taz.de -- Neue Nutzung von Kirchen: Ommmm statt Amen
In Deutschland stehen vielerorts Kirchen leer oder werden sogar abgerissen. Dabei lassen sich die GebĂ€ude fĂŒr so viel anderes nutzen.
GotteshĂ€user mĂŒssen nicht bis in alle Ewigkeit GotteshĂ€user bleiben. Aus alten Kirchen können Buchhandlungen, Kletterhallen, Yogastudios oder Wohnungen werden, wie Beispiele aus aller Welt (und auf den folgenden Seiten) zeigen. Die Frage, [1][was mit leerstehenden KirchengebĂ€uden geschehen soll], wird sich in Zukunft in Deutschland vermehrt stellen: Sowohl die katholischen als auch die evangelischen Kirchengemeinden schrumpfen weiterhin dramatisch â beide haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten jeweils mehr als 6 Millionen Mitglieder verloren. Viele GemeinderĂ€ume werden deshalb nicht mehr fĂŒr religiöse Zwecke gebraucht. Von insgesamt etwa 45.000 KirchengebĂ€uden in Deutschland könnten schon bis 2033 rund 10.000 Kirchen, Kapellen und PfarrhĂ€user aufgegeben werden, schĂ€tzen Expert:innen.
Eigentlich könnte das fĂŒr Kommunen auch ein Grund zum Jubeln sein, mangelt es doch allerorten an Raum (fĂŒr Neues). Oft genug aber werden die Kathedralen immer noch abgerissen, wie zuletzt etwa die Zufluchtskirche in Berlin-Spandau, St. Norbert in Kaiserslautern oder viele Nachkriegskirchen im Ruhrpott. Karin Berkemann, Professorin fĂŒr Baugeschichte und Denkmalpflege an der Hochschule Anhalt in Dessau, sagt, es fehle hĂ€ufig an Zeit und Geduld bei der Nachnutzung von Kirchen. âDie Kirchengemeinden vor Ort dĂŒrfen mit dem Finanzdruck nicht alleingelassen werden. Denn sonst schlieĂen sie ihre Kirchen zu voreilig und verkaufen sie oft auf Abriss.â Es brauche aber Zeit, um Investoren zu finden, [2][Nachnutzer:innen zu gewinnen, die Sanierung zu konzipieren]. Ein GrundstĂŒck zu verkaufen, sei da oft die leichtere und lukrativere Lösung. âAus dieser Logik des schnellen AbstoĂens der KirchengebĂ€ude mĂŒssen wir raus.â
Karin Berkemann hat 2024 das Manifest âKirchen sind GemeingĂŒter!â mitinitiiert, das unter anderem von der Bundesstiftung Baukultur und der Deutschen Stiftung Denkmalschutz mitgetragen wird. Knapp 23.000 Unterzeichner:innen hat die Petition. Die Kernanliegen: Kirchen sollen als gemeinwohlorientierte RĂ€ume erhalten werden, Stiftungsmodelle oder eine ganz neue Stiftungslandschaft sollen zu diesem Zweck entstehen.
âWichtig ist, dass die GebĂ€ude in öffentlicher Nutzung bleiben. Das sage ich als Denkmalpflegerin, die sich um den Zustand der Kirchenbauten sorgtâ, erklĂ€rt Berkemann im TelefongesprĂ€ch. âWenn Sie mich als Theologin fragen, wĂŒrde ich mir mehr Mischnutzungen wĂŒnschen, also dass sich Kirchengemeinden und nichtreligiöse Gruppen die RĂ€ume öfter teilen, als dies bislang geschieht.â Bei der Finanzierung mĂŒsse man dann kreativ sein. Berkemann könnte sich vorstellen, dass die Staatsleistungen fĂŒr Kirchen in einen Fonds zur Kirchennachnutzung flieĂen. In 14 BundeslĂ€ndern erhalten religiöse Gemeinden diese Staatsleistungen aufgrund von GebĂ€udeenteignungen aus frĂŒheren Jahrhunderten, ĂŒber 600 Millionen Euro wurden 2024 bundesweit an Kirchen ausgezahlt.
