taz.de -- Demonstrationen für „Rojava“: Was uns auf die Straße treibt
Bundesweit protestieren Kurd*innen gegen den Vormarsch der syrischen Armee in Nordsyrien. Nun macht sich eine „Karawane“ auf den Weg dorthin.
Für die kurdische Identität
Was mich empört: Sie verhöhnen uns auf Social Media und machen sich über uns lustig. Da ist zum Beispiel das Video, in dem [1][ein Kämpfer von der syrischen Seite] die Haare und den Zopf von einer kurdischen Kämpferin zeigt. Er hat ihn ihr abgeschnitten. Daher flechten wir unserer Haare jetzt zu Zöpfen: um dagegen zu protestieren.
Ich lebe erst seit einem Jahr in Berlin. Ich bin in der Türkei aufgewachsen und habe mein ganzes Leben lang meine Muttersprache nicht gesprochen. Meine Mutter spricht Kurmanci, aber ich verstehe es nicht gut. Ich lerne die Sprache erst, seitdem ich in Berlin bin.
In der Türkei habe ich nichts über meine Sprache und meine Kultur gelernt. Wenn Leute dort gehört haben, dass ich kurdisch bin, haben sie oft direkt gesagt, ich sei eine Terroristin. Niemand akzeptiert uns dort als Kurden, überall sind wir ausgeschlossen. In Berlin sind die Menschen offener und freundlich. Hier zu leben ist besser für meine Zukunft: Hier kann ich meine Sprache und Kultur leben, und hier können wir auch für unser Land und unsere Menschen auf der Straße demonstrieren.
Ich bin jetzt am dritten Tag auf den Demos. Vorher wusste ich nicht, dass sie stattfinden. Jetzt ist Krieg in Kobanê und Rojava, das ist sehr schlimm und traurig. Mein Volk wird zerstört, weil es kurdisch ist. Die Welt blickt weg und wendet sich ab und ignoriert die Verbrechen. Es dürfen nicht noch mehr Menschen sterben. Wir wollen Freiheit und [2][dass das Sterben und Töten aufhört]. Wir sind alle Menschen – ob wir kurdisch, deutsch oder syrisch sind, das ist unwichtig. Wichtig ist nur, dass wir in Frieden leben.
Layla Q., 18 Jahre alt, studiert in Berlin (Name geändert)
Aus Angst um die Verwandten
Die letzten Tage war ich regelmäßig auf Demos. Denn seit einer Woche ist wieder Krieg in Rojava. Die Lage ist schlecht. Ich wünsche niemandem, dass sie Krieg erleben. Ich bin selbst im Krieg geboren, in Quamischlo. Ich habe den Krieg auch selbst erlebt.
Seit sieben Jahren lebe ich in Berlin, und jetzt mache ich mir Sorgen um meine Familie dort. Normalerweise telefonieren wir, aber gerade haben sie in Kobanê kein Internet. Wir haben Angst um sie. Die Lage dort ist so schlecht. Wir hören auch, dass sie kein Essen haben und es ist extrem kalt. Sie wollen nur Freiheit – und dass die Angriffe und das Töten aufhören.
Außer demonstrieren können wir nichts machen. Viele Leute machen sich jetzt auf den Weg dahin. Aber das wird nicht so viel bringen. Die Leute werden weiter sterben, es wird noch mehr Verluste geben. Was der IS macht, ist unterirdisch. Nur weil unsere Frauen kämpfen, sagen sie, ihr seid keine Muslime. Sie stehen null Prozent zu Frauenrechten. Bei uns stehen die Rechte der Frauen an oberster Stelle. Es tut einfach weh, zu sehen, was sie mit unseren Frauen und Mädchen machen. Wir sind nicht nach Deutschland gekommen, um hier zu demonstrieren. Aber gerade bleibt uns nichts anderes übrig: Wir wollen schreien, [3][damit alle sehen, dass die Menschen in Rojava in einer schlechten Lage] sind. Wir wollen Präsenz zeigen, und hoffen, dass alles gut wird in Quamischlo.
Deutschland unterstützt uns, und ich glaube auch, dass sie am Ende etwas machen werden. Wenn ich die Videos und Bilder sehe von meiner Stadt und von der Straße, in der ich aufgewachsen bin, das nimmt mich sehr mit. Da sterben jetzt Leute. Mein Onkel und meine Tante leben noch dort. Ich weiß aber nicht, was mit ihnen ist, weil es kein Internet gibt. In der Schule habe ich syrische Freunde, mit denen ich auch darüber spreche, und wir haben auch syrische Nachbarn. Ich habe nichts gegen Syrer – mit denen, die hier sind, verstehen wir uns gut.
Azad A., 19 Jahre alt, Schüler aus Berlin (Name geändert)
Um Rojava zu verteidigen
Es war alles sehr spontan. Die Lage ist sehr dynamisch hier, aber auch vor Ort in Rojava. Daher haben wir die Notwendigkeit gesehen, vieles hier einfach stehen und liegen zu lassen und loszufahren. Donnerstag haben wir uns entschieden, das hieß dann, Freitag nach der Arbeit Tasche packen und auf geht’s. Denn Rojava wird angegriffen und Kobanê ist abgeriegelt. Mit der Karawane geht es uns darum, Grenzen zu überwinden, und das möglichst so, dass die Öffentlichkeit darüber und über die Situation in Rojava informiert bleibt. Es ist für uns ein Mittel des zivilen Widerstands. Wir wollen Kobanê verteidigen als [4][Symbol für den Widerstand gegen den Faschismus] weltweit.
Rojava wird seit 2012 selbst verwaltet. Alle Menschen dort werden in Entscheidungen vor Ort einbezogen, besonders auch die Stimmen von Frauen, und Frauenstrukturen werden aufgebaut. Es ist eine internationalistische Bewegung, die auf Frauenbefreiung, Ökologie und Demokratie aufbaut, und inspiriert Menschen weltweit.
In Rojava erproben sie einen anderen Weg, miteinander zu leben. Sie zeigen, dass es eine realistische Alternative zu unserem System gibt, in dem niemand unterdrückt wird. Aber aktuell geht es auch darum, die Bevölkerung dort zu unterstützen. Wir sind in Berlin Teil der jungen Frauenkommune von Yuna – Demokratische Jugend, das ist eine bundesweite sozialistische Jugendorganisation. Wir arbeiten schon länger zur Solidarität mit Rojava.
Unser Ziel ist, dort auch anzukommen. Aktuell sind wir mit unseren Arbeitgeber*innen im Kontakt, um etwa extra Urlaubstage auszuhandeln. Wir versuchen einfach, Lösungen zu finden für alles und so viel Zeit wie möglich auszuhandeln. Mit unseren Genoss*innen sind wir im Bus unterwegs. Am Samstag waren wir dann schon in Leipzig, von wo aus wir direkt nach Wien weitergefahren sind.
Hannah S., 21 Jahre als, Teilnehmerin der Karawane, die am Freitag von Hannover über Berlin nach Kobanê gestartet ist (Name geändert)
25 Jan 2026
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Schwerpunkt Syrische Demokratische Kräfte (SDF)
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