taz.de -- Gewalt in Deutschland: Ein gewaltiges Problem

Laut einer Studie erleiden viel mehr Menschen in Deutschland Gewalt als gedacht. Innenminister Dobrindt sieht das Problem vor allem bei den Opfern.

Bild: Perspektive der Betroffenen: Verletzungen gegen Frauen sind meist schwerer als die gegen MĂ€nner

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) hat einen seltsamen Blick auf die Ergebnisse der Dunkelfeldstudie, die er am Dienstag vorgestellt hat. Aus der geht hervor, dass ein großer Teil der Bevölkerung – und ganz besonders oft Frauen – [1][bereits Gewalt erlebt haben], oft durch (Ex-)Partner*innen. Und sie zeigt, dass kaum ein Zehntel der FĂ€lle angezeigt wird, in oder nach Partnerschaften sogar nur ein Zwanzigstel. Dobrindts ErklĂ€rung dafĂŒr: Es liege daran, dass die Opfer die Tat oft „nicht wahrhaben wollen“.

Expert*innen mögen noch so oft darauf hinweisen, dass betroffene Frauen von Polizist*innen nicht ernst genommen werden und TĂ€ter vor Gericht oft unbehelligt davon kommen. Dobrindt, der selber gern in Polizeijacke auftritt, glaubt, es liege an den [2][Opfern]. Und betont gleich noch mal, wie ĂŒberrascht er ĂŒber das Ausmaß der Gewalt sei: „Viel weiter verbreitet als wir alle befĂŒrchtet haben“, sei das Problem, das „konnte so nicht erwartet werden“.

Familienministerin Karin Prien (CDU), die zusammen mit Dobrindt und BKA-Chef Holger MĂŒnch auf dem Podium sitzt, findet etwas passendere Worte. Eine „Taschenlampe“ habe man „ins Dunkle“ gerichtet, sagt sie. Und was die Forscher*innen dabei ans Licht gebracht haben, ist tatsĂ€chlich ziemlich dĂŒster.

Das hat auch damit zu tun, dass die Studie sehr breit angelegt ist. Die letzte reprĂ€sentative Opferbefragung im Auftrag der Bundesregierung stammt von 2004. Damals wurden außerdem nur Frauen befragt. Dieses Mal wurde nicht nur das Feld der Befragten fĂŒr MĂ€nner und nicht binĂ€re Personen geöffnet, die rund 15.000 Teilnehmer*innen wurden auch nach vielen verschiedenen Formen von Gewalt in vielen Bereichen gefragt. Es geht also nicht nur um körperliche Über- und Angriffe im hĂ€uslichen Kontext, sondern auch um psychische Gewaltformen, etwa DemĂŒtigung, Bedrohung, Kontrolle, Manipulation oder Zwang in anderen Bereichen.

Migrantische Frauen und Kinder zuerst

Dadurch entstand ein sehr detailliertes Abbild von Gewalt in der deutschen Gesellschaft, das weit ĂŒber die Hellfeldstatistiken der Polizei hinausgeht, in denen nur angezeigte VorfĂ€lle gezĂ€hlt werden. Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:

Geschlecht: [3][Frauen sind deutlich öfter betroffen als MĂ€nner, das gilt fĂŒr alle Formen von Gewalt], insbesondere aber fĂŒr sexualisierte Übergriffe, BelĂ€stigung und Stalking. Auch psychische Gewalt in oder nach Partnerschaften erfahren Frauen mit knapp 50 Prozent hĂ€ufiger als MĂ€nner mit rund 40 Prozent.

Körperliche Übergriffe durch (Ex-)Partner*innen erlitten in den letzten fĂŒnf Jahren dagegen MĂ€nner und Frauen etwa gleich oft, hier ist jeweils rund jede*r zwanzigste betroffen. Aber: Gewalt gegen Frauen ist im Schnitt deutlich schwerer und öfter auch lebensbedrohlich. Und: Gewalt gegen Frauen geht fast immer von MĂ€nnern aus, wĂ€hrend Frauen außerhalb von Partnerschaften nur selten Gewalt gegen MĂ€nner ausĂŒben.

Alter: JĂŒngere Menschen berichten viel hĂ€ufiger Ziel von Gewalt zu werden als Ă€ltere. Besonders deutlich ist das bei digitalen Formen sowie bei sexueller BelĂ€stigung. Außerdem gaben sehr viele Personen an, wĂ€hrend ihrer Kindheit betroffen gewesen zu sein. So schilderte jede*r Zweite körperliche Gewalt durch Erziehungsberechtigte und jede*r Dritte psychische Gewalt in der Kindheit. Eine*r von vier berichtete zudem, als Kind Gewalt zwischen Elternteilen beobachtet zu haben.