Kein neues PhÀnomen
Das Thema der Sakralraumtransformation â wie es fachlich auch genannt wird â scheint dabei langsam in Politik und Zivilgesellschaft anzukommen. Wenn Kirchen sĂ€kular nachgenutzt werden, spricht man bei katholischen Kirchen von Profanierung, bei evangelischen von Entwidmung. Die beiden groĂen christlichen Kirchen halten es mit der Heiligkeit ihrer GebetsrĂ€ume etwas unterschiedlich: Nach evangelischem VerstĂ€ndnis sind Kirchen âin usuâ heilig, also im Gebrauch, katholische Kirchen werden dagegen geweiht â mĂŒssen also auch entweiht werden, wenn sie zweckentfremdet werden sollen. Und noch etwas muss bei der Neu- und Nachnutzung berĂŒcksichtigt werden: der Denkmalschutz. Etwa 90 Prozent der Kirchen in Deutschland sind denkmalgeschĂŒtzt.
Dass einst als heilig geltende Orte verweltlicht werden, ist dabei eigentlich alles andere als ein neues PhĂ€nomen. Bereits wĂ€hrend der Reformation im 16. Jahrhundert wurden aus Klöstern zum Beispiel Schulen oder landwirtschaftliche Betriebe. In jĂŒngerer Zeit waren die sehr sĂ€kularen Niederlande Vorreiter fĂŒr Umnutzung, dort gehören nur noch rund 30 Prozent der Bevölkerung den groĂen christlichen Kirchen an, in Deutschland ist es noch etwa die HĂ€lfte.
Unsere Nachbar:innen haben vorgemacht, was aus Kirchen werden kann â etwa eine Brauerei, ein Trampolinpark oder ein Buchladen. Ein Blick ins Ausland lohnt dabei immer; im litauischen Vilnius wird eine Kirche als Restaurant genutzt, das unter anderem von Menschen mit Behinderung betrieben wird.
In Berlin hat sich im Herbst eine Arbeitsgruppe zur Kirchennachnutzung aus Senatsmitarbeiter:innen und Vertreter:innen des Erzbistums Berlin sowie der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg gegrĂŒndet. Sie berĂ€t nun ĂŒber 300 Kirchen in der Hauptstadt, die in den kommenden Jahren frei werden sollen. Silke Lechner ist stellvertretende Beauftragte fĂŒr Kirchen, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften des Berliner Senats und Teil der Arbeitsgruppe. âWir haben ein Interesse daran, dass diese GebĂ€ude eben nicht verschleudert und privatwirtschaftlich genutzt werden, sondern dem Land Berlin erhalten bleibenâ, sagt sie im Videochat. ââDie Kirche im Kiez lassenâ ist unser Motto. Die GebĂ€ude sollen weiter dem Gemeinwesen dienen.â Auch Lechner betont die besondere Verantwortung fĂŒr die Bauten und die religiösen Gemeinschaften, die diese genutzt haben. âWir verfolgen zugleich das Ziel, dass RĂ€umlichkeiten fĂŒr kleinere Religionsgemeinschaften gesichert werden. Wir wollen nicht, dass diese an den Rand gedrĂ€ngt oder aus ihren HĂ€usern vertrieben werden.â Auch Lechner sieht die Mischnutzung von kulturellen, zivilgesellschaftlichen, sozialen und eben auch religiösen Gruppen als Königsweg.
Soziale Nachnutzung und Begegnungsorte
Aber natĂŒrlich können die Kirchen auch zu Wohnraum werden, der in vielen StĂ€dten knapp ist. In Berlin gibt es in Schöneberg, Kreuzberg und in WeiĂensee (im Bau) schon einige Beispiele dafĂŒr, die jedoch eher im hochpreisigen Segment liegen. Vielleicht braucht auch Berlin ein Manifest â eines fĂŒr die soziale Nachnutzung der Kirchen. Obdachlosenheime, Sozialwohnungen und GeflĂŒchtetenunterkĂŒnfte unterm Kirchendach? Angesichts der Wohnraumkrise wĂ€re das eine so naheliegende wie bedenkenswerte Utopie.
