taz.de -- Spielfilmdebüt „Hangar rojo“: Die Entscheidung eines Offiziers
Das Historiendrama „Hangar rojo“ verdichtet die ersten Stunden des Militärputsches 1973 aus der Binnenperspektive der chilenischen Luftwaffe.
Bild: Nicolás Zárate, Marcial Tagle und Boris Quercia in „Hangar rojo“
Am Vorabend des 11. September 1973 inspiziert Capitán Jorge Silva noch einmal penibel die Räumlichkeiten für die zukünftigen Kadetten. Als einer der Letzten verlässt der Ausbilder in dieser Nacht die Akademie der chilenischen Luftwaffe im Süden Santiagos. Schon häufen sich die Anzeichen für einen unmittelbar bevorstehenden Militärputsch gegen die linksdemokratische Regierung Allendes.
Aus dem Inneren des militärischen Apparats entwickelt der chilenische Regisseur Juan Pablo Sallato mit „Hangar rojo“ einen konzentriert wirkenden Politthriller in Schwarz-Weiß.
Basierend auf realen Ereignissen und in Anlehnung an das Buch Fernando Villagráns „Disparen a la bandada“, einer Chronik der Verbrechen der chilenischen Luftwaffe (FACH), erzählt das Spielfilmdebüt von dramatischen Situationen. Diese werden die Hauptfigur Capitán Jorge Silva bald dazu zwingen, zwischen militärischem Gehorsam, Loyalität und eigener Verantwortung zu entscheiden.
Dabei gelingt es dem Schauspieler Nicolás Zárate besonders überzeugend, die Unentschlossenheit des Protagonisten gegenüber den drastischen Vorfällen auf dem Militärstützpunkt darzustellen und ausdauernd in unberechenbare Spannung zu verwandeln. Den Vorgesetzten, Untergebenen und selbst Gefangenen begegnet Silva, der als Fallschirmspringer den Ruf einer Legende genießt, stets kontrolliert und mit höflicher Distanz.
Staatsfeinde auch im Hangar gequält
Tatsächlich wurden in Chile 1973 bereits wenige Stunden nach dem Militärputsch Unterstützer der demokratischen Regierung Allendes als Staatsfeinde auch im zentralen Hangar des Flughafens Los Cerrillos eingepfercht und grausam gequält.
Verfassungstreue Militärs, die den Putsch missbilligten, wurden als Gegner umgehend identifiziert, festgenommen und gefoltert. Zu den prominentesten Diktaturopfern aus den eigenen Reihen des Militärs zählt der Luftwaffengeneral Alberto Bachelet, Vater der späteren Präsidentin Chiles, Michelle Bachelet.
General Bachelets Festsetzung findet auch in „Hangar rojo“ Erwähnung. So ahnt Capitán Silva im Film, dass ihm wegen einer Vorgeschichte mit seinem neuen Vorgesetzten Coronel Mario Jahn (Marcial Tagle) ein ähnliches Schicksal drohen könnte, und er versucht, möglichst neutral zu agieren.
Doch die Lage spitzt sich dramatisch zu, als der fanatische Antikommunist Jahn den Capitán mit einer Spezialoperation auf die Probe stellt. Auf einem Transport zum als Gefangenenlager genutzten Estadio Nacional, in dem Silva in früheren Zeiten mit dem Fallschirm eine punktgenaue Landung feierte, kommt es zu einem überraschenden Showdown.
Die Dreharbeiten für den chilenischen Spielfilm fanden auf der anderen Seite der Anden, im argentinischen Mendoza, statt. Der historische Schauplatz der Diktaturverbrechen, der Hangar in Los Cerrillos, existiert nicht mehr. Aus dem ehemaligen Flughafengelände der chilenischen Luftwaffe wurde ein öffentlicher Park und das Terminal ist heute ein Museum für zeitgenössische Kunst. „Hangar rojo“ aber könnte den Ort zurück ins kollektive Gedächtnis befördern.
16 Feb 2026
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