taz.de -- Ökonom über transatlantische Beziehungen: „China nur als Konkurrenten zu sehen, ist falsch“
Europa müsse sich aus der Abhängigkeit von den USA lösen, sagt Ökonom Patrick Kaczmarczyk. Dazu brauche es einen aktiveren Staat und neue Allianzen.
taz: Herr Kaczmarczyk, was haben Sie gedacht, als US-Präsident Donald Trump nicht nur sagte, er wolle [1][Grönland] haben, sondern deswegen auch mit Zöllen drohte?
Patrick Kaczmarczyk: Am Anfang habe ich Trumps Grönland-Drohungen auch nicht ernst genommen. Das war genauso wie sein Gerede, dass Kanada ein US-Bundesstaat werden sollte. Doch dann kam sein Staatsstreich in Venezuela. Da war klar, dass er seine imperialistischen Ambitionen ernst meint. Deswegen haben mich seine Zolldrohungen wegen Grönland nicht mehr überrascht.
taz: Anderen ging es vermutlich ähnlich. Schließlich hatte man schon die erste Amtszeit Trumps überstanden. Bestand deswegen nicht auch bei vielen die Hoffnung, dass seine zweite Amtszeit nicht so schlimm würde?
Kaczmarczyk: Da war Frankreich realistischer. Macron hatte schon in seiner Rede an der Sorbonne neun Monate nach Trumps erster Vereidigung gefordert, dass Europa eine strategische Autonomie gegenüber Amerika brauche. Das war vor fast einem Jahrzehnt. In Deutschland wurde er dafür fast nur kritisiert, aber vieles von dem, wovor er in seiner Rede gewarnt hat, ist jetzt eingetreten.
taz: Zwischenzeitlich hat Trump die Zolldrohungen zurückgenommen. Dafür wird jetzt über Grönland verhandelt. [2][Bundeskanzler Friedrich Merz sagte in Davos, dass Europa die Message von Trump verstanden habe]. Stimmt das?
Kaczmarczyk: Spätestens jetzt sollte jedem in Europa klar sein, wohin dieser naive Transatlantismus der letzten Jahrhunderte geführt hat. Wir haben uns in extreme Abhängigkeiten von den USA begeben. Das betrifft nicht nur die Sicherheitspolitik, sondern auch die Wirtschaft.
taz: Europa ist der größte Gläubiger der USA. Ist die Abhängigkeit nicht gegenseitiger Natur?
Kaczmarczyk: Das Überschussland hat in einem Handelskrieg immer mehr zu verlieren als das Defizitland, auch wenn beide Seiten Schaden nehmen. Und an der schlechten Verhandlungsposition ist Deutschland mit seiner ordoliberalen Wirtschaftspolitik selbst schuld.
taz: Warum?
Kaczmarczyk: Dadurch, dass man gesagt hat, dass sich der Staat weitestgehend aus der Wirtschaft heraushalten soll, und man auf die Exportwirtschaft statt auf einen starken Binnenmarkt gesetzt hat, war man in Deutschland immer abhängig von Impulsen aus dem Ausland. Die USA mit ihrem großen Markt waren immer so etwas wie ein consumer of last resort für deutsche Konzerne. Und wenn Trump jetzt mit Zöllen droht, dann ist dadurch die Nachfrage für Waren made in Germany in Gefahr. Deswegen funktioniert das deutsche Geschäftsmodell auch nicht mehr in Zeiten des Protektionsmus.
taz: Wie sollte die Bundesregierung wirtschaftspolitisch auf Trumps Imperialismus reagieren?
Kaczmarczyk: Deutschland und Europa müssen sich von den transatlantischen Abhängigkeiten lösen. Dafür braucht es erst mal einen neuen Pragmatismus. Die Wirtschaftspolitik muss sich endlich vom allgemeinen Spardiktat und der Fixierung auf den Export verabschieden. Ansonsten werden hier die Lage für die Industrie und auf dem Arbeitsmarkt noch düsterer [3][und die Verteilungskämpfe noch schärfer].
taz: Was bedeutet das konkret?