Das Know-how ist dabei lĂ€ngst da, in vielen StĂ€dten haben ArchitekturbĂŒros Expertise bei der Kirchenumnutzung. So hat das BĂŒro Bundschuh in Berlin mehrere Kirchenumbauten vorgenommen, in Hannover und Goslar haben Gert Meinhof und Dirk Felsmann zuletzt einige Projekte realisiert. Das Entwicklerduo wies kĂŒrzlich in der FAZ darauf hin, dass âes preiswerter und ökologisch sinnvoller ist, den Bestand zu erhalten und behutsam nachzunutzen, als alles komplett abzureiĂen und neu zu bauen. Gerade bei Kirchbauten, die ja meist in zentralen schönen Lagen errichtet wurden.â
Auch Kunst- und Architekturwissenschaftlerin Stefanie Lieb, Expertin fĂŒr Kirchennachnutzung, sagt, der nachhaltigere Weg sei in Zeiten der Klimakrise die Umnutzung. Im Sommer brauche es kĂŒnftig vermehrt kĂŒhle RĂ€ume, welche die Kirchen bieten könnten. Und fĂŒr den Winter sei der Einbau intelligenter neuer Heizsysteme sicher ökologischer als der Abriss.
Denkmalpflegerin und Theologin Karin Berkemann will, dass die Kirchen in neuer Form eine alte Funktion beibehalten: die des Zusammenkommens. âDie Demokratieforschung sagt, dass es [3][eine alltĂ€gliche Begegnung zwischen Menschen] braucht, mit denen wir uns sonst vielleicht nicht treffen wĂŒrden, die nicht zu unserer Bubble gehörenâ, sagt sie. Diese Funktion der Kirche sei oft verloren gegangen, werde aber auch in einer sĂ€kulareren Gesellschaft benötigt â gerade in einer instabilen Zeit wie der heutigen. âDemokratie können wir nicht mehr einfach voraussetzen, sondern wir mĂŒssen an ihr arbeitenâ, sagt sie. Kirchen als Demokratieorte? Auch da geht doch noch was. Jens Uthoff
Maastricht: Vom Kloster zur Buchhandlung
Der BuchhĂ€ndler Ton Harmes ist leidenschaftlicher Liebhaber seines GeschĂ€ftsgebĂ€udes, des 700 Jahre alten frĂŒheren Dominikanerklosters mitten im niederlĂ€ndischen Maastricht. Er hat dort 2006 einen riesigen Buchladen eröffnet, der 74-JĂ€hrige spricht heute vom âspirituellen Inhalt als Treibstoffâ fĂŒr sein GeschĂ€ft. Mit seiner Liebe ist er nicht allein: 2007 adelte der britische Guardian seinen Boekhandel Dominicanen zur âschönsten Buchhandlung der Weltâ, sie sei âwie im Himmel erschaffenâ. Das deutsche Geo-Magazin sekundierte spĂ€ter: âGöttlichâ. Mittlerweile, so Harmes, kĂ€men mehr als eine Million Menschen pro Jahr zu Besuch.
Das Besondere an der Buchhandlung sind die begehbaren zweigeschossigen Regalkonstruktionen. Im zweiten Stock, auf gut acht Metern Höhe, öffnen sich den Besuchern umringt von BĂŒcherwĂ€nden immer neue Blicke ins Kirchenschiff, und man ist den restaurierten Deckenmalereien aus dem Mittelalter und der Barockzeit ziemlich nah. Die riesigen Regale sind aus Eisen und 30 Meter lang. Wie Schachteln wurden sie denkmalschutzgerecht in die gotische Halle hineingestellt und teils um die mĂ€chtigen SĂ€ulen herumgebaut. âWir berĂŒhren das GebĂ€ude nichtâ, sagt Harmes. Der gesamte Raum scheint auf magische Weise gewachsen, obwohl die RegalwĂ€nde so viel Platz einnehmen. FĂŒr ihr Konzept erhielt das Amsterdamer ArchitekturbĂŒro Merkx+Girod seinerzeit den NiederlĂ€ndischen Innenarchitekturpreis.
Die Dominikaner sind dabei schon seit den Zeiten Napoleons raus. Im Jahr 1815 ging das GebĂ€ude in den Besitz der Stadt ĂŒber â und wurde immer nur gelegenheitsgenutzt, mal als Konzertsaal, mal als Schlachthaus, nach dem Krieg fĂŒr den Kinderkarneval, dann als Parkhaus fĂŒr Hunderte FahrrĂ€der. Bis Harmes die Kirche vor knapp 20 Jahren pachtete.
Der Lesetisch im alten Altarbereich hat die Form eines angedeuteten Kreuzes. Den Cappuccino machen die Coffeelovers von Blanche Dael, einem kleinen Maastrichter Fairtrade-Kaffeeröster. Manche rĂŒmpften die Nase, profaner Genuss an diesem heiligen Ort? âNein, passtâ, sagt Harmes, âdas ist doch der Ort des Abendmahls.â Etwa 170 Veranstaltungen gibt es jĂ€hrlich: Lesungen, Konzerte, Diskussionsrunden.
