Verfassungsschutz in Deutschland einen neuen PhĂ€nomenbereich namens âDelegitimierung des Staatesâ. Viele erinnert schon die Formulierung an die DDR, in der Regimekritik einen Knastaufenthalt in Bautzen nach sich zog.
Seit 2024 versucht die EU, mit dem [9][Digital Services Act] (DSA) gegen Desinformation im Netz vorzugehen. Auch in Deutschland werden dazu seither von der Bundesnetzagentur sogenannte [10][Trusted Flagger] registriert, die den Plattformbetreibern bevorzugt kritische Inhalte zur Löschung melden dĂŒrfen. Als dies bekannt wurde, tobten rechte Medien ĂŒber vermeintliche Zensur.
Sie störten sich vor allem daran, dass so auch Inhalte unterhalb der Strafbarkeitsgrenze nach politischen PrĂ€missen von den Plattformen gelöscht werden mĂŒssen. Diese Kritik kam vor allem von solchen Plattformen, deren GeschĂ€ftsmodell es ist, Hass, Hetze und Fake News zu verbreiten. Aber sie hat einen Punkt.
In Singapur fĂŒrchten viele nicht nur Desinformation aus China, sondern auch den Einfluss dschihadistischer Gruppen aus den islamischen NachbarlĂ€ndern. Alles, was als Hetze gegen eine der Bevölkerungsgruppen verstanden werden kann, versucht man in Singapur zu ahnden â unter anderem mit dem POFMA.
77 Prozent der Bevölkerung bringen der Regierung Umfragen zufolge groĂes oder sehr groĂes Vertrauen entgegen. Auch wenn es keine wirklich unabhĂ€ngigen Institute fĂŒr diese Umfragen gibt, dĂŒrfte dieser Meinungstrend zutreffend dargestellt sein. Neue Regelungen, etwa zum Klima- oder Gesundheitsschutz kann die Regierung mit solchem RĂŒckhalt in kĂŒrzester Zeit beschlieĂen und durchsetzen.
Um die Gefahr der Destabilisierung im Netz einzudÀmmen, setzt Singapur auf einen rigorosen Kurs und bleibt so politisch handlungsfÀhig. Immer deutlicher zeigt sich aber, welche Risiken das birgt.
Am 12. Dezember 2024 veröffentlichte das Portal Bloomberg in Singapur einen Artikel des Investigativjournalisten Low De Wei. Darin beschrieb er zweifelhafte ImmobiliengeschÀfte, in die unter anderem ein amtierender singapurischer Minister und ein Ex-Minister verstrickt waren. Beide klagten gegen Bloomberg, gleichzeitig aber behauptete die Regierung, De Weis Artikel enthalte Unwahrheiten.
Die POFMA-Behörde wies Bloomberg â Platz 23 der gröĂten Medienkonzerne weltweit, 13 Milliarden Dollar Umsatz â an, eine âBerichtigungâ ĂŒber dem Artikel zu platzieren.
Seit dem 23. Dezember steht auch dort nun: âDieser Beitrag enthĂ€lt falsche Tatsachenbehauptungen. Die richtigen Fakten finden Sie unter âŠâ und dann der Link zur Darstellung der Regierung. Die lĂ€uft darauf hinaus, dass an den VorwĂŒrfen nichts dran sei und in der Regierung niemand etwas falsch gemacht habe. Ein Gerichtsurteil zu den Klagen der Minister gibt es bis heute nicht.
Der Fall von Low De Wei ist umso erstaunlicher, weil es eigentlich zum SelbstverstĂ€ndnis der PAP gehört, nicht die kleinste Toleranz bei Korruptionsverdacht zu zeigen. Im âKorruptionswahrnehmungsindexâ von Transparency International steht das Land weltweit auf Platz 3.
Parvathi sagt, sie habe âAngst vor Geldstrafen, die ich mir nicht leisten kann, und vor GefĂ€ngnisstrafenâ. Noch mehr aber fĂŒrchte sie, was geschehe, wenn man ânicht fĂŒr die Wahrheitâ eintrete. âIch habe vor allem Angst, dass ich meinen moralischen Kompass verliere und meine IntegritĂ€t verrate, wenn ich das nicht tue.â
Desinformation ist ihrer Ansicht nach vor allem deshalb ein Problem, weil traditionelle Medien und Online-Netzwerke âvom GroĂkapital und den politischen Eliten kontrolliertâ werden. Singapur sollte eine Warnung fĂŒr jede Gesellschaft sein, deren Regierung Gesetze plant, die die Meinungsfreiheit auf diese Weise beeintrĂ€chtigen, sagt sie. Es sei gefĂ€hrlich, âeine oberste AutoritĂ€t fĂŒr die Wahrheitâ zu akzeptieren und staatlichen Behörden die Entscheidung darĂŒber zuzugestehen, âwas wahr und was falsch istâ.
25 Nov 2025
LINKS
[1] /Machtwechsel-in-Singapur/!6010728
[3] https://transformativejusticecollective.org/
[4] https://www.instagram.com/learningfromthemargins
[5] https://impact.economist.com/projects/safe-cities/
[8] https://freedomhouse.org/explore-the-map?type=fiw&year=2025&country=SGP
[9] /Digital-Markets-und-Digital-Services-Act/!5992274
[10] /Welt-diffamiert-Behoerde/!6042017
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