taz.de -- Russische Öl-Einnahmen: Die Preise fallen unter die Schmerzgrenze
Russland bekommt die Folgen der westlichen Sanktionen inzwischen hart zu spüren. Doch ein wirtschaftlicher Kollaps ist noch nicht in Sicht.
Dem russischen Staat machen die westlichen Sanktionen immer mehr zu schaffen. Die Einnahmen aus Ölexporten sind im November auf den niedrigsten Stand seit der russischen Vollinvasion in die Ukraine gefallen. Das belegen die Zahlen des finnischen Centre for Research on Energy and Clean Air (Crea).
Mit dem jüngsten, [1][dem 19. EU-Sanktionspaket] wurde der Leiter eines neu eingerichteten Masterstudiengangs „Umgehung von Sanktionen“ an Moskaus Higher School of Economics auf die Strafliste Europas gesetzt. Der Kreml versucht alles, um seine Exporterlöse aus Verkäufen von Öl und Gas hoch zu halten. Rund 800 Schiffe, meist alt und keines mehr mit dem Schutz weltweit anerkannter Versicherungsunternehmen ausgestattet, bringen russisches Öl unter Umgehung der westlichen Sanktionen auf die Märkte – zumeist nach China, Indien und in die Türkei.
„Wir machen es Moskau immer schwerer, sein Öl zu vernünftigen Preisen zu verkaufen“, sagt der EU-Sanktionsbeauftragte David O’Sullivan. Tatsächlich bekommt das Land seit Wochen pro Barrel (159 Liter) exportierten Rohöls nur noch maximal 40 Dollar, so wenig wie zuletzt in der Coronakrise, in der die Energienachfrage drastisch einbrach. Aktuell wird für Öl, das vom russischen Hafen Noworossijsk exportiert wird, pro Barrel nur noch 34,50 Dollar gezahlt.
Angesichts deutlich höherer Förderkosten in Russland gegenüber konkurrierenden Konzernen in arabischen Ländern ist damit die Schmerzgrenze erreicht. Die Folgen für Russlands Staatshaushalt sind dramatisch. „Langsam, aber sicher“ würden die Sanktionen gegen den Kreml Wirkung zeigen, sagt O’Sullivan. Auch Indien hat russische Ölkäufe inzwischen gedrosselt.
Ebbe in den Kreml-Kassen
Aber: Auch wenn die Ölausfuhren klar rückläufig sind, erlöst Moskau noch immer 489 Millionen Euro mit Exporten fossiler Brennstoffe – pro Tag. Und zwei Drittel der Öllieferungen würden mit der russischen „Schattenflotte“ transportiert, die unter westlichen Sanktionen gestellt wurde, so die Crea-Ermittlungen. Vor dem Überfall der Ukraine wurden durch Energieexporte täglich etwa 1 Milliarde Euro in russische Kassen gespült. Vor allem die [2][von US-Präsident Donald Trump im Oktober verhängten Strafmaßnahmen] gegen die größten russischen Ölkonzerne, die mehrheitlich staatliche Rosneft und die private Lukoil, haben bisherige Kund:innen verunsichert.
Die geringere Absatzmenge und der überbewertete Kurs des Rubels haben inzwischen zur Ebbe in den Kreml-Kassen geführt: Hatte das Finanzministerium für 2025 ursprünglich mit einem Haushaltsdefizit von 0,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) gerechnet, lag dies bereits vor dem traditionell extrem ausgabenstarken Dezember bei 1,7 Prozent. Auf das Gesamtjahr gerechnet gehen Ökonomen von einem Haushaltsdefizit von 2,6 bis 3,1 Prozent aus.
Besserung ist nicht in Sicht: Moskaus Wirtschaftsministerium berechnet in der jüngst vorgelegten 20-Jahres-Prognose bis 2042 stetige Haushaltsdefizite voraus, in Höhe von 2,9 Prozent im positiven und 8,4 Prozent im negativen Szenario. Demnach steigen die Staatsschulden in dem seit zwei Jahrzehnten wegen seiner großen Energieexporte mit Haushaltsüberschüssen verwöhnten Land von heute 17,7 Prozent des BIP auf 32,2 (positives Szenario) bis 70 Prozent (negatives Szenario).