Die Ă€lteste Stadt der Niederlande hat noch viele andere umgenutzte Sakralbauten â ein Naturkundemuseum, ein Info-Center der Uni und ein ModegeschĂ€ft befinden sich heute dort. Eine frĂŒhere Kirche gleich am Maasufer war lange eine Disco, dann eine Turn- und Fitnesshalle, spĂ€ter ein GemĂŒsemarkt. Im benachbarten Heerlen wird eine Kirche gerade zum Schwimmbad. Besonders spektakulĂ€r: das Maastrichter Kreuzherrenkloster von 1440, heute zum FĂŒnfsternehotel umgebaut. Auf zwei Etagen sind im Kirchenschiff die Restauranttische fĂŒr gotteslĂ€sterliche Völlerei untergebracht, darĂŒber schweben wie Ufos die meterbreiten Lampen des MĂŒnchner Lichtdesigners Ingo Maurer. 60 Betten gibt es in den SeitenflĂŒgeln. Doppelzimmer ohne FrĂŒhstĂŒck: 206 bis 430 Euro die Nacht. Ob es zum Trost konservativer Kirchenkreise wenigstens die Bibel bei BuchhĂ€ndler Harmes zu kaufen gebe? âAber ja, natĂŒrlichâ, sagt der, âund den Koran und die jĂŒdische Bibel auch.â Bernd MĂŒllender
Berlin: Filmset und Konzertsaal
Lange Zeit stand dort, wo Isabel Schubert nun schnellen Schrittes die Treppe hinaufgeht und durch einen SĂ€ulengang schreitet, eine komplett zugewucherte Kirchenruine. Eine einigermaĂen berĂŒhmte sogar. Karl Friedrich Schinkel errichtete hier in der Berliner InvalidenstraĂe zwischen 1832 und 1835 im Auftrag des preuĂischen Königs Friedrich Wilhelm III. die Kirche St. Elisabeth. Damals befand sich hier nicht Berlin-Mitte, sondern die Rosenthaler Vorstadt, âein armes Arbeiterviertel am Rande Berlins, in dem die Menschen meist in prekĂ€ren VerhĂ€ltnissen lebtenâ, wie Isabel Schubert erklĂ€rt. âDer König wollte die Ă€rmeren Stadtviertel aufwerten und hat âzur moralischen Erhebung der VerhĂ€ltnisseâ â wie er es nannte â vier Kirchen in den VorstĂ€dten errichten lassen.â Im Zweiten Weltkrieg wurde St. Elisabeth dann zerstört, bis in die neunziger Jahre rottete die Ruine vor sich hin â ehe eine Kulturkirche an diesem Ort entstand.
Isabel Schubert ist Kulturmanagerin und arbeitet seit 2006 fĂŒr das Kultur BĂŒro Elisabeth (KBE), das aus der einstigen Kirche den heutigen Veranstaltungsort gemacht hat. Schubert hat das Projekt fast von Beginn an begleitet, ist heute dessen kĂŒnstlerische Leiterin. Die 50-JĂ€hrige fĂŒhrt nun hinein ins Innere der Kirche mit ihrer prĂ€chtigen hohen Decke und der runden Apsis, dem ehemaligen Altarraum, der heute oft als BĂŒhne dient. Im Jahr 1990 fing man an, die Kirchenruine StĂŒck fĂŒr StĂŒck wiederherzustellen, im Jahr 2003 begann die kontinuierliche Nutzung fĂŒr Kulturveranstaltungen. Der vor einigen Jahren verstorbene Architekt Klaus Block, der viele Kirchensanierungen und -umbauten in Berlin begleitet hat, lieĂ unter anderem die Fassade und das Dach erneuern; seine PlĂ€ne werden bis heute realisiert. Aktuell werden zwei Seitenemporen, die Teil der Dachkonstruktion sind, ausfahrbar gemacht, sodass sie als weitere BĂŒhnenflĂ€che genutzt werden können.
