taz.de -- Entmietung der Habersaathstraße: Zertrümmerte Türen und Bäder

Der Hauseigentümer rückt mit einem Abrisstrupp in dem umkämpften Haus an – und lässt Dutzende Wohnungen zerstören. Die Bezirkspolitik soll er vorher informiert haben.

Bild: Keine Türen, keine Bewohner – das ist die Logik

Über sechs Etagen, je mit vier Wohnungen, bietet sich ein Bild der Zerstörung. Die Türen sind eingetreten und aus den Angeln gehoben, Waschbecken, Toilettenschüssel und Wannen sind zerschlagen, teilweise läuft das Wasser ungehindert in die Wohnungen und steht zentimeterhoch über dem Boden. Auch die Wohnräume, teilweise voll eingerichtet, sind zum Teil verwüstet. Im Keller tropft das Wasser in den Stromverteilerkasten.

Daniel Diekmann, einer der letzten Altmieter in dem [1][Plattenbau in der Habersaathstraße] in Mitte, läuft fassungslos durch das Treppenhaus des Aufgangs mit der Nummer 48, in der einzig seine Wohnung, von 24 insgesamt, unversehrt geblieben ist. Ein ähnliches Bild zeigt sich auch im Eingang daneben, in der Hausnummer 44. Hier steht ein Bewohner verängstigt in seiner Wohnungstür. Auf Englisch sagt er: „Ich war in der Wohnung, habe durch die Tür kommuniziert, trotzdem sind sie eingebrochen.“ Resigniert fügt er hinzu: „Ich kann nirgendwo anders gehen.“

Aus den Berichten der Bewohner:innen wird deutlich, was an diesem Donnerstag in dem seit Jahren umkämpften Haus passierte. Gegen Mittag rückte der Eigentümer Andreas Pichotta mit acht bis zehn vermummten Männern an, die sich dann brachial durchs Haus pflügten. Alarmierte Polizist:innen seien angerückt und dann zunächst unverrichteter Dinge wieder gefahren, sagt Diekmann. Eine Anzeige habe er nicht aufgeben können, stattdessen sei ihm der Vorwurf gemacht worden, unrechtmäßig den Notruf gewählt zu haben.

Pichotta, der das Haus 2017 kaufte, möchte an der Stelle des in seiner Bausubstanz intakten Hauses einen rentableren Neubau errichten. Um das ehemalige Schwesternwohnheim der Charité abzureißen, muss er allerdings die letzten Altmieter loswerden, die sich dagegen bislang erfolgreich wehren. [2][Pichotta versucht es mit Schikanen] und immer neuen – erfolglosen – Gerichtsverfahren. Seit einer Besetzung von bereits leer gezogenen Wohnungen durch Obdachlose im Jahr 2021 versucht er auch diese, teils mit gewaltvollen Methoden zu vertreiben. Seit 79 Tagen ist im Haus die Heizung abgestellt.

Es soll für alle unbewohnbar werden

Die rechtliche Lage ist kompliziert. Einige der am Donnerstag zerstörten Wohnungen stehen leer, gegen andere gibt es erfolgreiche Räumungstitel, die zum Teil an den kaputten Türen kleben. [3][Zu einigen Räumungen war es bereits im Oktober gekomme]n, andere Verfahren gegen die etwa 50 verbliebenen Besetzer:innen stehen noch aus.

Doch auch sie, sowie mindestens ein Altmieter, sollen von der Zerstörung betroffen gewesen sein, ebenso Wohnungen, die durch ein ebenfalls im Haus ansässiges Hotel vermietet werden, etwa an ukrainische Bauarbeiter. Für einige Bewohner:innen, die am Nachmittag vor dem Haus zusammenstehen, ist klar: Hier werde mit „kriminellen Machenschaften“ vorgegangen.

Für die Bezirkspolitik ist die Sachlage wohl weniger eindeutig. Und auch Pichotta sieht sich offensichtlich im Recht. Dafür spricht, dass der Eigentümer noch am Mittag vor dem Einsatz mit seinem Abrisstrupp eine entsprechende Ankündigungs-Mail an Mittes Bezirksbürgermeisterin Stefanie Remlinger (Grüne) geschrieben haben soll. So habe diese es Diekmann berichtet.

Während die fassungslosen Bewohner:innen in der Kälte stehen, sitzen der hinzugekommene Pichotta, Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) und die Bundestagsabgeordnete des Bezirks, Hanna Steinmüller (Grüne), in Räumlichkeiten des Habersaath-Hotels zusammen. Nur einmal kommt Gothe kurz heraus und kündigt an, die Bezirksverordnetenversammlung über die Vorgänge zu unterrichten. Zur Beruhigung sagt er noch: Es werde an diesem Tage nichts mehr passieren. Einzig die Personalien von zwei unbekannten Besetzer:innen sollen noch aufgenommen werden.

Unterdessen hat Diekmann, der unermüdliche Kämpfer gegen das Profitstreben mit dem Wohnraum in der Habersaathstraße, Sorge, dass Pichotta mit der Aktion seinem Ziel näher gekommen ist. Seine Befürchtung angesichts der beschädigten Stromversorgung: Die Bauaufsicht des Bezirks könnte aufgrund akuter Gefahren das weitere Wohnen im Haus untersagen.

22 Jan 2026

[1] /Raeumungsbedrohte-Habersaathstrasse/!6141094

[2] /Verdraengung-in-Berlin/!5967747

[3] /Raeumung-der-Habersaathstrasse-in-Berlin/!6117992

AUTOREN

Erik Peter

TAGS

Kolumne Bewegung

Im Haifischbecken

Gentrifizierung

Schwerpunkt Gentrifizierung in Berlin

Entmietung

Schwerpunkt Gentrifizierung in Berlin

ARTIKEL ZUM THEMA

Housing Action Days in Berlin: Das Geld kommt nicht von nirgendwo

Die Miete der einen ist die Dividende der anderen. Die Mieter:innenbewegung stellt sich dem Geschäftsmodell privater Wohnungskonzerne entgegen.

Leerstand und Eigenbedarf in Berlin: Auch kleine Haie beißen

Eigenbedarf, Leerstand, Verfall: Der Fall eines privaten Vermieters in Berlin zeigt, dass nicht nur große Konzerne systematische Entmietung betreiben.

Stadtteilküche weggentrifiziert: Sollen die Armen doch woanders essen

Im halb gentrifizierten Hamburg-Ottensen wird der Stadtteilküche „La Cantina“ gekündigt. Die Linke will sich nicht damit abfinden.

Räumungsbedrohte in Berlin-Mitte: Ohne Heizung ins neue Jahr

Die Mieter der Habersaathstraße trotzen weiter einem Eigentümer, der nichts unversucht lässt, um sie rauszuekeln. Hoffnung macht ein Gerichtsurteil.

Entmietung in der Habersaathstraße: „Ein Beispiel, dass Kämpfen sich lohnt“

Vor dem Bezirksamt Mitte demonstrieren Bewohner:innen der Habersaathstraße 40–48 gegen Abrisspläne, fehlende Heizung und die schweigende Politik.

Besetzung in der Habersaathstraße: Entmietung mit allen Mitteln

In der teilbesetzten Habersaathstraße versuchen Securitys Bewohner:innen zu verjagen. Die Linke will eine treuhänderische Verwaltung der Häuser.