taz.de -- Die Kunst der Woche: Der Körper zwischen Hütten und Plattenbau

Beverly Buchanan lässt Architekturen verwittern. Sven Johne denkt über den militarisierten Körper nach – und Trey Abdella wird winterwütend.

Bild: Die sogenannten Shacks von Beverly Buchanan im Haus am Waldsee

Wie es sich wohl in den Hütten lebt, in diesen kleinen Verschlägen aus verwittertem Holz und – süß – mit zusammengeklaubten Knöpfen verziert? In den großzügigen Räumen im Haus am Waldsee schrumpfen die behelfsmäßigen Klohäuschen, die Kirchen mit krummem Christenkreuz auf dem Dach oder die scheinbar gleich zusammenfallenden Behausungen noch ein bisschen mehr ein. Sie sind nur eine Miniaturwelt, eine Art Slum im Puppenformat, aufgebaut in einer tatsächlichen Berliner Villa, die ein Investor Anfang des 20. Jahrhunderts als Teil einer Villenkolonie errichten ließ. Die gesellschaftlichen Kontraste sind räumlich spürbar, denen die US-amerikanische Künstlerin Beverly Buchanan mit ihren hier gezeigten Bildhauerarbeiten, Zeichnungen, Texten und Filmen nachgeht.

Was das Gebaute über Gesellschaft und Leben erzählen kann, interessierte Beverly Buchanan, die 2015 im Alter von 74 Jahren verstarb. Schon in den 70ern, während ihrer Zeit in New York, versuchte sie mit ihren Black Walls den Verfall der Stadt künstlerisch zu bearbeiten, ließ auf Platten mit schwarzen Oberflächen die Erosion von Fassaden sichtbar werden.

Im Haus am Waldsee sind ihre architektonischen Fragmente aus Beton zu sehen. Kleine abstrakte Formen, auf dem feinen Parkettboden aufgereiht, fast wie Skulpturen des Minimalismus. Nur nicht so marktkonform slick, sondern rau und verwittert sind sie.

Auch bei Klemm’s geht es um die Versehrtheit von Architekturen und Räumen – und um den Körper, den Körper nach dem Krieg. Dafür begegnet Sven Johne auf einer alten Videoaufnahme seinem 1990er-Jahre-Ich. Bei einer Performance als Kunststudent ließ sich der 1976 Geborene nackt abkärchern. Während sich auf der Haut des jungen Johne vom harten Wasserstrahl immer mehr rote Schlieren bilden, erzählt seine heutige Stimme aus dem Off von den Männern seiner Familie.

Sie seien alle akkurate Soldaten gewesen in der Wehrmacht oder in der Nationalen Volksarmee der DDR, in seiner ostdeutschen Nachwendejugend sei man in die Bundeswehr gegangen.

Derweil hängen auf der gegenüberliegenden Wand Fotografien von Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg. Man sieht auf den aneinandergereihten Schwarz-Weiß-Bildern die von Kriegsgerät entstellten Gesichter, mit Prothesen grob wieder geflickt. Doch ihre Münder sind von Händen verdeckt, heutige Hände, wie es die Farbfotografien zeigen. Der pflichtbewusste Soldat darf also nicht sprechen. Aber die Architektur tut es, wenn Johne auf einer weiteren Wand Schwarz-Weiß-Fotografien von historischen Stadtzentren im Odergebiet zeigt. Nichts hat der Zweite Weltkrieg von ihrer Geschichte übrig gelassen.

Bei Kraupa-Tuskany Zeidler ist dann das absolute Kontrastprogramm zu sehen. Der New Yorker Künstler Trey Abdella, Jahrgang 1994, hat hier Winter und Weihnachten zum Kommerz-Horror inszeniert. Nichts Neues eigentlich. Aber wie er hier auf seinen bildhauerisch ausbrechenden Leinwänden die kitschige, von Eiskristallen übersähte Deko-Malerei im Stil der weihnachtlichen Coca-Cola-Werbung mit rosigwangigen Kindergesichtern, Schlittschuhidylle und schmonzettenhafter Liebesromantik mit schwelender Aggression in Abgründe wirft, kann man sich einmal anschauen. Da schimpfen Tom und Jerry, und Engel versinken im Zuckerguss.

14 Jan 2026

AUTOREN

Sophie Jung

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