Die stĂ€ndige Erweiterung ist Konzept beim Kultur BĂŒro Elisabeth. Gleich mehrere kirchliche Orte â darunter die angrenzende Villa Elisabeth, die Sophienkirche und die Zionskirche â bespielt die Initiative. Die meisten Veranstaltungen finden allerdings in den beiden âHaupthĂ€usernâ, St. Elisabeth und der Villa Elisabeth, statt. Zwölf Mitarbeiter stemmen um die hundert Veranstaltungen im Jahr, davon etwa 50 im kuratierten Konzertprogramm. Das Festival Tanz im August ist zum Beispiel jĂ€hrlicher Gast, Orchester, Chöre und Ensembles der Freien Szene Berlins geben Konzerte. All das gelingt dem KBE-Team ohne dauerhafte öffentliche Förderung; refinanziert werden die Kulturveranstaltungen unter anderem durch Vermietung an Firmen, fĂŒr Filmdrehs, Werbeevents oder Kongresse.
Schubert legt Wert darauf, dass das Kultur BĂŒro Elisabeth den religiösen Hintergrund der GebĂ€ude mitdenkt. âBei der Kuration achte ich darauf, dass die Veranstaltungen mit der WĂŒrde des Ortes zusammenpassenâ, sagt sie. âWenn die Kirche etwa nur als Kulisse zur Provokation dienen soll, lehnen wir Projekte eher ab. DafĂŒr entwickelt man mit der Zeit ein GespĂŒr.â
Die Architektur des GebĂ€udes wirkt dabei fast ĂŒberwĂ€ltigend, man blickt zur ĂŒber 13 Meter hohen Decke auf, die alten Klinkersteine der SeitenwĂ€nde gehen ĂŒber in das moderne Glasdach, das den Raum mit Licht durchflutet. Der Besucherraum hat 315 Quadratmeter, ohne jegliche BĂ€nke darin kommt er einem sehr weit vor. Rechts und links neben dem einstigen Altarraum an der Front ragen die ehemaligen Sakristeien wie TĂŒrme auf. Der alte Schinkel scheint hier mit dem neuen Block organisch zusammengewachsen zu sein.
âMan spĂŒrt, dass von KirchengebĂ€uden eine ungeheure Kraft ausgehen kannâ, sagt Schubert, wĂ€hrend sie weiter durch den Raum streift. âEinzig auf die praktische Nutzung zu setzen und den spirituellen Charakter auĂen vor zu lassen, funktioniert daher nicht. Man muss alle Aspekte zusammendenken.â FĂŒr sie bedeutet das auch, die Geschichte dieses Ortes mitzuerzĂ€hlen. In der NS-Zeit sei dies eine sehr braune Kirchengemeinde gewesen, dominiert von den Deutschen Christen. Schubert hat auf dem AuĂengelĂ€nde zu dieser Epoche einen Info-Point errichtet; auch auf der Website kann man die NS-Geschichte der Kirche nachlesen.
Die Arbeit des Kultur BĂŒros Elisabeth lĂ€sst sich mit den Worten Karl Schefflers zum Zustand Berlins Anfang des 20. Jahrhunderts treffend beschreiben: âverdammt, immerfort zu werden und niemals zu seinâ. Es wurden weiter neue Orte erschlossen, vor drei Jahren hat das KBE das FriedhofscafĂ© Lisbeth eröffnet, einen Begegnungs- und Kulturort, der insbesondere den Themen Abschied, Ăbergang und Trauer Raum gibt. Und in Zukunft sollen die HaupthĂ€user mit einer Geothermie-Anlage ausgestattet werden und endlich eine vernĂŒnftige Heizung bekommen. Nachhaltigkeit ist dabei ein Stichwort, das Isabel Schubert wichtig ist, das sie aber auch in dem Sinne definiert, âwie etwas nachwirktâ. Sie sagt: âWenn man in so einem Raum ein tolles, schönes Erlebnis hatte, dann kann man das auch als nachhaltig bezeichnen.â Dass diese Kathedrale in Berlin-Mitte fĂŒr solche Erfahrungen wie geschaffen ist, weiĂ jeder, der sie mal besucht hat. Jens Uthoff
Staig: Wo die Kirche im Dorf bleiben soll
Nirgends hat das âOmmâ von Yogatrainerin Heike SeemĂŒller bislang so gewaltig gehallt wie vor dem ehemaligen Altar der Marienkirche im schwĂ€bischen Dorf Staig bei Ulm. Hinter ihr thront wĂ€hrend der Ăbungen ein glĂ€sernes Abbild von Jesus, rund fĂŒnfzig Yogis rollen ihre Matten dort aus, wo einst BetbĂ€nke standen. WĂ€hrend die bunten Bleiglasfenster den Raum in warmes Licht tauchen, schlĂ€gt die Trainerin gegen ihre Klangschale. âGenieĂt jeden Atemzugâ, flĂŒstert sie. Und die Kursteilnehmer:innen scheinen ihr zu folgen.