Kaczmarczyk: Auf europäischer Ebene ist eine Reform der [4][Schuldenregeln von Maastricht] notwendig. Diese setzen den EU-Mitgliedern viel zu enge fiskalische Grenzen. Denn wenn die USA als Absatzmarkt wegfallen, muss erst mal der Staat einspringen und Nachfrage schaffen. Zudem müssten auch die EU-Regeln für staatliche Beihilfen gelockert werden, damit in Europa wieder eine aktivere Industriepolitik betrieben werden kann, die den Unternehmen bei der Transformation hilft und allgemein stabilere Rahmenbedingungen schafft. Da ist man zum Beispiel in Deutschland [5][schon mit dem Industriestrompreis an beihilferechtliche Grenzen gekommen].
taz: Birgt eine höhere Staatsverschuldung nicht auch die Gefahr einer neuen Eurokrise?
Kaczmarczyk: Deswegen sollte die Europäische Zentralbank die europäischen Staaten auch mit ihrer Geldpolitik unterstützen und letztinstanzlich hinter Schuldentiteln stehen. Große Finanzakteure sollten wissen, dass sie nicht gegen einzelne Staaten spekulieren können, wie es in der Eurokrise etwa mit Griechenland passiert ist. Sie sollten wissen, dass sie sich dann immer mit der EZB und dem ganzen Euroraum anlegen.
taz: Die EU versucht sich mit Freihandelsabkommen wie mit den [6][lateinamerikanischen Mercosur-Staaten] oder Indien unabhängiger von den USA zu machen. Inwiefern wäre der Globale Süden ein strategischer neuer Partner für Europa?
Kaczmarczyk: Strategisch könnte es sich tatsächlich für Europa lohnen, den Globalen Süden aufzubauen und als langfristigen Partner zu gewinnen. Freihandelsabkommen helfen dabei aber nur bedingt. Einerseits sind sie kein Ersatz für die Binnennachfrage, die viel wichtiger ist als der Außenhandel mit Drittstaaten. Andererseits sind [7][die Probleme gerade in den ärmsten Ländern der Welt zu gravierend]. Um diese anzugehen, müsste man an die Grundfesten der internationalen Finanzpolitik und Entwicklungshilfe heran.
taz: In Ihrem aktuellen Buch fordern Sie deswegen auch eine Reform internationaler Institutionen. Wie sollte diese aussehen?
Kaczmarczyk: Entwicklungs- und Schwellenländer müssen deutlich mehr Spielräume bei ihrer Entwicklung bekommen. Man muss ihnen das Recht auf Protektionismus einräumen, damit sie ihre Wirtschaft fördern können. Und Institutionen wie der Internationale Währungsfonds sollten ihre Hilfen nicht mehr an Forderungen nach neoliberalen Reformen knüpfen. Staaten wie Indien und China konnten erfolgreich wachsen, weil sie den Spielraum hatten, sich von diesen marktliberalen Dogmen zu lösen.
taz: [8][China wird längst vor allem auch in Deutschland als Konkurrent wahrgenommen, der etwa hiesige Autobauer im Wettbewerb aussticht]. Besteht nicht die Gefahr, dass so noch neue Konkurrenten herangezüchtet werden?
Kaczmarczyk: Wenn wir in dieser Denkweise agieren, müssten wir de facto versuchen, das Wachstum in sämtlichen Schwellen- und Entwicklungsländern zu unterbinden. Damit geraten wir aber genau in das Nullsummendenken, das die gegenwärtigen Spannungen in der Welt befeuert. China nur als Konkurrenten zu sehen, ist falsch.
taz: Aber auch China kämpft in der Geopolitik und auf dem Weltmarkt mit harten Bandagen.
Kaczmarczyk: Man sollte gegenüber China nicht naiv sein. Es zu verteufeln, ist aber auch falsch. Vielleicht kann Europa aber auch von China zumindest in wirtschaftlicher Hinsicht lernen.
taz: Inwiefern?
Kaczmarczyk: Wenn ein europäischer Konzern in [9][China] investieren wollte, hat Peking das mit Auflagen verknüpft. Europäische Unternehmen mussten etwa Joint Ventures mit lokalen Unternehmen eingehen. So kam es zu einem Wissenstransfer Richtung Fernost, von dem China profitiert hat. Solche Vorgaben könnte Europa jetzt auch chinesischen Unternehmen machen, wenn sie auf den europäischen Markt wollen.
5 Feb 2026
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