Migrationshintergrund: Wer Elternteile hat, die nach Deutschland eingewandert sind oder selbst immigrierte, erlebt öfter Gewalt als andere. Migrantische Frauen sind noch einmal hĂ€ufiger betroffen, als migrantische MĂ€nner. WĂ€hrend etwa 7 Prozent der migrantischen Frauen in den letzten fĂŒnf Jahren von einem Partner oder Ex-Partner bedroht wurden, waren es unter nicht migrantischen Frauen ca. 5 Prozent. Und bei körperlicher Gewalt in (Ex-)Partnerschaften sind migrantische Frauen mit 8 Prozent sogar doppelt so oft betroffen wie nicht migrantische Frauen mit rund 4 Prozent.

Queerness: Auch wer zur LGBTQ-Community gehört, erfĂ€hrt deutlich hĂ€ufiger Gewalt als andere. So waren in den letzten fĂŒnf Jahren fast 40 Prozent der queeren Personen von sexueller BelĂ€stigung betroffen, wĂ€hrend es außerhalb dieser Gruppe etwa 25 Prozent waren. Sexuelle Übergriffe erlebten in der queeren Community rund 20 Prozent gegenĂŒber etwa 10 Prozent in der Mehrheitsbevölkerung.

PrĂ€vention – und Sensibilisierung

Dobrindt betonte am Dienstag, die Bundesregierung arbeite daran, die Gewalt zu bekĂ€mpfen, und verwies dabei auf die geplante elektronische Fußfessel fĂŒr verurteilte GewalttĂ€ter. NĂ€hert sich der TrĂ€ger der betroffenen Frau, soll diese automatisch gewarnt und die Behörden alarmiert werden. Ende Februar soll das Gesetz in den Bundestag eingebracht werden. Ein weiterer Gesetzentwurf, nach dem K.-o.-Tropfen vor Gericht als Waffe gewertet werden, wird gerade noch zwischen den Ministerien beraten. Solche BetĂ€ubungsmittel werden oft von TĂ€tern verwendet, um Frauen zu vergewaltigen.

Prien kĂŒndigte zudem an, mehr fĂŒr PrĂ€vention tun zu wollen. Die letzte Regierung hatte zwar mit dem Gewalthilfegesetz Anfang 2025 die Finanzierung von FrauenhĂ€usern verbessert, es brauche aber noch mehr Geld, so Prien. Sie verwies zudem auf die vom Bund geförderte Tarn-App des Vereins Gewaltfrei in die Zukunft e. V. Die App ist fĂŒr Außenstehende nicht zu erkennen und soll betroffenen Frauen eine heimliche Möglichkeit bieten, sich zu informieren und Kontakt zu Beratungsstellen aufzunehmen.

Der Opposition im Bundestag reicht das nicht. Die GeschĂ€ftsfĂŒhrerin der GrĂŒnenfraktion Irene Mihalic und die frauenpolitische Sprecherin Ulle Schauws sagten: „Die Dunkelfeldstudie muss uns alle aufrĂŒtteln.“ Man mĂŒsse analysieren, warum so wenige Betroffene Hilfe suchen und dabei auch die von Dobrindt so sorgsam umschifften Behörden in den Blick nehmen: „Die Strukturen in den Strafverfolgungsbehörden, in der Justiz sowie auch in den Beratungsstellen und Einrichtungen mĂŒssen konsequent ineinandergreifen.“

Auch zivilgesellschaftliche Organisationen machen Druck. Dilken Çelebi vom deutschen Juristinnenbund forderte: „Rechtsanwendende aus Polizei, Staatsanwaltschaft und Justiz mĂŒssen verpflichtend zu geschlechtsspezifischer und hĂ€uslicher Gewalt fortgebildet werden – nicht als Option, sondern als Standard.“ Und Erika Krause-Schöne, Bundesfrauenvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei GdP sagte: „Wenn nicht mal fĂŒnf Prozent der (Ex-)Partnerschaftsgewalt ĂŒberhaupt zur Anzeige kommen, muss die Polizei besser vorbereitet und mehr sensibilisiert werden, um rechtzeitig Warnsignale zu erkennen und Betroffene zu schĂŒtzen.“

10 Feb 2026

[1] /Haeusliche-Gewalt/!6153052

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AUTOREN

Frederik Eikmanns

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