Der Saal, in dem die Yogis erst in den herabschauenden Hund, dann den VierfĂŒĂlerstand gefĂŒhrt werden, stand jahrzehntelang leer. Mitte der 1960er baute die katholische Gemeinde eine neue Kirche im Ort, die alte Marienkirche sollte abgerissen werden. Doch die Denkmalbehörde stoppte das Vorhaben. Das GemĂ€uer verkam, Tauben nisteten im einstigen Gotteshaus.
In den 1980er Jahren ĂŒbernahm dann der Restaurator Peter Rau die heruntergekommene Kirche fĂŒr eine symbolische D-Mark. Er profanierte sie, investierte einen Millionenbetrag. Jetzt will er sein Lebenswerk fĂŒr rund 1,5 Millionen Euro verkaufen â am liebsten zurĂŒck an die Gemeinde. Doch die lehnt ab. Was also tun mit der Kirche, die schon wieder niemand will?
Eine Gruppe aus Dorfbewohner:innen hat eine Antwort: Im Mai 2025 grĂŒndeten 14 Personen aus der Gemeinde die Interessengemeinschaft âZukunft Marienkircheâ. Das ehrenamtliche Team entwickelte einen Plan, um die Marienkirche im Dorf zu halten. âUnser Ziel war es erst mal, dieses Haus in die Ăffentlichkeit zu bringenâ, sagt Ulrike Geiselmann, die sich in der Interessengemeinschaft engagiert. Denn die meisten der rund 3.000 Dorfbewohner:innen haben die RĂ€ume noch nie von innen gesehen.
Geiselmann findet, die Marienkirche könne eine LĂŒcke fĂŒllen. Das Sportangebot im Ort sei zwar schon super, doch fehle es an Kultur. âWenn junge Leute hier was unternehmen wollen, mĂŒssen sie eigentlich in die nĂ€chste Stadt fahrenâ, erklĂ€rt sie. Die Interessengemeinschaft organisierte also Konzerte, ein CafĂ©, Yoga, einen Kabarettabend. âHunderte Menschen kamen und unterschrieben, dass die Kirche im Dorf bleiben sollâ, sagt Geiselmann. Doch die Gemeinde verweist noch immer auf fehlende Mittel.
Die Interessengemeinschaft hat nun einen Plan entwickelt: Sie möchte eine Genossenschaft grĂŒnden, mit der sie die Kirche kaufen will. Genoss:innen sollen Anteile fĂŒr je 1.000 Euro erwerben können, der Rest wird von der Bank geliehen. Vorstand, Aufsichtsrat und viele helfende HĂ€nde sollen die Kirche dann zu einem generationsĂŒbergreifenden Anlaufpunkt fĂŒr den ganzen Ort machen. Nun gilt es, Menschen aus der Region von dem Vorhaben zu ĂŒberzeugen: âEs braucht seine Zeit, Genoss:innen zu findenâ, sagt Geiselmann.
