taz.de -- Propalästinensische Demo in Connewitz: Wenn Linke anfangen, Staaten zu verteidigen
Connewitz war der Tiefpunkt der innerlinken Auseinandersetzung. Auf beiden Seiten schlägt Lagerdenken in die Rechtfertigung von Herrschaft um.
Bild: Antifa, schön und gut, aber welche Antifa? Büro von „Linkxxsnet“ in Connewitz, Leipzig
Am liebsten will man ignorieren oder verdrängen, was die radikale Linke am Wochenende in Connewitz abgeliefert hat. Es bereitet Kopfschmerzen, und zwar von allen Seiten.
Auf der einen Seite: Sogenannte Anti-Deutsche, die sich mit Israel und sogar dessen Armee solidarisieren, trotz der laut UN als Völkermord zu bezeichnenden Verbrechen in Gaza. Auf der anderen Seite: Antiimperialisten, die teils das mordende Mullah-Regime verteidigen (oder gleich die Hamas), nur weil diese gegen Israel sind. Die, die sich am Connewitzer Kreuz gegenüberstanden, wirkten wie Karikaturen ihrer jeweiligen Lager. Reale Probleme, wie [1][die rassistischen Tendenzen in der antideutsch geprägten Linken in Leipzig], konnten so gar nicht verhandelt werden. Warum sich also überhaupt mit dem peinlichsten aller innerlinken Konflikte auseinandersetzen? Was, bitte, soll das bringen?
Vielleicht immerhin eines: die Erinnerung daran, das Linke oft dann auf Irrwege geraten, wenn sie beginnen, eine Herrschaftsordnung zu verteidigen. Das klingt banal, scheint heute aber in Vergessenheit geraten zu sein. Man sitzt mit Kommunist:innen in einer Kneipe und hört präzise Analysen über Polizeigewalt in Deutschland – und im nächsten Moment Rechtfertigungen von Staatsrepression in (historischen) sozialistischen Staaten. Anti-Ds sprechen von antiautoritärer Praxis, nur um sich [2][zu winden und zu ächzen, wenn es um die systematische Unterdrückung palästinensischen Lebens in Israel geht].
Was hier passiert, ist, dass Menschen eine blinde Loyalität gegenüber der vermeintlich „richtigen“ Seite entwickeln. Sie sind dann nicht mehr in erster Linie loyal mit dem Kampf um Befreiung, sondern mit den Organisationen, die diesen Kampf vermeintlich ausführen. Was sie wiederum blind macht gegenüber den Verbrechen, die diese Organisationen begehen.
Marx hilft
Gegen diese Verirrungen hilft die Erinnerung an die alte Phrase, dass die Geschichte eben eine Geschichte von Klassenkämpfen ist. Und der Klassenkampf geht auch im Sozialismus noch weiter. Im Klartext: Natürlich braucht es Organisationen, aber sie sind nie ein Zweck für sich. Linke Organisationen müssen stets dadurch ihre Berechtigung beweisen, dass ihre Handlungen noch im Einklang mit dem Ziel der Befreiung stehen. Ist das über einen längeren Zeitraum nicht mehr der Fall, muss sich der Kampf auch gegen sie richten.
Wer wirklich Solidarität verdient, ist deshalb nie irgendeine Seite, sondern es sind immer Menschen, die in einer konkreten Situation versuchen, die Bedingungen ihres Lebens zu verbessern. Aus dieser Perspektive lässt sich dann auch zusammendenken, was im Lagerdenken widersprüchlich scheint: Die Solidarität mit den Menschen in Gaza, die Widerstand gegen Israel leisten, und dem Widerstand gegen die Hamas, die nicht für Befreiung steht. Mit allen, die in Israel für gleiche Rechte für alle kämpfen und jenen, die in Teheran ihr Leben für die Freiheit aufs Spiel setzen.
Die gute Nachricht lautet: Es gibt viele Linke, die das intuitiv sehr gut verstehen, sowohl auf palästinasolidarischer Seite als auch in der autonomen Antifa. Mit diesen Menschen lassen sich die entscheidenden Kämpfe der Gegenwart führen. Und all die Widersprüche, die sich aus einer solchen Haltung ergeben, muss man eben aushalten. Sie machen das Leben spannend.
18 Jan 2026
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