Das positive Szenario geht laut dem vom Moskauer Wirtschaftsblatt Wedomosti veröffentlichen Plan von einem durchschnittlichen Preis von 69 Dollar pro Barrel russischen Ural-Öls aus und von 3 Prozent Wirtschaftswachstum jährlich.
Mehrwertsteuer steigt
Die Realität ist trüber: Russland steckt in einer Stagflation: Das Wachstum der vergangenen Jahre droht in eine leichte Rezession zu wechseln, da fast allen Sektoren [3][neben der Rüstungsbranche] erheblich schwächeln. Zugleich ist die Inflation mit 6,6 Prozent weiter hoch. Ein Leitzins von 16 Prozent – höher als in der kriegsgeschundenen Ukraine – ermöglicht kaum noch private Investitionen. Um die Kriegskosten zu finanzieren, erhöht Kremlchef Wladimir Putin die Mehrwertsteuer zum Jahresbeginn von 20 auf 22 Prozent und schafft fast alle Steuerprivilegien für den Mittelstand ab.
Schon jetzt zahlt Russland für den Schuldendienst so viel wie Großbritannien. Darauf weisen die russischen Finanzanalysten Alexander Kolyandr und Alexandra Prokopenko hin. Sie sagen eine Staatsschuldenkrise voraus. Doch auch 3 Prozent Haushaltsdefizit oder ein Schuldenstand von 70 Prozent wären im Vergleich zu den hohen Budgetlöchern und Staatsschulden vieler EU-Länder gering. Gefährlich würden nur richtig harte Sanktionen: Ein von westlichen Staaten verhängter Ölpreisdeckel für russisches Rohöl von 30 Dollar pro Barrel hätte dem Land seit dem Ukraine-Überfall 162 Milliarden Euro Einnahmen genommen. Allein im November hätte Moskau laut Crea ein Drittel weniger kassiert.
2 Jan 2026
LINKS
[1] /Neue-Sanktionen-gegen-Russland/!6123393
[2] /Trump-verhaengt-Sanktionen-gegen-Putin/!6123398
[3] /Aufruestung-in-Russland/!6134160
AUTOREN
TAGS
Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
ARTIKEL ZUM THEMA
Ganz Europa kauft russische Energie: Moskaus fleißige Zahlmeister
Nicht nur die Slowakei und Ungarn kaufen Energie aus Russland. Auch andere europäische Staaten, darunter Deutschland, füllen Putins Kriegskasse.
Rubio in der Slowakei und Ungarn: Die USA auf Atom- und Anti-Putin-Kurs
US-Außenminister Rubio unternimmt einen Angriff auf die Kreml-Kasse: Washington will Putin seine lukrativen Energiegeschäfte mit EU-Staaten nehmen.
U-Boot-Deal geplant: Merz auf Werbetour in Indien
Vor dem Kanzlerbesuch in Indien zeichnet sich ab, dass der milliardenschwere Rüstungsdeal von ThyssenKrupp kurz vor dem Abschluss steht.
Russland nach Angriff auf Venezuela: Moskau verliert mehr als Macht
Das Kidnapping des Diktators Maduro und Präsident Trumps geplanter Zugriff auf Venezuelas Öl haben Konsequenzen für Russland – und dessen Kriegs-Etat.
Treffen zwischen Trump und Selenskyj: Neuer Gipfel zur Ukraine kurz nach Jahresbeginn geplant
Das Tempo der Verhandlungen über ein Ende des Kriegs in der Ukraine zieht an: Nächste Woche soll wieder getagt werden. Die Kämpfe gehen derweil weiter.
Russlands Wirtschaft: Fachkräftemangel und Rassismus
Wegen fehlender Arbeitskräfte bräuchte Russland Zuwanderung von Menschen aus dem Ausland. Doch es gibt vermehrt rassistisch motivierte Gewalt.
EU einigt sich: Endgültiges Aus für russisches Gas
Spätestens am 1. November 2027 ist Schluss mit Gaslieferungen aus Russland. Ungarn und die Slowakei wurden überstimmt. Öl wird weiter importiert.