Wie die 61-JĂ€hrige sich die Zukunft ausmalt? Ein volles CafĂ© im grĂŒnen Vorgarten der Marienkirche, ein Konzert an einem lauen Sommerabend, sonntags vielleicht eine Hochzeit oder ein Kindertheater â so ihre Visionen fĂŒr das GelĂ€nde. Obwohl der Plan in weiter Ferne und der Kaufpreis hoch ist, bleibt sie optimistisch. Denn als sie im Sommer auf ihrer Yogamatte kniete und sich zum Summen der Klangschale entspannte, brach ein Sonnenstrahl durch das bunte Bleiglasfenster direkt auf ihre Matte. âSchon da war mir klar: Wir werden es schaffen, die Kirche in unsere HĂ€nde zu bekommenâ, sagt Ulrike Geiselmann. Leon Scheffold
Mönchengladbach: Richtung Himmel klettern
Der Anfang war mĂŒhsam, im Nachhinein komisch. âIm Radio hatte ich gehört, dass St. Peter endgĂŒltig aufgegeben wirdâ, sagt Simone Laube, leidenschaftliche Kletterin aus Mönchengladbach. Diese Kirche, dachte die 53-JĂ€hrige, könnte man doch zum Kletterparadies umbauen. âAber, wie kommt man an eine Kirche?â
Anrufe bei der Stadt, beim Bistum, der Kirchengemeinde. âAuf meinen Wunsch: Ich will die Kirche kaufen oder mieten, kam immer zuerst: Totenstille âŠâ Ja wie, was, klettern? Der Pfarrer habe gefragt, âob wir Nachfahren von Luis Trenkerâ â bekannt fĂŒr seine Bergsteigerfilme â seien. Erst der Kirchenvorstand gab zurĂŒck: âCharmante Idee.â
Die UmsetzungsplĂ€ne begannen Ende der Nullerjahre, auch sie gestalteten sich schwieriger als gedacht. âFĂŒr Banken war das völlig neu, fĂŒr Stadt, Denkmalschutzbehörde und Architekten auch. Und das Bistum wollte uns erst nicht aus seinem teuren Versicherungspool lassen.â Doch Simone Laube blieb beharrlich, sie eröffnete 2010 âdie einzige katholische Kletterkirche der Weltâ, wie sie sagt. Laube ist PĂ€chterin des KirchengebĂ€udes. âIch habe einen Traum verwirklicht.â
Jetzt am frĂŒhen Nachmittag ist es ziemlich leer. Die 12-jĂ€hrige Juliana ist gerade da, AnfĂ€ngerin. Die Chefin selbst sichert am Seil und redet ihr gut zu. âVertrau mir, es kann nichts passieren âŠâ Juliana kommt dem Himmel fast drei Meter nĂ€her. âDu wirst immer besserâ, hört sie wenig spĂ€ter und erwidert schĂŒchtern âgutâ, noch staunend ĂŒber ihre Fortschritte in der Senkrechten.
Vormittags kommen oftmals Schulklassen, nachmittags viele SchĂŒler:innen einzeln, auch Kinder ab 5 Jahren zum Schnupperkletterkurs. Abends ist es voll, sagt Laube, da kommen die Fortgeschrittenen und Könner:innen, am Wochenende oft im Familienverbund. Es warten 42 Seile, gut 200 Routen, unzĂ€hlige bunte Tritte und Griffe; auf 1.300 Quadratmetern, bis 13 Meter Höhe, mit Ăberhang unter der Decke. All das hatte 2013 auch der damals 9 Jahre alte Leander Carmanns hier ĂŒber sich. Heute ist Carmanns 21 und Vizeweltmeister im Speedklettern. 2028 ist Olympia. âUnd der Leander holt Goldâ, ist sich Laube sicher.
Die kirchliche Anmutung ist im umgebauten GebĂ€ude stellenweise geblieben: die groĂen runden Seitenfenster mit den bunten Mosaiken, die Weihwasserbecken im Eingangsbereich, eine kleine Glocke, ein paar alte dunkle BetbĂ€nke zwischen den drei KletterwĂ€nden zum Zugucken. Die Bar (Kaffee, Kuchen, Kreide, Leihgurte und Leihschuhe) ist aus dem Holz des ehemaligen Kircheninterieurs gezimmert. Im Seitengang findet sich ein AnfĂ€ngerparcours, schrĂ€g hinter der Kirche eine Anlage zum Outdoor-Bouldern, beide mit dicken Matten.
Die Griffe aus Epoxidharz gehen bei der Nutzung mit der Zeit kaputt, sie wĂ€ren dann eigentlich als SondermĂŒll zu entsorgen. Aber verschlissene Teile wegzuwerfen findet Laube nicht nachhaltig, âalso upcycle ich sie selbstâ.
Neben diesem Ăko-Nebenjob ist die gelernte Zahntechnikerin auch zur PĂ€dagogin geworden. âMan kann jungen Menschen hier Werte vermitteln, man lernt Kontrolle abzugeben, Verantwortung zu ĂŒbernehmen, immer Respekt zu haben vor den anderen und den Gefahren. Vertrauen lernen, sich auf andere verlassen.â Und, was sie immer wieder beobachtet: Kinder und Jugendliche reden in der Kletterhalle ĂŒber ihre Ăngste. âWo gibtâs das sonst! Klettern ist eine pĂ€dagogische Schatzkiste.â Bernd MĂŒllender
12 Jan 2026
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