taz.de -- Unterwegs zwischen Torte und Theater: Unser entspanntes Lifestyle-Leben

Auch frĂĽh endende Abende verhindern nicht zu wenig Schlaf. Dagegen hilft nur: Schlaf. Und der Februar beginnt mit gleich mehreren ZirkelschlĂĽssen.

Bild: Nach Agnes Bernauer wurde eine Torte benannt, sie selbst wurde 1435 als Hexe in der Donau ertränkt: „What a year, huh?“

Auf die Gefahr hin, dass ein nacherzähltes Meme so gut funktioniert wie die U-Bahn während eines Verdi-Streiks: Sitzen Captain Haddock, Tim und Struppi in einer Bar. „What a year, huh?“ – „Captain, it’s February“.

Freitagmorgen, meine Mutter ruft an. Sie arbeitet Teilzeit, es ist ihr freier Tag. (In Wirklichkeit macht sie freitags nicht frei, sondern arbeitet weg, was sie unter der Woche nicht geschafft hat.) Schon an ihrem „Na, Schatz?“ höre ich, dass sie besorgt ist. Ich habe, erfahre ich, am Vortag nicht angerufen, um ihrem Mann zum Geburtstag zu gratulieren. Ob alles in Ordnung sei? Alles okay, ich habe es schlicht vergessen. Welches Datum haben wir heute? What a year, huh?

Zur Wahrheit gehört auch, dass ich am Vorabend auf einer anderen Geburtstagsfeier war. Ganz arbeitgeber*innenfreundlich sollte um 21 Uhr Schluss sein. Es gab Champagner und Kuchen, darunter eine Agnes-Bernauer-Torte. Die Namensgeberin lebte im Jahr 1435. Ihr Schwiegervater (oder der Vater ihres Boyfriends, wer weiß) hatte sie in einem Schauprozess zur Hexe erklären lassen, anschließend wurde sie in der Donau ertränkt. Sie war 25 Jahre alt.

Seit 1954 backt die Konditorei Krönner in Straubing die Torte zu Agnes’ Ehren. Das Rezept gehört zum „Genuss-Erbe Bayern“ (eigenwillige Auszeichnung in dem Zusammenhang, aber okay) und lässt sich leicht googeln.

Wo war ich? Ah, Partygespräche. J. erzählt in kleiner Runde, nur aus zweiter Hand und man möge ihn bitte nicht zitieren, von einem recht bekannten Künstler, der sich … und das dort, wo … Okay, also welches Jahr haben wir? Im Oktober 2027 [1][jährt sich #MeToo zum zehnten Mal]. Wenn jemandem das Wohlbefinden der Frauen egal ist, mit denen er in einer asymmetrischen Machtbeziehung steht, ist das traurig genug.

Aber wo sind seine Selbstschutzmechanismen? Warum ist er nicht froh, bislang unbeschadet davongekommen zu sein, und hält die Hände still? Wir einigen uns auf die naheliegendste Erklärung: Hybris. Die zweitwahrscheinlichste wäre Triebtätertum.

Einschlafen im Theater

Am Abend feiert an der Volksbühne ein neues Stück Premiere: [2][„Irgendwas ist passiert“ von Fabian und Anne Hinrichs]. Der Saal brummt wie 50 aufgeregte Captain Haddocks. Als der eiserne Vorhang sich lüftet, ist es, als hätte die Bühnenbildnerin Nina von Mechow Roxy Musics Song „In Every Dream Home a Heartache“ nachgebaut. Das Gebäude schlingert melancholisch über die Drehbühne, am Ende steht da noch eine Garage, aus deren Innerem es orangerot glimmt. Im Theater gewesen, eingeschlafen. Zu meiner Entschuldigung: Meine Nächte sind wieder extrem kurz.

Am nächsten Abend treffe ich S. in einem Restaurant unweit der Volksbühne. Auf der Wochenkarte steht ein Dessert namens Scheiterhaufen, das will S. probieren. Wir setzen uns an die Bar. What a year, huh? Weil er gerade mehr Geld auf dem Konto hat und ich neulich für ihn auf einer Wohnungsbesichtigung war, weil er arbeitete, ist er dran mit Einladen. Irgendwann landen wir immer bei der Frage: Wie hast du letzte Nacht geschlafen? S. zieht seit zweieinhalb Jahren von einer Zwischenmiete zur nächsten. Selbst sein zwielichtiger Makler, dem er eine größere Summe Bargeld zahlt, damit er S. Objekte vor allen anderen zeigt, konnte bislang nichts ausrichten.

Ich erzähle S. von dem Medikament, das ich nehme, wenn morgens auf der Uhr eine 4 oder 5 vorm Doppelpunkt steht. Da betritt die Frau das Restaurant, der ich dieses Wundermittel verdanke. Sie ist Schlafmedizinerin; ich lernte sie vor zwei Jahren auf einer Party kennen, und sie diagnostizierte mir eine Frühwachheit wegen zu hohen Cortisolspiegels. Ursache: Stress. Im Internet steht, gegen Stress helfe Schlaf. Das, liebe Kinder, nennt man einen Zirkelschluss. Unser Leben, liebe Kinder, [3][nennen andere Menschen einen „Lifestyle“.]

Weil auch S. seinen Schlaf braucht und ich am Sonntag wie jeden Tag dieser Woche arbeiten werde, gehen wir um 21.30 Uhr nach Hause. What a night, huh?

2 Feb 2026

[1] /Schwerpunkt-metoo/!t5455381

[2] /Urauffuehrung-in-der-Volksbuehne-Berlin/!6150158

[3] /Debatte-um-Arbeit/!6147017

AUTOREN

Anne Waak

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